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US-Botschaft : Die versteckte Festung

26.05.2008 00:00 UhrVon Bernhard Schulz
US-BotschaftBild vergrößern
Das neue Gebäude der US-Botschaft in Berlin. - Foto: Kai-Uwe Heinrich

Jahrelang rangen das amerikanische Außenministerium und der Berliner Senat um Straßenverlegungen und Betonpoller, bis der mühsame Kompromiss geboren war, der nun in Berlins Mitte zu sehen ist. Doch der Neubau der US-Botschaft am Pariser Platz ist ein Triumph der Banalität.

Am morgigen Dienstag nehmen die Bediensteten der US-Botschaft ihre Arbeit im Neubau zwischen Pariser Platz und Behrenstraße auf. Die offizielle Einweihung steht noch aus; George Bush senior wird sie am Fourth of July, dem Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten, zelebrieren, während der Junior den Feiertag daheim und letztmalig als Präsident begeht. So hat sich flugs verbreitet, den Botschaftsneubau als Monument der rechtskonservativen Bush-Ära zu verstehen.

Allerdings wurde der Bau am Pariser Platz bereits zu Bill Clintons Zeiten entworfen, der Wettbewerbssieger 1995 hier in Berlin gekürt. Doch gravierende Eingriffe wurden nach Bin Ladens Terroranschlägen vom September 2001 vorgenommen.

Die kaum kaschierte Trutzburg, als die sich der Neubau präsentiert, ist die Folge wesentlich erhöhter Sicherheitsanforderungen. Jahrelang rangen das amerikanische Außenministerium und der Berliner Senat um Straßenverlegungen und Betonpoller, bis der mühsame Kompromiss geboren war, der nun in Berlins Mitte zu sehen ist.

Zu sehen, aber nicht zu besichtigen. Denn die US-Botschaft wird das Gegenteil dessen sein, wofür amerikanische Botschaften, Konsulate und „Amerika-Häuser“ einstmals standen. Nicht einladende Offenheit, sondern abweisende Kontrolle kennzeichnet den Auftritt der Vereinigten Staaten seit den ausgehenden achtziger Jahren. Dass dieser Zustand ausgerechnet in Berlin gebaute Form erhält, der Stadt, die ihre Gegenwart in Freiheit und Wiedervereinigung ganz wesentlich dem jahrzehntelangen Engagement der USA verdankt, ist eine bittere Tatsache, die auch die inszenierte Heiterkeit der anstehenden Eröffnungsfeierlichkeiten nicht überspielen wird.

Gewiss, die USA stehen betont mit ihrer Hochsicherheitspraxis nicht alleine da. Das tagtägliche Ärgernis der abgeriegelten Wilhelmstraße verweist auf die rigiden Forderungen Großbritanniens, dessen einstiger Vorsatz, die neu errichtete Botschaft zu einem Ort der Begegnung zu machen, längst Makulatur ist. Von Russland kannte man es nie anders, als dass sich der Staat mündige Bürger nach Möglichkeit vom Leib hält. Einzig Frankreich ist unter den einstigen Alliierten Mächten dasjenige Land, das sein Botschaftsgebäude zumindest in dosierter Form dem Risiko eines irgendwie öffentlichen Lebens aussetzt. Und zwar am Pariser Platz.

Auf dieser Adresse beharrten die USA, mit dem Argument der historischen Kontinuität, befand sich doch ihre Botschaft vor dem Zweiten Weltkrieg gleich neben dem Brandenburger Tor. Freilich nur – wie stets unterschlagen wird – für einen kurzen Augenblick. Nach langwierigem Brandschaden erst 1938 bezogen, wurde der Botschafter wenige Monate später abberufen, aus Protest gegen die Rassenpolitik des Nazi-Regimes. Im Bombenkrieg wurde das ehemalige Palais Blücher schwer beschädigt, die Ruine in der Nachkriegszeit von der DDR abgerissen.

Was sich nun, nachdem Baugerüste und Schutzplanen gefallen sind, mit einer schmalen Fassade am Pariser Platz, in voller Breite jedoch an Ebert- und Behrenstraße präsentiert, ist auf den ersten Blick eine weder begeisternde noch abstoßende Architektur, sondern schlichtweg ein banaler Bürobau. Schon wünscht man sich, dass die entlang der Ebertstraße gepflanzten Bäumchen in Rekordtempo wachsen mögen, um die Fassade mit ihren liegenden, rechteckigen Fenstern und ihren klobigen Sonnenschutzrosten zu verdecken. In der Mitte erhebt sich eine dunkel verglaste Rotunde über das flache Dach, doch ohne logische Verbindung zu ihrem Unterbau; daneben ein klobiger, fensterloser Dachaufsatz, in dem man die Maschinerie der Klimatechnik vermuten darf. Geradezu erschütternd dann der Auftritt entlang der Behrenstraße, die um einige Meter verschwenkt werden musste, um den Abstand zum Gebäude wunschgemäß zu vergrößern. Hier ist, jedermann kenntlich, die Rückseite des Gebäudes: eine Aufreihung von Wachhäuschen und Hofeinfahrten, wie man sie nirgends, nirgends sonst in den Bürohausvierteln des wiedervereinten Berlin ertragen muss. Nicht die geringste Mühe wurde auf den Anschluss an das Nachbargebäude verschwendet, dessen Brandmauer den Botschafts-Neuling überragt.

Und die Schauseite am Pariser Platz? Sie tut zumindest nicht weh. Die gestreifte Natursteinverkleidung bildet mit der eigenwilligen Teilung der Sprossenfenster zumindest so etwas wie eine gestalterische Einheit. Das geschwungene Vordach über dem bescheidenen Eingang zieht den Blick auf sich und von dem kreisrunden Hof ab, der ursprünglich als eine Art cour d’ honneur den Eingang bilden sollte.

Manches ist modifiziert worden am Ursprungsentwurf des kalifornischen Architekturbüros Moore Ruble Yudell, das 1996 den Zuschlag erhielt. Man spürt schmerzlich, dass der ideensprühende Prinzipal Charles Moore – ihm verdankt Berlin die schwungvolle Bebauung am Tegeler Hafen – 1993 verstorben ist und das Mittelmaß, das nunmehr unter seinem Namen begangen wird, nicht mehr verhindern kann. Dabei bleiben die gravierendsten, durch die Kürzung des Budgets seitens des US-Parlaments um 50 auf 130 Millionen Dollar verursachten Eingriffe der Öffentlichkeit verborgen: Sie betreffen vor allem den Wegfall des vierten Gebäudeflügels entlang der Brandmauer des benachbarten Hauses von Frank Gehry. Er ist – Ironie der Geschichte – gleichfall im kalifornischen Santa Monica zu Hause und hat mit seinem Berliner Bauwerk einen so unvergleichlich überlegenen Entwurf geliefert, dass die Banalität des Botschaftsdesigns erst recht ins Auge sticht.

Gehry hat sich die Gestaltungssatzung für den Pariser Platz anverwandelt und sie gedankenreich gebrochen. Moore Ruble Yudell folgen ihr achselzuckend und ohne erkennbaren Gedanken. Man sieht ihrem Gebäude an, dass es in beliebiger Fassadenverkleidung daherkommen könnte, ein Dutzendbauwerk mit allerlei Versatzstücken, doch ohne innere Folgerichtigkeit. Der leichte Winkel des Ebertstraßentraktes gegenüber den beiden anderen, ihrerseits parallelen Flügeln etwa – als Durchdringung zweier Ordnungslinien das Thema des großen Amerikaners Richard Meier – wird belanglos in den Dachaufbauten und hilflos in der Eckausbildung zur Behrenstraße hin abgehandelt.

Das republikanische Amerika suchte von Anbeginn an nach Bauten, die seine politischen Ideale auszudrücken vermochten. Aus dieser Not haben herausragende Geister wie Thomas Jefferson, der Gentleman-Architekt auf dem Präsidentenstuhl, eine Tugend zu machen gewusst, als sie sich die durch die Renaissance vor allem Palladios vermittelte römische Antike zum Vorbild nahmen. So entstand der Gebäudetypus des Kapitols als Sitz der Volksvertretung, der für nahezu alle Bundesstaaten der USA verbindlich wurde.

Nicht an den konkreten Architekturformen von Säulen und Giebelfronten, wohl aber an dem damit sichtbar gemachten geistigen Anspruch hat sich die beeindruckende Bautätigkeit der USA im Ausland nach 1945 orientiert. Das hat in vielen Fällen zu bemerkenswerten Ergebnissen geführt. Doch der Botschaftsneubau im Konfektionskleid gefälliger Spätmoderne steht für keinerlei Anspruch mehr, für keinerlei Selbstentwurf der Vereinigten Staaten. Das aber zeigen andere Länder in Berlin auf vielfältige Weise, vom Cool-Britannia-Pop der britischen Repräsentanz an der Wilhelmstraße bis zur kantigen Eleganz der französischen Vertretung in der Nordostecke des Pariser Platzes. Die neue US-Botschaft hingegen besagt rein gar nichts – es sei denn, dass sich das politische Amerika von heute in blanker Gewöhnlichkeit erschöpft.

Dagegen lassen sich nicht einmal die übermächtigen Sicherheitsanforderungen entschuldigend ins Feld führen. Denn der Innenhof, der den meisten Berlinern trotz Volksfest am 5. Juli verschlossen bleiben wird, ist keinen Deut besser. Die Stahlskulptur von Ellsworth Kelly – dem das Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestags eine exquisite Arbeit verdankt – wurde nicht nur per Kran hineingehoben, sie wirkt auch wie abgestellt, ohne Bezug zu den umgebenden Bürofassaden. Noch schlimmer erging es der Wandgestaltung von Sol Lewitt, die im Hintergrund der Wachstube zu erspähen ist. Am Maßstab des republikanischen, oft auch pathetisch überhöhten öffentlichen Bauens in den Vereinigten Staaten ist der Neubau ihres Botschaftsgebäudes auf geradezu bemitleidenswerte Weise gescheitert.

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