Kultur : USA - China: Strategische Freundlichkeiten

Harald Maass

Die Anspielung in Chinas Staatsmedien ist kaum kaschiert. Vor dem Besuch von US-Präsident George W. Bush druckten die wichtigen chinesischen Zeitungen ein Foto aus dem Jahr 1972 von Richard Nixon. Vor genau 30 Jahren hatte der US-Präsident mit einem Besuch in Peking eine neue Ära zwischen der Volksrepublik China und den USA eingeleitet. Jetzt stehen die Zeichen wieder auf Harmonie.

Nach den Spannungen im vergangenen Jahr, als ein US-Spionageflugzeuges in China notlanden musste, will Peking die Beziehungen zu Washington stabilisieren. Der Grund dafür liegt in der chinesischen Innenpolitik. 2002 ist für Pekings KP-Mächtige in vielerlei Hinsicht ein entscheidendes Jahr. Mit Rücktritten Jiang Zemins und von Ministerpräsident Zhu Rongji steht das Land vor einem Generationswechsel in der Führung. Dazu kommt der wirtschaftliche Umbruch, den der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO in diesem Jahr ausgelöst hat. Für viele Staatsbetriebe beginnt damit der "Sprung in das Meer der Marktwirtschaft", wie es auf Chinesisch heißt. Millionen Chinesen werden ihre Arbeit verlieren. Der Handel mit den USA, der vergangenes Jahr 80,5 Milliarden US-Dollar betrug, soll deshalb möglichst nicht gestört werden.

China und die USA sollten das "gegenseitige Verständnis" ausbauen, erklärt denn auch der Präsident des Instituts für Außenbeziehungen in Peking, Mei Zhaorong. Der Wunsch stößt in Washington auf offene Ohren. Im Kampf gegen den Terrorismus und die "Achse des Bösen" können die USA derzeit keine Nebengefechte gebrauchen. Das Weiße Haus fährt deshalb seit einigen Monaten eine ausgesprochen sanfte China-Politik.

Bush erwartet in Peking ein reibungsloser Auftritt. Das Programm ist Routine: Gespräche mit Staatschef Zemin und Premier Rongji, Besuch einer Busfabrik, Spaziergang auf der Großen Mauer. Natürlich wird Bush auch ein paar kritische Sätze sagen.

Hinter verschlossenen Türen

Die Religionsfreiheit und den Dalai Lama will er ansprechen. Er wird auf die Freilassung einiger Dissidenten drängen. Umgekehrt wird Zemin Washington auffordern, sich aus der Taiwanfrage herauszuhalten. Doch werden beide Seiten ihre Kritik so verpacken, dass es dem anderen nicht weh tut.

Die Konflikte zwischen den beiden Großmächten sind nicht weniger geworden. Nur werden sie diesmal hinter verschlossenen Türen angesprochen. Die USA werfen Peking vor, Raketen und andere sensible Waffentechnik an verdächtige Staaten zu liefern. Pekings Führer sehen dagegen Bushs Drohungen gegenüber Nordkorea, ihrem traditionellen Verbündeten, mit Besorgnis. Probleme auch im Handel. Washington verlangt von Peking, dass es die Urheberrechte US-amerikanischer Filme und Produkte besser schützt. Außerdem soll China seinen Markt für genveränderte Sojabohnen aus den USA offen halten. Für US-Bauern ist das ein Milliardenmarkt.

Chinas Führer werden mit Bush zusammenarbeiten, aber sie mögen ihn nicht. Dafür ist der Texaner zu amerikanisch, zu undiplomatisch und sein Selbstbild der USA zu dominant. Bei seinem Amtsantritt hatte Bush China zu einem "strategischen Konkurrenten" erklärt. Pekings Führer haben das nicht vergessen. Chinas Freundlichkeit bei Bushs Staatsbesuch ist deshalb allenfalls strategisch.

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