US-Historiker Timothy Snyder : "Russland hat einen Cyberkrieg gewonnen"

Timothy Snyder über Trumps Wahlsieg, Strategien russischer Propaganda, Fehler des Westens und Gefahren des Postfaktischen.

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Wie ähnlich sie sich sind. Trump und Putin in Porträts des nepalesischen Künstlers Sunil Sidgel.
Wie ähnlich sie sich sind. Trump und Putin in Porträts des nepalesischen Künstlers Sunil Sidgel.Foto: AFP / Dominique Fag

Timothy Snyder, 47, lehrt Geschichte an der US-Universität Yale. Bekannt wurde er mit seinem Buch „Bloodlands“, in dem er den Blick auf eine Region lenkt, die sich von Polen über das Baltikum, die Ukraine und Weißrussland bis nach Russland erstreckt und in der 14 Millionen Menschen zwischen 1933 und 1945 ermordet wurden. Der Historiker meldet sich seit dem Wahlsieg von Donald Trump auch politisch zu Wort und beschrieb erst in einem Beitrag auf Facebook und später in seinem neuen Buch „Über Tyrannei“ die Lehren aus dem 20. Jahrhundert für das Amerika von heute.

Herr Snyder, als Historiker beschäftigen Sie sich mit osteuropäischer Geschichte und Holocaust-Forschung. Warum haben Sie sich nach der Wahl von Donald Trump mit einem Manifest an die Öffentlichkeit gewandt, das 20 Lehren aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts enthält?

Mit diesem Buch wollte ich den Amerikanern etwas Nützliches an die Hand geben in einer Zeit, in der viele Millionen verunsichert waren und sich fragten, was sie tun sollten. Es ist kein Geschichtsbuch, aber ich hätte es ohne die Geschichte nicht schreiben können. Ich betrachte Amerika als Land der Möglichkeiten, aber etwas anders als andere. Ich halte Dinge für möglich, die die meisten Amerikaner nicht für möglich halten würden. Ich neige dazu, mich mit den Menschen aus den 30er oder 40er Jahren zu identifizieren, über die ich geforscht habe. Und ich habe Freunde in Ländern wie Russland, der Ukraine, Polen und Ungarn, in denen es keine oder nur eine bedrohte Demokratie gibt. Ihre Welt ist für mich genauso real wie Amerika. Sie waren es auch, die anders als die meisten anderen einen Sieg von Donald Trump für möglich hielten – weil sie schon zuvor „Fake News“ und postmodernen Populismus gesehen hatten.  Eine ukrainische Journalistin, die im Wahlkampf nach Ohio gereist war, schrieb mir nach wenigen Tagen: Er wird gewinnen.

Sie schreiben, dass alles, was 2016 in den USA passierte, zuvor in der Ukraine passiert zu sein schien. Was meinen Sie damit?

Amerikaner und Europäer glauben immer noch, dass Geschichte im Westen gemacht wird und sich von dort nach Osten bewegt. Aber seit etwa zehn Jahren ist es umgekehrt. Die Kleptokratie, die Manipulation der Medien und der Cyberkrieg kamen aus dem Osten nach Westen. Wir waren zu eitel und zu selbstgefällig, um das zu verstehen. Das Schlüsselereignis war die russische Invasion in der Ukraine 2014. Dort hat Moskaus Propagandataktik aber nicht wirklich funktioniert. Dagegen hat sie in Deutschland und auch in den USA ziemlich gut funktioniert. 2016 in den USA war wie 2014 in der Ukraine, nur ohne die Invasion. Die Russen hatten einen bevorzugten Kandidaten und unterstützten ihn mit Informations- und Hackerangriffen. Wir waren anfälliger für den Informationskrieg als die Ukraine. Russland hat in den USA einen Cyberkrieg gewonnen, aber nicht in der Ukraine. Die Waffe war Donald Trump.

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Wie hätte Amerika 2014 reagieren sollen?

Wir hätten verstehen sollen, dass das der Beginn des Versuchs war, den Westen auseinanderzubrechen, die USA von Europa zu entfernen und die Europäische Union zu spalten. Daraus wurde sehr schnell eine versuchte Beeinflussung amerikanischer Politik. Die Obama-Regierung war in dieser Hinsicht unglaublich gleichgültig. Als wir im vergangenen Jahr angegriffen wurden, wusste die Obama-Regierung bereits im Juni, was passiert war. Aber sie dachte, es würde nichts ausmachen, weil Hillary Clinton ohnehin gewinnen würde.

Sie haben schon zum Beginn des Ukraine- Konflikts darauf hingewiesen, dass Behauptungen russischer Propaganda im Westen übernommen wurden, etwa dass der Maidan und später die Regierung von Faschisten dominiert gewesen seien oder die Ukraine ein zutiefst gespaltenes Land sei. Warum fanden diese Behauptungen im Westen so viel Resonanz?

Die russische Propaganda funktioniert, weil sie zielgerichtet ist. Die Behauptung, dass die Ukraine gespalten sei, und zwar aus kulturellen Gründen, führt zu dem Schluss, dass man nichts dagegen tun kann. Das ist es, was Russland wollte. Diese Behauptung zielte auf unsere Selbstgefälligkeit, unsere Faulheit. Die Behauptung, dass die demokratische Bewegung in der Ukraine faschistisch war, zielte auf die europäische und besonders die deutsche Linke. Gleichzeitig erklärte Russland der europäischen und amerikanischen Rechten, dass die Demokraten in der Ukraine dekadent und homosexuell seien. So wurden zwei widersprüchliche Propagandastränge verfolgt, um unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Wir waren es nicht gewohnt, uns selbst als Ziele von Propaganda zu sehen. Deshalb waren wir dafür anfällig. Als wir nach einigen Monaten festgestellt hatten, dass das alles Unsinn war, war der Schaden schon da.

Was kann der Westen von der ukrainischen Erfahrung lernen?

In Russlands Krieg gegen die Ukraine ging es von Anfang an um den Westen. Die entscheidende Frage war, ob die EU zusammenhalten und neue Mitglieder aufnehmen kann und ob Staaten, die sich zu Rechtsstaaten entwickeln, ihr beitreten können. Der russische Präsident weiß, dass Russland unter seiner Herrschaft kein solcher Rechtsstaat werden wird. Deshalb sollte Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine verhindert werden. Die Aggression gegen die Ukraine ist auch gegen die Idee der Europäischen Union gerichtet. Denn solange die EU existiert, wird sie Rechtsstaatlichkeit fördern und offen für neue Mitglieder sein. Zugleich war in Russlands Argumentation eine Verschiebung weg von der Politik hin zur Kultur, vom Recht zur „Zivilisation“ zu beobachten. Die russische Führung hat erkannt, dass ihr Land sich der Welt als Leuchtturm einer rechten, christlichen Zivilisation präsentieren kann. Das ändert den Diskurs.

Was heißt das konkret?

Wir reden nicht über die Armut in Russland oder darüber, dass das Land eine Kleptokratie ist. Stattdessen reden wir über Werte. Wenn europäische Rechte Russland bewundern, stellen sie sich eine Art weiße, christliche Utopie vor, die das Land natürlich nicht ist. Die Europäische Union muss verstehen, dass sie angegriffen wird. Das russische Regime glaubt nicht, dass es weiter an der Macht bleiben kann, solange die EU existiert. Die für diesen Angriff wichtigste Waffe ist billig und leicht zu benutzen: Es geht darum, Menschen zu verunsichern und das Vertrauen in den Rechtsstaat zu untergraben, indem die öffentliche Diskussion mit Lügen und Widersprüchen geflutet wird. Das ist eine kluge Strategie, und bis jetzt war sie sehr effektiv. Wenn die Europäer nicht erkennen, was passiert, wird diese Strategie Erfolg haben.

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