US-Botschaft : Mit Sicherheit offen

Vor der Eröffnung der neuen US-Botschaft in Berlin: Die Architektur der US-Botschaften in aller Welt ist ein Spiegelbild Amerikas.

Bernhard Schulz
US-Botschaft
Offenheit als Risiko. Vor der Südwestecke der Berliner US-Botschaft steht ein Anbau mit Sicherheitsschleuse. -Foto: Mike Wolff

Unter Marketing-Gesichtspunkten ist der Neubau der US-Botschaft mit ihrem Haupteingang am Pariser Platz ein schieres Desaster. Wohl nie zuvor sind die Wogen der Kritik derart über den Verantwortlichen eines regierungsoffiziellen Neubaus zusammengeschlagen wie im Fall des Berliner Bauwerks, entworfen vom kalifornischen Großbüro More Ruble Yudell. Nun hat, als Schlusspunkt, auch die „Zeit“ das Vorhaben als „denkwürdig provinzielle Architektur“ abgetan und damit den Tenor aller zuvor veröffentlichten Kritiken griffig zusammengefasst.

Da ist einiges schief gelaufen, werden PR-Strategen feststellen. Denn so schlecht, wie sie beurteilt wird, kann die Architektur des Berliner Neubaus gar nicht sein; schon gar nicht inmitten ihrer Umgebung, die – allen Gestaltungsvorschriften zum Trotz – mit „heterogen“ wohlwollend beschrieben wäre. Die ins nahezu Unerfüllbare gestiegenen Sicherheitsanforderungen der Weltmacht USA haben erheblich dazu beigetragen, einen Entwurf zu verschlimmern, der jedoch von Anfang an nicht so außergewöhnlich war, wie er manchem Beobachter in rückschauender Verklärung erscheinen will.

Nein, das Gebäude war seit jeher als Verwaltungsbau gedacht, mit ein bisschen Repräsentations-Drumherum, aber im wesentlichen doch nichts weiter als ein Bürogebäude; meilenweit entfernt von der großen, durchaus herrscherlichen Geste, zu der Frankreich in der schräg gegenüberliegenden Ecke des Pariser Platzes ausholt, oder zu dem verspielten Cool-Britannia-Pop der Briten in der nahen Wilhelmstraße; ganz zu schweigen von den zahlreichen, in der Mehrzahl ansehnlichen Botschaften anderer Staaten. Sie alle wollen etwas aussagen.

Genau daran mangelt es dem US-Neubau. Dabei sieht amerikanische Architektur im Ausland nicht immer so kleinmütig, so beliebig aus wie in Berlin. Im Gegenteil. Der Bau von US-Botschaften wurde nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang forciert, und zwar durchaus als Imagekampagne für die nunmehr führende Weltmacht des Westens. Kongressabgeordnete reisten durch die Lande und zeigten sich angetan von Bauwerken, die von der Crème de la crème der amerikanischen Nachkriegsarchitekten entworfen wurden. Es gab keinerlei stilistische Vorgaben, wohl aber inhaltliche: Die Botschaften sollten „Botschaften“ sein, sie waren gedacht als Einladung an den Durchschnittsbürger des jeweiligen Gastgeberlandes, zumindest aber an dessen Eliten, sich ein eigenes Bild von den demokratischen, weltoffenen, toleranten und bildungsfreudigen Vereinigten Staaten zu machen.

„Was den Botschaften ihr spezifisch amerikanisches Flair gab, ist die Eigenständigkeit eines jeden Vorhabens und die Tatsache, dass jedes eine bewusste Darstellung von Individualität bildet“, bilanziert Jane C. Loeffler in ihrem vor zehn Jahren erschienenen Buch „The Architecture of Diplomacy“. So ist es nicht verwunderlich, unter den Baumeistern Namen wie die von I. M. Pei, Marcel Breuer, Eero Saarinen oder Walter Gropius zu finden sind – alle vier, nebenbei, Immigranten; daneben Firmen wie Skidmore, Owings & Merrill, die mehr als irgendeine andere das Bild des amerikanischen business district auf dem Gipfel der Prosperität prägten.

Nun ist es nicht so, dass die – nicht nur in Berlin anfangs recht hemdsärmelig vorgebrachten – Sicherheitsanforderungen kommentarlos hingenommen würden. Elizabeth Gill Lui nennt in ihrem quasi-offiziellen Überblicksbuch „Buildung Diplomacy“ (Cornell University Press, Ithaca, NY, 2004, 267 S.) vom Standpunkt amerikanischer Werte aus „Offenheit, Zugänglichkeit, Transparenz und Aufnahmebereitschaft“ als Eigenschaften, die ein Botschaftsgebäude vermitteln solle, und zeichnet die politische Debatte nach, die schließlich in einem 20-MilliardenDollar-Programm zur Befestigung der bestehenden 185 Botschaftsanlagen in aller Welt mündete.

„Man empfindet ernstes Bedauern“, so die Autorin mit Blick auf Bauten wie Harry Weeses leichtfüßigen Pavillon in Accra/Ghana, die aus Sicherheitsgründen ganz aufgegeben werden mussten. Oder die wie Eero Saarinens elegantes Londoner Bauwerk hinter weiträumigen Sicherheitszäunen eben jener Offenheit Hohn sprechen, in deren Sinne sie doch eigentlich errichtet worden waren. Walter Gropius’ Athener Botschaftskomplex von 1959, ein Denkmal des International Style in seinem Zenit, wird heute gleichfalls von einem rüden Stahlzaun abgeriegelt.

Ein Sicherheitsproblem ganz anderer Art galt es in Moskau zu lösen; der Neubau des Kanzleigebäudes in Sichtweite des russischen Außenministeriums erwies sich als derart von Abhöreinrichtungen durchsetzt, dass die USA den Weiterbau stoppten. Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurde der von Skidmore, Owings & Merrill 1973 begonnene Bau in modifizierter Form von einem anderen Büro fertiggestellt. Mit seinem zwei Stockwerke hohen Natursteinsockel und dem verschwindend kleinen Eingang erfüllt er Sicherheitsstandards, die in Moskau üblich sind, doch am Berliner Botschaftsbau unangenehm ins Auge fallen.

Ursprünglich pflegten Botschafter zu „residieren“ und hatten dafür entsprechende Palais zur Verfügung. Die USA haben nur wenige solcher Residenzen erworben, darunter in Paris, wo der Blick aus dem 1767 errichteten Hôtel de Talleyrand über die Place de la Concorde schweift. Doch heutige Botschaftsgebäude sind Hochsicherheitstrakte, und ihre Botschaft lautet: Safety first. Im Pariser Botschaftsgebäude befand sich übrigens nach dem Krieg die Zentrale des Marshall-Plans, der die neugeschaffene Pax Americana in Europa untermauerte.

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