Urteil im Giacometti-Fall : Zwischen Betrug und Selbstbetrug

Erst Beltracchi, dann Achenbach, jetzt Robert Driessen. Der jüngste Betrugsskandal rund um den zu fünf Jahren Haft verurteilten Giacometti-Fälscher zeigt den Kunstmarkt in all seiner Gier.

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Giacomettis "Zeigender Mann".
Giacomettis Werk zählt zu den teuersten: sein „Zeigender Mann“ brachte mit 141,3 Millionen Dollar Weltrekord für eine Skulptur.Foto: dpa

"Die Kunstwelt ist verrottet." Dieses Urteil fällte Robert Driessen über das Umfeld, in dem er sich früher bewegte. Man möchte ihm recht geben: erst Beltracchi, dann Achenbach, jetzt er. Die Liste der Fälschungs- und Betrugsskandale in der Kunst scheint beständig zu wachsen – dank einer immer größeren Abnehmerschar, eines explodierenden Kunstmarkts. Nun wurde der Holländer vor dem Landgericht Stuttgart zu fünf Jahren Haft verurteilt, für über tausend gefälschte Giacomettis – mehr als der Schweizer Bildhauer selber schuf.

Ihn zu kopieren, sei „super-genial einfach“, erklärte der Fälscher auf der Anklagebank und nannte sich einen „glühenden Anhänger“ Giacomettis. Eine Formulierung, die auch von der aktuellen Verwirrung im Kunstbetrieb zeugt. Bedeutet Fälscherei etwa Liebe, größtmögliche künstlerische Nähe zum Vorbild? Die Neigung, es den großen Meistern nachzutun, ist seit jeher groß. Kopisten hatten einst ein hohes Ansehen, von den abschreibenden Mönchen im Mittelalter über den kopierenden und ko-kopierenden Tonsetzer in der Musik bis zum bildenden Künstler, der Studienkopien und Pastiches anfertigt.

Giacomettis Werk zählt zu den teuersten

Die Übergänge zwischen Liebe und Lüge mögen fließend sein, zumal bei den großen Namen. Es gibt ein Heer von Impressionisten, Expressionisten, Kubisten, aber eben nur einen Picasso, Matisse, Paul Klee. Und der Markt giert nach Ware mit prominenter Provenienz. Das war schon im Paris des 19. Jahrhunderts so. Da wurde fleißig direkt für die Auktionen im Hotel Drouot gefälscht, so manche Versteigerung musste hinterher rückabgewickelt werden. Was bis heute in den besten Häusern vorkommt; das Geschäft trübt es nicht, nur die Moral.

Nun hat es also Alberto Giacometti erwischt. Die Verführung muss für beide Seiten, Produzent wie Käufer, hoch gewesen sein, denn sein Werk zählt zu den teuersten. Erst Mitte Mai war sein „Zeigender Mann“ für 141,3 Millionen Dollar in New York versteigert worden, Weltrekord für eine Skulptur. Wer möchte da nicht an dem Ruhm partizipieren, mit kleineren Versionen zu „Schnäppchenpreisen“ von 25 000 Euro? Über einen Hehlerring – einen Mainzer Kunsthändler und dessen Komplizen, der als „Reichsgraf von Waldstein“ die Mär von den durch Giacomettis Bruder Diego beiseitegeschafften Skulpturen erfand – ließ der Fälscher seine Ware in den Kunstmarkt lancieren. Sie fanden reißenden Absatz, denn neben der signifikanten Erscheinung der spindeldürre Figurinen und ihrer typischen rauen Oberfläche wiesen sie auch noch die vermeintliche Signatur Giacomettis auf sowie das Gusszeichen seiner Werkstatt.

Kleiner Triumph über niedere Instinkte

Im Nachhinein wähnt sich der geständige Betrüger sogar im Recht. Wer glaubt, derart günstig einen Giacometti erwerben zu können, der verdiene es, „hinters Licht geführt zu werden“, so Driessen. Den kleinen Triumph über die niederen Instinkte mag der Angeklagte ausgekostet haben für einen Moment. Den gleichen Reflex kennt man von Beltracchi, der glaubte, dem Kunstbetrieb seine Gier und Korrumpiertheit vor Augen geführt zu haben. Wie in jedem Schelmenstück aber zeigen die Betrüger auch auf die eigene Person. Auf den Selbstbetrug, der darin besteht, sich für einen großen Künstler zu halten.

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