• US-Raketenabwehr: Vom Wunsch nach Unangreifbarkeit - Was die USA wollen - und wie es funktionieren soll

Kultur : US-Raketenabwehr: Vom Wunsch nach Unangreifbarkeit - Was die USA wollen - und wie es funktionieren soll

Robert von Rimscha

Die Vision ist alt. Stets haben die USA sich als Nation betrachtet, die von den Wirren der Welt abgeschirmt ist. Einen Krieg auf eigenem Boden gab es nur, als Nord- und Südstaaten sich bekämpften oder man gegen die Indianer vorging. So ist der geplante Raketenschirm NMD (National Missile Defense) die technologische Verlängerung alter Unangreifbarkeitswünsche in die Zukunft. Wobei NMD selbst eine lange Geschichte hat. Schon 1974 wurden in North Dakota Raketen zur Verteidigung von Bunkern aufgestellt. "Seitdem gab es alle halbe Jahre einen Verbesserungsvorschlag", meint Richard Garwin, US-Rüstungsexperte und Regierungsberater, der 1998 mit dem heutigen Verteidigungsminister zusammen den entscheidenden Bericht über die neue Bedrohungslage schrieb.

Laut Haushaltsgesetz - die bisherige Grundlage der Tests und der Forschung - richtet sich NMD nicht gegen Schurken- oder Sorgenstaaten, sondern dient dem "Schutz gegen begrenzte Angriffe, ob unbeabsichtigt, unautorisiert, durch technisches Versagen oder böswillig" herbeigeführt. Damit die Abschreckung gegenüber Russland weiter funktioniert, soll NMD nicht vor einem massiven Schlag schützen, sondern vor versehentlich oder von Terroristen abgeschossenen Einzel-Raketen.

Drei Tests durchlaufen

SDI, Ronald Reagans "Strategic Defense Initiative", war noch ambitionierter angelegt. Das Programm versandete in den 80er Jahren im Dickicht der Einzeletats, der enormen Kosten und technischen Probleme. NMD hat bislang drei Tests durchlaufen. Der erste war ein begrenzter Erfolg, der zweite und der dritte scheiterten. Allerdings nicht an der Unzuverlässigkeit der NMD-spezifischen Komponenten, sondern an Problemen mit ganz konventioneller Raketen-Technologie. Eine angreifende soll von einer defensiven Rakete getroffen und rein mechanisch zerstört werden. Garwin fordert, auf Systeme zu verzichten, die dies beim Wiedereintritt in die Atmosphäre oder in der Mitte der Flugbahn versuchen. Er setzt auf "Boost Phase Technology", auf eine Zerstörung nach der Zündung. Die schiere Größe der Rakete und die enorme Hitzeentwicklung machen solche Ziele leichter zu orten.

Das Zerstören besorgt ein "kill vehicle", bei dem ein Kilo Materialgewicht angesichts der Geschwindigkeit von zehn Kilometern pro Sekunde die Wirkung von zehn Kilo hoch explosivem Material hätte. Die Steuerung der Abfangrakete würde über existierende Satelliten laufen, was die Projektkosten stark reduziert. "Wenn alle Forschungsprogramme hierauf konzentriert würden, könnte ein Boost-Phase-System 2005 oder 2006 einsatzbereit sein", sagt Garwin. Käme man mit Moskau überein, könnte die Abwehr in Wladiwostok gegen Nordkorea und in der Türkei gegen den Irak stationiert werden.

Kofferbomben sind gefährlicher

In der US-Regierung gibt es Widerstände gegen und Zuspruch für einen ersten, konkreten Schritt. Präsident Bush hat seine Unterstützung für ein Boost-Phase-Programm signalisiert. Einige im Pentagon betrachten es indes als eine Gefährdung ihrer eigenen, ambitionierteren Pläne.

Der CIA räumt ein, dass das kombinierte Risiko eines Angriffs mit einer Kurzstreckenrakete, von Kofferbomben oder biologischem Terrorismus größer ist als jenes eines Angriffs mit Mittelstrecken- oder Interkontinentalraketen. Nur gegen die Letzteren schützt NMD. Doch in Washington sagt man, es mache keinen Sinn, sich nur deshalb vor einem Risiko nicht zu schützen, weil ein anderes weiter bestehen bleibt. Garwin schätzt, dass für 15 Milliarden Dollar ein begrenzter Verteidigungsschild mit 20 in den USA stationierten Abfangraketen möglich wäre. "Das wäre fast noch innerhalb des ABM-Vertrages", meint Garwin. "Dahin bewegen wir uns wohl."

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