Kultur : US-Wahlkrimi: "Das Wahlsystem ist ein Anachronismus"

Sind die Vereinigten Staaten in Sachen Wahlsystem

Dieter Roth (62) ist Leiter der Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim und hat für das ZDF die US-Wahl in Washington begleitet.

Sind die Vereinigten Staaten in Sachen Wahlsystem vielleicht doch mehr eine Bananenrepublik als eine Supermacht?

Das US-amerikanische Wahlmännersystem ist in vielen Aspekten ein Anachronismus. Es ist in einer bestimmten Zeit gewachsen, aber entspricht heute nicht mehr den Anforderungen. Aber ein Land, das so eine junge Geschichte hat wie die USA ist eben immer stolz darauf, das wenige, was es an Historischem hat, am Leben zu halten.

Wieso dauert die Auszählung so lange?

Erstens gibt es parallel zur Präsidentschaftswahl eine ganze Reihe anderer Wahlen, zum Beispiel zum Senat, zum Repräsentantenhaus, aber auch viele lokale Entscheidungen. Wenn in den USA die Stimmen gezählt werden, wird das Ergebnis nicht wie in Deutschland durch eine staatliche Organisation zusammengeführt, sondern durch den von den Medien getragenen Voters News Service. Der führt zusätzlich Befragungen am Wahltag durch, lässt sich in jedem Stimmbezirk die Ergebnisse mitteilen und berechnet dann schon am Wahlabend ein vorläufiges Ergebnis, um die Medien schnell bedienen zu können. Aber der eigentliche, offizielle Zählvorgang dauert wesentlich länger. Und das führt jetzt angesichts des knappen Ergebnisses in Florida, dem Schlüsselstaat dieser Wahl, zu dieser Verzögerung.

Wann rechnen Sie mit einem Ergebnis

Die Auszählung wird vielleicht noch viel länger dauern als nur bis kommende Woche. Die Zahl der wahlberechtigten Briefwähler aus Übersee, deren Stimmen bis zum 17. November eingegangen sein müssen, liegt bei rund 30.000. Da das Ergebnis so eng ist, hat die unterlegene Partei von ihrem Recht Gebrauch gemacht, eine weitere Zählung per Hand zu beantragen. Das dauert mindestens drei bis vier zusätzliche Tage.

Welche Rolle spielen die Stimmzettel von Palm Beach, die so gestaltet waren, dass Zehntausende falsch gewählt haben?

In der Tat gab es in Palm Beach mehr als 29.000 ungültige Stimmen, 19.000 davon mit Doppel-Lochungen der ersten beiden Löcher. Da haben die Leute, die Gore wählen wollten, ein Loch in ihren Wahlzettel gemacht, dann festgestellt, dass sie es an der falschen Stelle gemacht haben, und dann haben sie noch eins gemacht - und damit war die Stimme ungültig. Ob das angefochten werden kann, muss juristisch geklärt werden. Das Problem in Palm Beach ist ja nicht zwangsläufig eine Fälschung. Es ist mehr ein Missverständnis darüber, was die Leute tun mussten, um dem Kandidaten ihrer Wahl ihre Stimme zu geben. Die Frage ist: Wer hat was zu diesem Missverständnis beigetragen.

Könnte es eine ähnliche Situation auch in Deutschland geben?

Nein. Der strukturelle Unterschied zu den Prognosen in den USA liegt darin, dass es bei uns nicht nur eine Datenquelle gibt, auf der die Prognosen nach der Wahl beruhen. In der Bundesrepublik erheben die Forschungsgruppe Wahlen und Infratest zwei getrennte Stichproben, führen eigene Befragungen durch und kontrollieren sich damit gegenseitig. Und was den momentanen Stillstand in den USA angeht: Bei uns haben wir ja keine Direktwahl, sondern es werden Parteien gewählt - und wenn die einen Gleichstand haben, ist das kein Problem.

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