Kultur : US-Wahlen: Das System als Rezept zum Chaos

Die Weltöffentlichkeit lacht über das US-Wahldebakel und die Amerikaner fragen sich immer drängender: Wie konnte das passieren? Die Zeitung "USA Today" gab die Antwort: "Unser Wahlsystem ist ein Rezept zum Chaos." Das Durcheinander beginnt mit den verschiedenen Systemen, die zur Stimmabgabe genutzt werden. Sie reichen vom traditionellen Bleistiftkreuz auf dem Wahlzettel über die in Florida zur zweifelhaften Berühmtheit gekommenen Stanzen bis zu modernen elektronischen und computergestützten Wahlmaschinen. Es gibt auch kein einheitliches Wahlgesetz in den USA. Die 50 Bundesstaaten und mehr als 3000 Counties (Bezirke) haben alle eigene Regeln. "Bis auf die Müllabfuhr ist kaum eine öffentliche Aufgabe so dezentralisiert wie die Wahlorganisation", sagt Norman Ornstein vom wirtschaftsnahen American Enterprise Institut.

So gibt es von Staat zu Staat verschiedene Öffnungszeiten der Wahllokale, die äußerst unterschiedlich mit Personal und Ausrüstung ausgestattet sind. In vielen Städten mussten Wähler bis zu drei Stunden warten, ehe sie ihre Stimme abgeben konnten. Vor allem Ältere und Kranke gaben bald auf. Viele andere hatten schlicht nicht die Zeit zu warten. Denn Wahlen finden in den USA traditionell an einem Dienstag statt, dem früheren Markttag in ländlichen Gegenden.

Arbeitgeber sind zwar gehalten, ihren Beschäftigen Zeit zum Wählen einzuräumen, aber das ist nicht immer der Fall. "USA Today" beschreibt den Fall eines Mechanikers aus Florida, der angewiesen wurde, während seiner 30-minütigen Mittagspause zu wählen. Dafür musste er aber einen Weg von 30 Meilen (knapp 50 Kilometer) hin- und zurück fahren. Die von Bezirk zu Bezirk verschieden gestalteten Stimmzettel sind ein weiteres Problem.

So wurde nicht nur in Florida weiter gezählt und gestritten. In New Mexico wurden nachträglich 500 zusätzliche Stimmen für Al Gore gefunden. In New Hampshire schrumpfte der Vorsprung George Bushs durch die Korrektur von Computerfehlern um 1000 Stimmen.

Bezeichnend war auch die Nachricht aus dem Allegheny-Bezirk in Pennsylvania. In dem dortigen Wählerverzeichnis, das seit dem 19. Jahrhundert fortgeschrieben wird, wurden 890 000 Bürger geführt. 775 000 davon mussten gestrichen werden, weil sie verzogen oder längst gestorben waren.

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