Kultur : USA und zweiter Weltkrieg: Wer will den Veteranen Kränze flechten?

Malte Lehming

Ohne Tom Hanks vergeht kaum ein Tag. Der Schauspieler ist in diesen Wochen sehr präsent. Allerdings spielt er nicht, sondern redet dem Publikum mit ernster Stimme ins Gewissen. Es sei an der Zeit, sagt Hanks vor schlichtem, dunklem Hintergrund im US-Fernsehen, das Denkmal zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu bauen. Jahr für Jahr stürben etwa 400 000 Veteranen, die dem Land damals treu gedient hätten. Die "Greatest Generation" müsse endlich angemessen gewürdigt werden.

Die 30-sekündige Werbesendung wird von der "American Battle Monument Commission" (ABMC) finanziert. Tom Hanks, der auch die Hauptrolle in Steven Spielbergs Normandielandungsepos "Saving Private Ryan" übernommen hatte, ist der Sprecher dieser Kommission. Sie wurde 1923 mit dem Ziel gegründet, sich um die Errichtung und Bewahrung amerikanischer Militär-Denkmäler zu kümmern. Deshalb kümmert sich die ABMC auch um das seit 1993 geplante Denkmal zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Einen Großteil der Baukosten in Höhe von etwa 140 Millionen Dollar hat sie bereits gesammelt. Unterstützt wird sie von den meisten Veteranen-Organisationen, diversen Politikern, Intellektuellen, Show-Stars und Künstlern. Aber die ABMC hat auch Gegner. Die haben sich im vergangenen Juni zur "National Coalition to Save Our Mall" (NCSM) zusammengeschlossen. Der Streit zwischen beiden Gruppen tobt seit Jahren, und er erinnert mitunter bis ins Detail an die deutschen Auseinandersetzungen um das Holocaust-Mahnmal.

Stonehenge in Marmor und Granit?

Da ist von "Nazi-Kitsch" die Rede, gespottet wird über ein "Stonehenge in Marmor und Granit", das Modell sei "steril und uninspirierend" und würde, falls errichtet, die gesamte Mall "verschandeln". Die Mall, das ist jene Promenade der Monumente, Mahnmäler und Präsidenten-Denkmäler, die sich auf zwei Quadratmeilen durch die amerikanische Hauptstadt zieht. Sie beginnt im Westen am Lincoln-Memorial, vor dem 1963 Martin Luther King seine "Ich-habe-einen-Traum"-Rede gehalten hat. Von dort aus sieht man Richtung Osten über den so genannten "Reflecting Pool" auf das Washington Monument, einen triumphalen Obelisken, der das Wahrzeichen der Stadt ist. Dahinter schließt sich das Ensemble der Smithsonian-Museen an, der größte Museums-Komplex der Welt. Auch das Holocaust-Museum ist direkt an der Ecke. Am Ende schließlich steht das Capitol.

Unmittelbar am Lincoln-Memorial befinden sich das Vietnam- und Korea-Kriegs-Denkmal. Im Süden des Washington-Monuments wiederum steht, hinter einem See auf einem kleinen Hügel, das Jefferson Memorial, im Norden davon liegt das Weiße Haus. Südlich des Reflecting Pool wiederum erstreckt sich der Franklin Delano Roosevelt Park mit dem gleichnamigen Memorial. Auf der Mall werden die zentralen Epochen der amerikanischen Geschichte gewürdigt. Bloß die Veteranen des Zweiten Weltkrieges fühlten sich bislang ausgeschlossen. Also schrieb die Clinton-Regierung Anfang der neunziger Jahre einen Wettbewerb aus, 400 Entwürfe wurden eingereicht, zwei Juries sprachen sich schließlich einstimmig für das Modell des in Österreich geborenen Architekten Friedrich Florian aus, der an der Rhode Island School of Design lehrt.

Bescheiden sind dessen Pläne nicht. Direkt am "Reflecting Pool", also zwischen Lincoln Memorial und Washington Monument, sollen in einem Halbkreis 56 riesige Säulen errichtet werden, die auf zwei vierstöckigen Rundbögen stehen. Integriert sind große Adler und Kränze aus Bronze sowie Sterne aus Gold. Die Gegner des Denkmals sagen, dadurch werde der Mall ihre Würde genommen, die freie Sicht bis hin zum Capitol werde verbaut. Die Anhänger des Denkmals entgegnen, die ohnehin monumentale Symbolik werde lediglich ergänzt. Florian hat seine Pläne mehrfach überarbeitet.

In einigen Punkten unterscheidet sich dieser Streit allerdings von der Auseinandersetzung in Deutschland um das Holocaust-Mahnmal. Zum einen geht es in den USA lediglich um den Standort und den Entwurf. Die Notwendigkeit eines Denkmals wird nicht in Frage gestellt. Von den 16 Millionen US-Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs dienten, leben heute nur noch fünf Millionen. Und zuletzt wird in Amerika mit anderen Bandagen gekämpft als in Deutschland. Beide Seiten haben emotional aufgeladene Werbesendungen geschaltet. Außerdem sind die Gegner des Projektes schon des Öfteren vor Gericht gezogen. Vor neun Wochen erst verbot ein Bezirksrichter die Beschneidung einiger Bäume auf dem geplanten Baugelände mit der Begründung, das könne als Vorentscheidung für den Standort missverstanden werden.

Dennoch schien der Widerstand gegen das Denkmal gebrochen zu sein. Das Projekt wird von vielen Kongress-Abgeordneten unterstützt, insgesamt 22 öffentliche Anhörungen hat es überstanden, die zuständigen Gremien billigten nach und nach alle notwendigen Elemente. Die Gegner des Projektes konnten dessen Realisierung offenbar nur verzögern. Doch seit dem 3. Mai ist alles wieder offen. Denn an diesem Tag beschloss die verantwortliche Planungskommission, sämtliche Entscheidungen der vergangenen sechs Jahre zu überprüfen.

Dem spektakulären Beschluss vorausgegangen war eine Klage der NCSM gegen die Planungskommission selbst. Im Verlauf der Anhörungen hatte sich herausgestellt, dass deren Vorsitzender über seine offizielle Amtszeit hinaus während einer wichtigen Abstimmung im vergangenen September die Geschäfte geführt hat, weil noch kein Nachfolger für ihn gefunden worden war.

Das Parlament schaltet sich ein

Jetzt hätte der gesamte Genehmigungsprozess eigentlich von vorne beginnen müssen. Für den 23. Mai war ein ganztägiges Symposium mit Architekten und Stadtplanern angesetzt, am 13. und 14. Juni sollten die Gegner und Befürworter des Projekts bei zwei großen öffentlichen Anhörungen zu Wort kommen. Um die Argumente besser bewerten zu können, wurde der "National Park Service" gebeten, am vorgesehenen Standort ein maßstabsgetreues Modell des Denkmals zu errichten. Aber völlig überraschend hat sich am Dienstag nun das amerikanische Parlament in den Streit eingeschaltet. Mit 400 zu 15 Stimmen beschloss das Repräsentantenhaus, dass das Denkmal ohne jede weitere Prüfung gebaut werden soll. Sollte der Senat sich diesem Votum anschließen, wären alle bürokratischen Hürden überwunden. Das jedenfalls glaubt man in Amerika, wie man es seinerzeit in Deutschland geglaubt hatte. Hier wie dort will die Vergangenheit partout nicht vergehen. Mel Brooks feiert derzeit auf dem Broadway mit "The Producers" einen unglaublichen Erfolg - das ist die Theaterversion seines Films "Frühling für Hitler". Die Plätze kosten 100 Dollar und sind auf Monate ausgebucht. "The Producers" gilt als größte Sensation seit "A Chorus Line" vor einem Vierteljahrhundert. Ebenfalls auf dem Broadway spielt Maximilian Schell in der Hollywood-Adaption "Das Urteil von Nürnberg". Angeblich gibt es sogar ernsthafte Pläne, für die Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg einen Extra-Fernsehkanal zu gründen. "All Hitler, all the time", wie die "New York Times" spöttisch bemerkte.

Süffisant diagnostizierte die "New York Times" unlängst sogar einen "blitzkrieg" des Gedenkens. US-Verlage können sich nicht mehr retten vor unverlangten Manuskripten, deren Autoren sich mit dem Dritten Reich befassen. In den amerikanischen Kinos läuft in wenigen Tagen "Pearl Harbour" an. Steven Spielbergs Mini-Serie "Band of Brothers" über die Armee-Einheit, die Hitlers Adlernest in Berchtesgaden ausgenommen hat, wiederum mit Tom Hanks in der Hauptrolle, wird am kommenden Jahrestag der Normandie-Landung Premiere haben.

Auf entsprechende Resonanz stößt der Streit um das Denkmal zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Falls die öffentlichen Anhörungen im Juni noch stattfinden, kommen sicher auch Steven Spielberg und Tom Hanks. In Deutschland, während des Mahnmal-Streites, wurden die Rollen der Gedenk-Lobby von Ignatz Bubis und Lea Rosh gespielt. Das war auch nicht schlecht, vermittelte aber nur einen Vorgeschmack davon, was passiert, wenn sich Hollywood des Erinnerungsgeschäfts annimmt.

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