US-Literatur : Als Gott zornig wurde

Goldsucher, Glücksritter, Gunmen und Geschäftsmänner: Pete Dexters zynischer Antiwestern „Deadwood“ erscheint erstmals auf Deutsch

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Die amerikanische Kleinstadt Deadwood gibt es tatsächlich. Sie liegt in den Black Hills, auf dem Gebiet des heutigen South Dakota. 1874 war hier Gold gefunden worden, und der kleine Ort am Whitewood Creek entwickelte sich zu einem Hotspot des sogenannten Wilden Westens. Glücksritter steckten am Fluss ihre Claims ab und vertranken ihren Tageserlös in den Saloons der Stadt, und bald fand sich eine ganze Reihe von Trappern, Kopfgeldjägern und Revolverhelden ein. Unter ihnen war auch James Butler Hickock, besser bekannt als Wild Bill Hickock. Er hatte sich in Kansas und Nebraska einen Namen als lawman gemacht, als Killer im Auftrag des Gesetzes, der unter anderem zehn Mitglieder der M’Kandass Gang zur Strecke brachte und es damit sogar ins „Harper‘s Weekly“ schaffte. „Ohne Frage hatte Gott ihn mit einer außergewöhnlichen Gabe bedacht“, schreibt Pete Dexter in seinem Roman „Deadwood“, „und Bill ging, wohin sie ihn führte.“ Zuletzt eben in die Black Hills.

Pete Dexter ist ein amerikanischer Schriftsteller und Drehbuchautor, Jahrgang 1943. In Deutschland ist er erst spät bekannt geworden. Seit einigen Jahren erscheinen seine Thriller aus den achtziger und frühen neunziger Jahren, zuletzt „God‘s Pocket“. Nun ist auch „Deadwood“ übersetzt worden, ein historischer Roman, der im Amerika des Jahres 1876 spielt, unter Goldsuchern, Glücksrittern und gunmen. Einfacher gesagt: „Deadwood“ ist ein Western – ein Genre, das in Deutschland als bedingt literaturfähig gilt. Dass mit Larry McMurtrys „Lonesome Dove“ in den USA 1986 ein harter, realistischer Western mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, ist hierzulande kaum bekannt. Kein Wunder: Als der Goldmann Verlag den Roman 1991 unter dem Titel „Weg in die Wildnis“ veröffentlichte, bekam das Buch ein Cover verpasst, das an ein Groschenheft aus der „Lassiter“-Reihe erinnerte; im Handel ist die Übersetzung schon lange nicht mehr. Rezipiert wird die nordamerikanische western fiction in Deutschland höchstens in ihrer postmodernen Variante. Michael Ondaatjes schmales Debüt „Die gesammelten Werke von Billy the Kid“ oder Robert Coovers „Die Geisterstadt“ sind Beispiele für ein smartes Spiel mit verblassten Filmbildern.

„Deadwood“ erzählt dagegen zunächst eine ganz einfache Geschichte, die Dexter anhand von historischen Quellen recherchiert hat: die Geschichte eines Revolverhelden, der sich ausgerechnet in der gefährlichsten Stadt seiner Zeit zur Ruhe setzen will – und der ahnt, dass er hier seinem Schicksal begegnen wird. „Wie wirkt es auf dich?“, fragt Wild Bill Hickock seinen Partner, den Fallensteller, Jäger und geschäftigen Unternehmer Charley Utter, als sie am Mittag des 17. Juli 1876 die Main Street entlangreiten. Auf den Straßen steht kniehoch der Matsch, vor den Saloons liefern sich Betrunkene Schießereien, Huren sitzen hinter den Fenstern ihrer Zimmer. „Wie aus der Bibel“, antwortet Charley. „Welcher Teil der Bibel?“, fragt Bill, während er die Maultiere zügelt. „Als Gott zornig wurde.“

Den Vorschlag, die Stadt in den Black Hills so schnell wie möglich zu verlassen, lehnt Bill ab: „Hier wartet etwas auf uns.“ Also kauft Charley ein paar Claims, richtet einen Ponyexpress zwischen Deadwood und Cheyenne ein und plant die Eröffnung eines Bordells. Bill trinkt bereits zum Frühstück den ersten „Gin and Bitters“, spielt Poker um kleine Summen, und wenn er seinen Revolver zieht, dann nur, um Bill Bufords Bulldogge zur Unterhaltung der Gäste ein Schnapsglas vom Kopf zu schießen: Wild Bill Hickock ist schon lange nicht mehr wild. Er hat sich eine „Bluterkrankung“ zugezogen, die er mit Quecksilberwaschungen behandelt (vermutlich handelt es sich um Syphilis).

Auch die anderen Protagonisten, deren Aufenthalt in Deadwood historisch belegt ist, sind keine strahlenden Westernhelden, sondern kaputte Gestalten: Calamity Jane ist eine vor Dreck starrende Zicke mit Alkoholproblem, Handsome Dick, der Banjospieler, steht am Ende seiner Karriere. Und Kopfgeldjäger Daniel Boone May schleppt tagelang die sterblichen Überreste von Frank Towel in einem Sack mit sich herum, weil ihm niemand die versprochene Prämie zahlen will. Dafür geht in den Saloons der Stadt für jeden der Hut herum, der den Kopf eines toten Indianers vorzeigen kann: „Dieser Ort hat hier noch nicht einmal Gesetze, die Kreuzigungen verbieten“, stellt Bill nach seiner Ankunft fest. Und der Sheriff der Stadt verlässt sein sicheres Büro nur, um in einer von ihm gegründeten Ziegelsteinfabrik nach dem Rechten zu sehen.

Recht und Ordnung, das heißt in der Goldgräberstadt am Whitewood Creek Lynchjustiz und die Verteidigung von Kapitalinteressen. Und wenn es einen Grund braucht, um diesen bis in das letzte Satzzeichen zynischen Antiwestern zu lesen, dann den, dass Pete Dexter mit „Deadwood“ einen düsteren Blick in die Seele der amerikanischen Gesellschaft wirft. In den Siedlungen entlang der wild frontier wurden die Grundlagen für einen Staat gelegt, der sich heute in der Rolle des globalen lawman gefällt und die politischen und moralischen Spielregeln für die ganze Welt festlegt.

Wild Bill jedenfalls hat keine Gerechtigkeit erfahren. Zwei Wochen nach seiner Ankunft in Deadwood schießt ihm ein geistig minderbemittelter Katzenhändler aus Cheyenne mit einem verrosteten Revolver in den Kopf. Der Mörder wird von dem Geschworenengericht der Stadt freigesprochen. Das Grab von James Butler Hickock, genannt Wild Bill Hickock, kann man in Deadwood, South Dakota, angeblich noch heute besuchen.

Pete Dexter:Deadwood. Roman.Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeld. Liebeskind Verlag, München 2011. 447 Seiten, 22 €.

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