Kultur : US-Gegenschlag: Die Farbe Grün

Harald Martenstein

Zwischen dem 11. September und dem 7. Oktober liegen etwas mehr als drei Wochen. In diesen drei Wochen haben wir in Deutschland heftig gestritten, über den Islam, über religiösen Wahnsinn, über Amerika und den Antiamerikanismus. Die Akteure dieses Streites haben, nach einem kurzen Moment des Schocks, ziemlich schnell ihre gewohnten Positionen bezogen - die Liberalen argumentierten liberal, die Amerikakritiker äußerten Amerikakritik, die Law-and-Order-Fraktion rief nach schärferen Gesetzen und möglichst radikalen Maßnahmen. Es dauert eben immer eine Weile, um zu begreifen, dass die Welt sich geändert hat, dass gewohnte Kategorien nicht mehr funktionieren. Unser Streit ist nicht mehr so wichtig. Ist er womöglich überflüssig?

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Fotostrecke: Militärschlag gegen das Taliban-Regime 40 Staaten, sagt der amerikanische Präsidemt, haben sich im Kampf gegen den Terrorismus zusammengetan. Dieser Kampf ist ein Abwehrkampf. Er wird nicht geführt, um amerikanische Interessen durchzusetzen, auch nicht aus Rache. Er wird geführt, um Leben zu retten. Sechstausend Menschen sind in Manhattan gestorben. Die Täter, die vor ähnlichen, womöglich noch brutaleren Anschlägen nicht zurückschrecken, müssen unschädlich gemacht werden. Wenn die Täter des 11. September eines Tages über Massenvernichtungswaffen verfügen, dann werden sie wahrscheinlich nicht zögern, sie anzuwenden. Wie oft haben die deutschen Friedensbewegungen nicht schon gegen diese Gefahr demonstriert, gegen den großen Krieg! Vielleicht war er noch nie so nahe. Aber Demonstrieren hilft nicht mehr.

Wer sich wehren will, der muss sich dabei die Hände schmutzig machen. Jetzt sterben sie in Afghanistan. Auch wenn die Militärs versuchen werden, es zu verschleiern, auch wenn sie versuchen, uns bestimmte Bilder vorzuenthalten: In Aghanistan sterben auch Unschuldige, wie in jedem Krieg der Geschichte. Auch die Toten in Afghanistan sind Opfer der Terroristen.

Dieser Kampf, von dem niemand weiß, wie lange er dauert, ist auch ein Kampf um die Werte der westlichen Demokratien - um Offenheit, um religiöse und sexuelle Freiheit, um Emanzipation und Individualismus, um das Recht, in wichtigen Fragen radikal anderer Meinung sein zu dürfen. Fundamentalisten wie Bin Laden hassen das alles. Deshalb dürfen wir nicht aufhören, zu streiten. Indem wir streiten, verteidigen wir die westliche Demokratie. In den nächsten Wochen werden einige so tun, als dürfe man bestimmte Argumente und bestimmte Tonlagen nicht mehr verwenden, bestimmte Fragen nicht mehr stellen - vielleicht, weil sie "antiamerikanisch" seien. Das wird kommen, noch heftiger als in den vergangenen Wochen, ganz sicher. Es wird heißen: Wir müssen handeln, wir müssen zusammenstehen, jetzt ist nicht die Zeit für Diskussionen, auch nicht für Scherze oder Ironie. Aber das ist falsch. Wir wollen unsere Kultur nicht aufgeben, wir wollen sie verteidigen. Und den Amerikanern haben die Deutschen Freundschaft und Solidarität versprochen, nicht blinde Gefolgschaft.

Es gibt keinen Grund, überrascht zu sein. Was jetzt geschieht, ist das, was alle Welt seit dem 11. September erwartet hat. Während in den Ländern des Westens die Intellektuellen diskutiert haben, während die Erregung hochflammte, während aus dem blutigen Ernst des 11. September allmählich wieder das alltägliche Leben zu werden schien, an das wir alle uns nur zu gerne wieder gewöhnen würden - in dieser Zeit haben die Regierungen und die Militärs sich vorbereitet auf das, was wir jetzt sehen. Wir sehen die Farbe grün, die Farbe der Nachtsichtgeräte, die Farbe des Islam, die Farbe des Lebens, die jetzt den Tod bedeutet, wir sehen auf unserem Bildschirm ein undeutliches Flackern. Wir sehen wieder ein Gesicht des Krieges, wie wir es seit den Tagen des Golfkrieges zu kennen glauben, einen verwaschenen Vorhang, der nichts zeigt, nur etwas verbirgt. Die Medien und die politischen Akteure reagieren, verglichen mit dem 11. September, beinahe schon routiniert. Schon wenige Minuten, nachdem das grüne Flackern zu sehen war, wurde auf dem Alexanderplatz selbstverständlich demonstriert. Warum auch nicht.

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