Kultur : US-Wahlkrimi: "Der Neue muss versöhnen"

Hat der Wahlkrimi der vergangenen fünf Wochen

Catherine Mcardle Kelleher (61) ist Direktorin des Aspen Institut in Berlin. Davor hatte sie mehrere Positionen in der Clinton-Administration inne.



Hat der Wahlkrimi der vergangenen fünf Wochen der amerikanischen Demokratie geschadet oder genutzt?

Er hat der Demokratie eher genutzt. Die Wähler waren anfangs von keinem der Kandidaten begeistert - und immer noch ist keiner der beiden wirklich besonders beliebt im Vergleich zu Bill Clinton. Aber im Laufe der vergangenen Wochen ist Bush durch seinen Umgang mit dem unklaren Wahlergebnis besser geworden und liegt jetzt in der Beliebtheit vor Gore.

Wird Bush nicht dennoch - angenommen, er wird der nächste US-Präsident - von Anfang an ein schwacher Präsident sein?

Ja, das ist zu erwarten. Er wird für eine Weile keine Beschlüsse durch den Kongress bekommen, weil er für die großen Fragen wie Steuerreform, Gesundheitssystem oder die Ernennung von Richtern beim Obersten Gericht keine ausreichenden Mehrheiten bekommen wird. Es wird kein vollständiger politischer Stillstand sein, aber fast.

Und wie stünde ein potenzieller Präsident Al Gore da?

Viele Amerikaner haben nach all den Auseinandersetzungen genug von ihm - und das sage ich als Anhängerin der Demokraten. Wenn die Demokraten die Nachzählung sofort nach der Wahl erfolgreich beantragt hätten, wäre das vielleicht anders gewesen. Jetzt wollen die meisten Leute, dass die Auseinandersetzung ein Ende findet.

Was ist davon zu halten, dass jetzt nicht mehr die Wähler darüber entscheiden, wer der US-Präsident wird, sondern ein Gericht?

Die Menschen sind der Auseinandersetzungen müde. Der größte Teil der Bevölkerung hat kein Verständnis für die Situation und hält die aggressive Art auf beiden Seiten für unangebracht. Deswegen wird es akzeptiert, dass jetzt die Richter entscheiden - obwohl viele Bürger ursprünglich nicht gewollt hätten, dass eine so politische Entscheidung von einem Gericht getroffen wird.

Ist durch die Hängepartie das Amt des Präsidenten dauerhaft beschädigt worden?

Das ist möglich. Aber das Amt hat seine große Bedeutung in den vergangenen Jahren ohnehin verloren. Während des Kalten Krieges war der Präsident, vor allem aus außenpolitischen Gründen, immer der große, starke Mann - obwohl es in der Verfassung nicht so vorgesehen war. In den vergangenen Jahren aber hat der Kongress wieder an Macht gewonnen. Die letzten Wochen haben diese Tendenz noch einmal verstärkt.

Was müsste der neue Präsident tun, um die Autorität des Amtes wieder herzustellen?

Er muss seinem Gegner gegenüber großzügig sein und versuchen, die beiden politischen Lager miteinander zu versöhnen. Ich weiß allerdings nicht, ob die beiden Kandidaten dazu überhaupt in der Lage sind. Denn es würde bedeuten, dass man zum Beispiel ein paar Politiker der anderen Partei ins Weiße Haus holt und gemeinsam nach Wegen sucht, das Land wieder zu vereinen. Auch müsste der neue Präsident Vorschläge machen, wie der Bund den Wahlkreisen dabei helfen kann, neue Wahlmethoden oder zumindest neue Zählmaschinen einzuführen. Ein weiteres wichtiges Vorhaben müsste sein, die Vorwürfe aufzuklären, denen zufolge schwarze Wähler benachteiligt wurden, indem in mehrheitlich schwarzen Wahlbezirken überdurchschnittlich viele Stimmen als ungültig bewertet und vernichtet wurden.

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