Kultur : Urlaub vom Ich - Becketts "Glückliche Tage"

Reinhard Karger

Von Gras ist nichts zu sehen. Doch sonst gleicht die Bühne sehr genau den Regieanweisungen Samuel Becketts: Wie eine kleine Woge bäumt sich der Erdwall auf, dessen rechte Flanke zu einem mächtigen Kegel geformt ist. Mitten in diesem Hügel steckt Winnie. Blond, mit hellblauem Kleid, von dem nur die obere Hälfte aus dem runden Wall ragt. Dahinter: Weiße Wölkchen auf blauem Himmel, wie auf einer Kitschpostkarte, deren Künstlichkeit durch einen dunklen, ins Bühnenportal ragenden Scheinwerfer unterstrichen wird (Bühnenbild: Christoff Wiesinger). Noch ehe Jutta Lampe nach dem Schrillen des Weckers verzückt ausruft "Wieder ein himmlischer Tag!", ist es offensichtlich: Alles nur schöner Schein - die sonnige Urlaubsstimmung, der klare Horizont, das helle Licht, die emphatische Heiterkeit Winnies. Schon der Titel des 1961 entstandenen Stücks blendet grell optimistische Züge auf, um die Realität nur um so dunkler erscheinen zu lassen: "Glückliche Tage" gab es im Leben dieses im Erdreich eingebunkerten Paares wahrscheinlich nie. Selbst wenn Urs Heftis Willie, ein grunzender Waldschrat, noch flüchtige Spuren sexueller Lust in sich trägt: Die beiden sind innerlich tot und mithin literarische Metaphern der Unmöglichkeit, unterm fesselnden Zwang des sozialen Systems zu leben. Edith Clever, die "Glückliche Tage" in einer Koproduktion des Wiener Burgtheaters und des Berliner Ensembles im Akademietheater inszenierte (ab 7. April im Berliner Ensemble), folgt Becketts präzise kalkuliertem Stück in jedem Detail. Allerdings wäre Becketts grandios offene Vielschichtigkeit noch treffsicherer zur Geltung gekommen, hätte sich Jutta Lampe auf einen nüchterneren, weniger manierierten Tonfall beschränkt, mit dem sie Willie beschwatzt. Auch das ein Indiz Becketts: Die Reduktion des kapitalistischen Menschen aufs armselige Ego, das sich unter Druck zum megalomanischen Weltprinzip aufplustert.

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