Kultur : USA und China: Jedes Wort wiegt tonnenschwer

Malte Lehming

Der Präsident war nervös. Deutlich fingen die Mikrophone ein tiefes Durchatmen ein, bevor George W. Bush im Rosengarten des Weißen Hauses seine kurze Stellungnahme verlas. Es sei Zeit, dass die 24 US-Soldaten nach Hause kommen, sagte er und verschwand. Journalisten-Fragen zu der schwersten außenpolitischen Krise seiner Amtszeit ließ er erneut nicht zu. Jedes Wort wiegt schwer, verplappern darf er sich nicht.

Auf den ersten Blick scheint es, als trieben Washington und Peking einer Neuauflage des Kalten Krieges zu. Tag für Tag verschärft sich offenbar der Ton. Seit Beginn des Konfliktes um die Flugzeugkollision und die Notlandung der US-Aufklärungsmaschine auf der chinesischen Insel Hainan hat es noch keine spürbare Entspannung gegeben. Oder doch? Bemerkenswert an dem Bush-Auftritt war weniger, was er sagte, als vielmehr das, was er nicht sagte. Weder hat Bush der chinesischen Führung ein Ultimatum für die Freilassung der Soldaten gestellt, noch hat er mit konkreten Sanktionsmöglichkeiten für den Fall ihrer Nichtfreilassung gedroht. Amerika versucht alles zu unterlassen, was China weiter reizen könnte.

"Dieser Unfall hat das Potenzial, unsere Hoffnungen auf ein fruchtbares und produktives Verhältnis zwischen unseren Ländern zu untergraben", sagte Bush. Der Satz ist interessant. Es dürfte das erste Mal gewesen sein, dass die Chinesen von dem neuen US-Präsidenten den Wunsch übermittelt bekommen haben, in "fruchtbare und produktive" Beziehungen einzutreten.

In der Tat bewegen sich beide Seiten langsam aufeinander zu. Von ihren Maximalpositionen sind sie bereits abgerückt - auch wenn sie sich noch immer gegenseitig die Schuld an dem Unfall geben und die Chinesen weiter darauf beharren, dass das Überflugsrecht "missbraucht" und die Sicherheit ihres Landes "bedroht" worden sei. Grafik:
Die Route des amerikanischen Aufklärungsflugzeugs EP-3 Die Amerikaner haben im Gegenzug ihre ursprüngliche Forderung fallen gelassen, das Flugzeug dürfe von den Chinesen nicht inspiziert werden. Dabei gehen US-Sicherheitsexperten inzwischen davon aus, dass es der Crew nach der Notlandung noch gelang, die wichtigsten Dateien und die hochsensible Spionage-Elektronik an Bord zu vernichten. Das berichtete CNN unter Berufung auf Pentagon-Kreise. Die USA hatten zuvor die Befürchtung geäußert, China könnte sich aus dem Flugzeug geheime Technologien aneignen.

Die Behauptung, ein notgelandetes Militärflugzeug besitze in jedem Fall eine Art Immunität, klang ohnehin nicht überzeugend. Man stelle sich das Ganze einmal umgekehrt vor. Ein chinesisches Spionageflugzeug kollidiert vor der amerikanischen Küste mit einem US-Flugzeug, wobei der US-Pilot getötet wird: Die Empörung in den Vereinigten Staaten wäre gewaltig, die chinesische Besatzung würde natürlich verhört, ihr Flugzeug selbstverständlich untersucht.

Offiziell freilich spricht niemand von Entspannung. Stattdessen regieren Stolz und Härte. Keine Seite gibt nach. Kompliziert ist die Lösung des Problems auch deshalb, weil die Amerikaner zu den Chinesen nie ein informelles Krisen-Management aufgebaut haben, das vergleichbar wäre mit dem Netzwerk zwischen Washington und Moskau. Zwar existiert ein heißer Draht zwischen dem Weißen Haus und dem Büro von Präsident Jiang Zemin, aber der scheint nicht recht zu funktionieren. Aufmerksam wird in der amerikanischen Presse registriert, dass Bush einen Auftritt im Rosengarten des Weißen Hauses der diskreten Botschafts-Übermittlung offenbar vorzog.

Im Wesentlichen besteht das Krisen-Management also aus Signalen, die sich beide Seiten zusenden. Dass Jiang und sein Vize-Premier Qian Qichen trotz der Kontroverse zu einer Zwölf-Tagesreise nach Südamerika aufgebrochen sind, wird in den USA positiv bewertet. So lange die Führungsebenen Gelassenheit ausstrahlen, bestehe kein Anlass zu der Befürchtung, sie könnten überreagieren. Entsprechend setzt US-Außenminister Colin Powell demonstrativ seine Kaukasus-Friedensgespräche fort, und Bush tingelt weiter durchs Land, um für sein Steuerentlastungs-Paket zu werben.

Mit einem schnellen Ende des Konfliktes rechnet in den USA ohnehin kaum jemand. In China müsse sich zunächst die Erregung legen, heißt es. Im Raum steht außerdem die Forderung der Chinesen nach einer Entschuldigung. Der wird die US-Seite sicher nicht nachkommen. Die diplomatische Aufgabe in den kommenden Tagen wird deshalb darin bestehen, die Chinesen davon zu überzeugen, dass es nicht sinnvoll wäre, die Forderung nach einer Entschuldigung zur Voraussetzung für die Freilassung der Crew zu machen.

Das ist nicht leicht. Beide Seiten müssen eine Formel finden, die sowohl die Chinesen befriedigt als auch für die Amerikaner akzeptabel ist. Denkbar wäre etwa die Einrichtung einer gemeinsamen Kommission, die die Unfallursache untersucht und Pläne erarbeitet, wie ähnliche Unfälle in Zukunft verhindert werden können. Bis es dazu kommt, wird noch einiges Donnergrollen zu hören sein.

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