Ursula Ackrills Roman "Zeiden im Januar" : Hinter Siebenbürgens Monden

Ursula Ackrill blickt in ihrem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman "Zeiden im Januar" auf ein finsteres Stück rumänischer Geschichte.

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Von Kronstadt nach Nottingham. Romandebütantin Ursula Ackrill, nominiert für den Leipziger Buchpreis.
Von Kronstadt nach Nottingham. Romandebütantin Ursula Ackrill, nominiert für den Leipziger Buchpreis.Foto: Archiv Wagenbach Verlag

Am 8. Februar 1941 unterrichtet der rumänische Minister für nationale Wirtschaft das Justizministerium von den Folgen der 1940 erlassenen Dekretgesetze, die die Betätigungsfelder der in Rumänien lebenden Juden einschränken. Zuversichtlich berichtet er, dass „das jüdische Element“ aus allen öffentlichen Ämtern entfernt, aus den Berufskammern ausgeschlossen und der ökonomische Handlungsradius beschnitten worden sei. Vorangegangen war, wie Zeitgenossen berichten, ein „Bürgerkrieg“: Die nationalistische, privates Raubrittertum betreibende Legionärsbewegung hatte versucht, gegen General Antonescu zu putschen. Der Schöngeist, der Rumänien seit 1940 autoritär führt, hatte sich von seinen Regierungspartnern abgewandt und mit Hitler angebandelt. Der Nazi-Staat spekulierte auf die rumänischen Erdölquellen und wollte auch die jüdische Habe nicht Plünderern überlassen. In den Bukarester Judenvierteln kommt es zu Pogromen.

Mit dem Abend der Entmachtung der Legionäre schließt der Erstlingsroman der 1974 im siebenbürgischen Kronstadt geborenen, heute in Nottingham lebenden Ursula Ackrill. Das „Zeiden, im Januar“, von dem sie berichtet, liegt diesseits der Karpaten, im südöstlichen Teil Siebenbürgens, auch Burzenland genannt, am Fuße des Zeidner Berges, wo der Deutsche Orden 1265 die Schwarzburg hinterlassen hat. 1930 stellten die rund 3000 Siebenbürger Sachsen die Mehrheit der Einwohnerschaft. Doch das bienenfleißige, selbstbezogene und abgrenzungsbestrebte Handwerkervölkchen, das seit dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn 1867 und dem Zuspruch Siebenbürgens an Rumänien 1918 um seine Privilegien fürchtet, fühlt sich zunehmend bedroht: „Die Sachsen rütteln seit Jahrhunderten am gleichen speckigen Würfelbecher, während der Rest der Welt auf internationalen Börsenmärkten spekuliert.“ Wie es einer ethnischen Minderheit ergehen kann, bekommen die Siebenbürger Sachsen an den Juden vorexerziert; viele sehen in Hitler-Deutschland deshalb „einen wundervoll anheimelnden Planeten“, auf dem die „hinter dem Mond stationierten“ Siebenbürger sanft landen können. Nur eine in Zeiden in diesem eiskalten Januar denkt anders.

Der Roman spielt hauptsächlich im Januar 1941

Leontine Philippi stammt eigentlich aus Kronstadt, wo sie in einem Patrizierhaus aufgewachsen ist, in dem sich inzwischen der Führer der Deutschen Volksgruppe, der historisch verbürgte Andreas Schmidt, eingenistet hat. Als vorausschauende Frau hat Leontine während des Ersten Weltkriegs das Haus des „Aviatikers“ Albert Ziegler erworben und sich in Zeiden einen Platz unter ihren deutschsprachigen Landsleuten verschafft. Sie ist bekannt fürs Geschichtenerzählen, zu „Leontinetante“ kommen die Nachbarskinder und irgendwann auch die junge Rumänin Maria Tatu. Nach dem Willen ihres Vaters, der nostalgische Erinnerungen an Wien pflegt, soll sie bei Leontine Deutsch lernen. Maria, ein bisschen schwach auf der Brust, hilft Leontine vorerst im Haushalt und wird vom Schularzt Franz Herfurth betreut, ständiger Gast in Leontines Haus, bis die Freundschaft an politischen Kontroversen zerbricht.

Denn während im ganzen Land die Rumänisierungskommissare mit ihrem Ruf „Rumänien den Rumänen“ die Runde machen und Maria sich zu einer geschäftstüchtigen Aufkäuferin des Eigentums jüdischer Emigranten mausert – „die Dinge mästen sich einen Schein an unter ihren flinken Äuglein“ –, ist Herfurth einer, der sich von den sogenannten deutschen „Erneuerern“, die den bauerntümelnden Legionären den Rücken kehren, Heil verspricht. Leontine hingegen tritt in der Rolle der Chronistin auf: Die Tage zwischen dem 19. und 21. Januar 1941 genügen, um im Minutentakt die Widersprüche im zeitgenössischen Rumänien – mit vielen, bis zur Jahrhundertwende zurückreichenden Rückblenden und historischen Exkursen – und die bevorstehende politische Wende in Szene zu setzen. Die Sachsen, ist sie überzeugt, haben einen Fehler gemacht: „Wir hätten uns ein Beispiel an den Juden nehmen sollen. Ihre Taktik: So schnell wie möglich assimiliert werden.“ Denn in einem Vereinigten Europa, von dem Flieger Albert träumt, hätte Siebenbürgen keine Chance. Leontine aber kann ihren Mund halten, so wie es die Siebenbürger Sachsen gelernt haben.

Ackrills Roman ist ungemein quellen- und detailreich

Das Unternehmen der Debütantin, die in Bukarest über Christa Wolf promoviert hat, ist ambitioniert. Und es ist eine mutige Entscheidung, den Roman auf die Shortlist zum Leipziger Buchpreis zu setzen. Mit einem überschaubaren Figurentableau fängt Ackrill die Welt der deutschen Volksgruppe, ihren Aufstieg und ihre vermeintliche Marginalisierung in Verbindung mit allen ethnischen und politischen Verwerfungen ein, vermittelt dabei auch noch etwas von dem sehr eigenwilligen regionalen Sprachduktus.

Indes fordert es Geduld, um in diesen ungemein quellengläubigen und detailreichen Roman mit seinem teilweise historisch verbürgten Personal einzusteigen. Er liest sich, bei aller Sprachfantasie der Autorin, so halsstarrig und sperrig, wie die Siebenbürger Sachsen auftreten mit ihrem „falschen“, rumpelnd-umständlichen Deutsch: „Zornig schlüpfte Maria ihr Kleidchen über“, heißt es an einer Stelle; und über die „judenfressenden“ Jugendlichen wird gesagt: „Viele hätten beim besten Willen nicht genug Substanz anhäufen können, um ihr Angewiesensein darauf nicht mehr als Versuchung, sondern Normalität anzusehen.“

Dass Menschen in solch vermauerten Verhältnissen wenig Entwicklungspotential an den Tag legen, ist evident, macht den streckenweise nur notdürftig in Dialoge gekleideten, thesenhaften Roman aber auch nicht dynamischer. Die in Konkurrenz umschlagende Freundschaft etwa zwischen Fritz, dem späteren Faschisten, und Albert, dem Flieger, ist psychologisch nicht ganz nachvollziehbar, und Marias politischer Seitenwechsel nach dem Totschlag des jungen Juden Brick wird nur behauptet. Und Leontine? Sie gibt dem werbenden Albert, den es in die Ferne zieht, einen Korb, weil sie in Zeiden den Vorschein des Unheils heraufziehen sieht: „Ich kann nicht weggehen, bis ich sehe, wie die Geschichte ausgeht ... ich nicht anders, ich muss mir ansehen, wohin ihr Bogen uns abfeuert.“

Am Abend des 21. Januar 1941 schlägt der „Bogen der Geschichte“ im Rathaus von Zeiden ein, wo sich Volksführer Andreas Schmidt vor der versammelten Einwohnerschaft, darunter auch Leontine Philippi, rechtfertigen muss. Denn er hat aufs falsche Pferd gesetzt, die jungen Siebenbürger sind in der Deutschen Wehrmacht nicht erwünscht, und im fernen Bukarest hat General Antonescu den Aufstand der Legionäre niedergeschlagen; die ermordeten Juden, schreibt ein Zeitgenosse, „hängen im Schlachthaus an den Haken für das Schlachtvieh“. Leontine dagegen, die den verschollenen Albert nicht an die Faschisten verraten will, packt ihre Koffer und fährt im Viehwaggon mit den nur für die Waffen-SS rekrutierten Bengeln „heim ins Reich“.

Ursula Ackrill: Zeiden, im Januar. Roman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2015. 253 S., 19,90 €.

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