Kultur : Urlaub vom Ich

FORUM „Montag kommen die Fenster“

Christiane Peitz

Sind die tot, fragt die Tochter, als sie ihre Mutter auf Arbeit im Krankenhaus besucht. Nein, sagt der Vater mit Blick auf die Patienten, sie schlafen nur.

Vatermutterkind, das sind Frieder, Nina und Charlotte. Es beginnt ganz unmerklich. Als Frieder, der Hausmann (Hans-Jochen Wagner), die Kacheln im Flur hin- und herschiebt, unschlüssig, wie er sie nun verlegen soll. Als Nina, die Ärztin (Isabelle Menke), beim Tapetenabreißen hilft, und er ist viel schneller. Eigentlich sind sie ja glücklich: von Berlin nach Kassel gezogen, wegen Ninas neuem Job in der Klinik. Aber dann greift sie sich den Autoschlüssel, fährt zu den Großeltern, um das Kind abzuholen, schaut durch die großen Scheiben in die Wohnung, wo Charlotte spielt, ein friedliches Bild – und Nina bleibt draußen. Plötzlich gehört sie nicht mehr dazu, plötzlich verschwindet sie aus der eigenen Existenz, geht nicht ans Handy, hinterlässt keine Nachricht.

Es gibt viele Blicke durch Fenster und Glas in diesem Film. Blicke auf Vertrautes, das unversehens weit weg rückt. Nur das Eigenheim, das Nina und Frieder gerade renovieren, um ihr Leben darin einzurichten, hat blinde Augen: Türen und Fenster sind mit Plastikplanen verklebt.

„Montag kommen die Fenster“: Der Titel spielt darauf an, dass bald alles in Ordnung sein wird. Aber am Montag kommen die falschen Fenster, und nichts ist in Ordnung. Nina fährt zum Bruder und dessen Freundin, die kriegen das auch nicht hin mit der Liebe. Sie fährt weiter in ein Hotel, wo die Gäste sich vergnügen, indem sie mit früheren Tennisstars spielen. Sie schaut zu, schweigt, igelt sich ein. Und zieht sich nackt aus, als sie Champagner trinkt mit dem Tennisprofi Ilie Nastase (als er selbst). Er versteht sie, irgendwie. Ihm behagt das Dasein schon lange nicht mehr.

Ulrich Köhler erweist sich mit seinem zweiten Spielfilm als aufmerksamer Beobachter der Normalität. Er kondensiert und stilisiert die Wirklichkeit auf jene stille Weise, um die sich die „Berliner Schule“ der Minimalisten bemüht, Christian Petzold, Angela Schanelec, Thomas Arslan oder Henner Winckler, der ebenfalls mit seinem zweiten Film „Lucy“ im Forum vertreten ist.

Der vertraute Sex der Eheleute. Die Müdigkeit, die sich in die Zärtlichkeit mischt. Die Sehnsucht, die sich taub anfühlt. Für all das findet Köhler präzise Bilder. Der Gästebus auf dem ovalen Hotelvorplatz, von oben betrachtet: ein Gefährt wie von einem anderen Stern. Mehr noch als in seinem Debütfilm „Bungalow“ verdichtet Köhler solche Momentaufnahmen zu Chiffren des Innehaltens, des Fremdseins in der eigenen Haut.

Am Ende kehrt Nina zurück. Nein, sie sind nicht tot. Vielleicht gibt es sogar eine gemeinsame Zukunft. Bloß dass Nina nicht mehr weiß, wie viel Leben noch in ihr steckt.

Heute 22.30 Uhr (Arsenal), 12. 2., 14 Uhr (Cinestar 8), 19. 2., 20.30 Uhr (Colosseum)

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