US-Finanzkrise : Wenn der Sponsor pleite geht

Bankenkrise und US-Kulturbetrieb: Die Auswirkungen sind noch längst nicht abzusehen. Doch die amerikanischen Museen und Bühnen leiden bereits jetzt.

Armin Leidinger

Was verbindet Stevie Wonder mit Lehman Brothers? Nein, Stevie Wonder ist nicht pleite. Wie viele andere Musiker hat er aber seine Karriere im Apollo Theater gestartet. Das Theater in Harlem wurde von Lehman Brothers gesponsert – bevor die Bank pleiteging.

Seitdem die großen Investmentbanken in Schwierigkeiten geraten sind – bis hin zur Insolvenz von Lehman Brothers –, hat sich in der amerikanischen Politik und Finanzwelt fast alles geändert. Milliardenschwere Rettungspakete werden geschnürt, Wirtschaftsexperten sprechen von „1929“. Und alle sorgen sich.

Gerade auch die Kulturinstitutionen. Denn anders als in Deutschland ist in den USA Kulturförderung keine Staatsaufgabe, sondern hängt im Wesentlichen am Tropf privater Spender. Nur rund zehn Prozent beträgt der staatliche Anteil an den gesamten Kulturausgaben der USA, und unter Präsident George W. Bush wurden die Ausgaben noch weiter beschnitten. Vierzig Prozent hingegen werden von Sponsoren wie etwa Bankhäusern aufgebracht, die verbleibenden fünfzig Prozent müssen die Kulturbetriebe selbst erwirtschaften. Körperschaftliches und privates Mäzenatentum haben also eine elementare Bedeutung für die Kulturinstitutionen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die „New York Sun“ sich fragt, wie es mit den führenden Kulturinstitutionen der USA weitergeht. So ist die Vizechefin des Museum of Modern Art, Kathleen Fuld, Ehefrau des Vorstandsvorsitzenden von Lehman Brothers. Lehman Brothers hält Anteile des Museums, die Fulds selbst haben Spenden in signifikanter Höhe an das Museum geleistet. Aber das Museum möchte seine aktuelle Lage nicht kommentieren. Der Präsident des Lincoln Centers for the Performing Arts, des bedeutendsten Kulturzentrums New Yorks, gibt immerhin zu, dass er nicht wisse, welche der Zusagen der Lehman Brothers noch erfüllt werden.

Es geht nicht um Peanuts: Im Zusammenhang mit der Erweiterung des Lincoln Centers plante Lehman Brothers eine Spendensumme von drei Millionen Dollar ein. Merrill Lynch hatte die gleiche Summe zugesagt. Die „New York Sun“ übrigens, die über die Zukunft der Sponsorengelder räsoniert hatte, musste ihr Erscheinen im Zuge der Finanzkrise zum 30. September einstellen.

Wie sehr die Bankenkrise in den USA auch zu einer Krise der Kultur wird, ist noch nicht abzusehen. Mit Sicherheit jedoch werden einige Kultureinrichtungen unter der Krise schwer zu leiden haben. Und das nicht nur in Amerika. So finden sich unter den Begünstigten der Lehman Brothers zwar weitere US-Kulturinstitutionen wie das Guggenheim Museum in New York, das Metropolitan Museum of Art und das Art Institute in Chicago. Doch auch der Pariser Louvre, die Tate Modern in London und auch die Frankfurter Schirn Kunsthalle sowie das Städel Museum stehen auf der Liste. Die National Portrait Gallery in London wurde mit 150 000 Pfund unterstützt, der Opéra National de Paris wurden 300 000 Euro für ein Projekt zur kulturellen Erziehung benachteiligter junger Menschen zugesagt.

2007 soll Lehman Brothers insgesamt 39 Millionen Dollar gespendet haben. Unklar ist auch, was aus den rund 3 500 Kunstwerken der Firmensammlung wird, unter denen sich auch Grafiken von Jasper Johns befinden. Zumindest die Gelder von Merrill Lynch könnten den Kulturinstitutionen aber erhalten bleiben: Die Bank of America, die die Investmentbank übernommen hat, will die von Merrill Lynch gemachten Zusagen einhalten.

In einer derart angespannten Situation verwundert es nicht, dass kaum jemand sich öffentlich zu den Auswirkungen der Finanzkrise auf den Kulturmarkt äußern möchte. Die Situation sei „noch zu spekulativ“, so die Amerikanische Botschaft in Berlin auf Anfrage. Leora Auslander, Stipendiatin der American Academy in Berlin, ist als Professorin für Europäische Sozialgeschichte in Chicago mit dem Mäzenatentum von Stiftungen und privaten Spendern vertraut. Die Auswirkungen der Bankenkrise auf die Künste sieht sie an das Ausmaß gekoppelt, das die aktuelle Krise noch annehmen wird. Niemand könne das im Moment beurteilen, aber die meisten Experten seien nicht optimistisch. „Im besten Fall“, so Auslander, „falls die Krise bald endet, blieben die Auswirkungen auf die Kunstwelt auf diejenigen Institutionen beschränkt, die stark von den Spenden der Banken abhängig sind“.

Wegen der enormen Staatsverschuldung und des teuren Krieges wird jedoch keine US-Regierung in der Lage sein, die massiven Verluste der privaten Spenden zu kompensieren. „Die langfristigen Auswirkungen der aktuellen Situation“, so Auslander, „sind sehr beunruhigend.“

Niemand weiß, was mit der einen Million Dollar geschehen wird, die Lehman Brothers dem renommierten Apollo Theater für dessen Erziehungsprogramme zugesagt hat. Mit Stolz verweist das Apollo auf seiner Internetseite auf die vielen berühmten Namen, die hier ihre ersten Auftritte absolvierten: Billie Holiday, James Brown, Ella Fitzgerald oder Michael Jackson. Zur aktuellen Lage aber äußert man sich nicht, sondern beharrt darauf, dass man sich über den rechtlichen Status, den die Zusagen von Lehman Brothers hinsichtlich der Konkursmasse der Bank haben, derzeit im Unklaren sei. Man hofft – auf bessere Zeiten.

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