Kultur : Utopie in der Prärie

Der Hauch des amerikanischen Imperiums: Thomas Hettches Roman „Woraus wir gemacht sind“

Steffen Richter

In Kafkas „Amerika“-Roman hält die Freiheitsstatue auf Liberty Island bekanntlich nicht die Fackel der Aufklärung, sondern ein Schwert in ihrer Hand. Den „wahrsten Traum“ von Amerika hat Wolfgang Koeppen dieses Bild genannt, das den selbstverständlichen Konnex von Freiheit und Gewalt inszeniert. Seit mehr als zweihundert Jahren träumt Europa in Bildern und Texten diesen Traum – mal ist er sehnsuchtsvolle Verheißung, mal Albdruck. Der Schriftsteller Thomas Hettche kennt dieses Schillern sehr gut. Und er beschreibt seine neuesten Erscheinungsformen in einem so grandiosen wie verstörenden Roman, in einem Buch, das road movie, Action-Thriller, kriminalistisches Puzzle, Entwicklungsroman, Geschichtserzählung und philosophisches Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft von Imperien ist. Hettche erzählt, wie unsere Gegenwart verfasst ist, „woraus wir gemacht sind“.

Es beginnt damit, dass der vierzigjährige deutsche Biograf Niklas Kalf mit seiner schwangeren Frau Liz nach New York reist, um auf Einladung seines Verlegers aus einem neuen Buch zu lesen. Wir schreiben September 2002, die Gedenkveranstaltungen zum ersten Jahrestag von „9/11“ sind im Gange. Im Fernsehen spricht George Bush: „We must stand up for our security, and for the permanent rights and hopes of mankind.“ Da ist Liz verschwunden. Langsam realisiert Kalf, dass es sich um eine Entführung handelt und er nicht näher bezeichnetes Material über Eugen Meerkaz liefern soll – den Mann, an dessen Biografie er im Auftrag von Meerkaz’ Witwe Elsa arbeitet. Der jüdische Physiker Meerkaz war aus Nazideutschland geflohen und ans California Institute of Technology gekommen. Dort, wo auch Einstein und Oppenheimer unterrichteten, soll er gemeinsam mit einem gewissen John Parsons an einem bahnbrechenden Flüssigtreibstoff für Raketenantriebe geforscht haben. Im Juni 1952 aber waren beide bei einer mysteriösen Explosion umgekommen.

Verzweifelt sucht Kalf in seinen Unterlagen nach dem Geheimnis, das seiner Frau das Leben retten könnte. Er stößt auf eine Spur, die ihn nach Marfa in Texas führt. Die 2000-Seelen-Gemeinde liegt im Herzen Amerikas und zugleich an seiner Peripherie, nahe der mexikanischen Grenze. In diesem „big wide open“ des Westerns wird Kalf in einen Sog geraten, „weg von allem, was er kannte“. Der Wunsch, in einer faszinierenden Fremdheit heimisch zu werden, überwältigt ihn. Kalf scheint sich zu entleeren und entfernt sich wie in Trance von Liz. Doch der Selbstverlust ist zugleich eine Suche nach dem eigenen Ich und seinem Ort. Sie verläuft zwischen der Versuchung, „für immer Teil zu sein dieses Landes“, und der Frage Marfa Ignatyevnas, die er in Dostojewskis „Brüder Karamasow“ liest: „why it’s our duty to stay here“.

Alles flirrt bei Hettche. Die Ambivalenz Amerikas, die sich diskursiv kaum einholen lässt, scheint in Geschichte und Erzählweise seines Romans eingesickert zu sein. Amerika ist so real wie die kriminelle Bande, die Kalf ein Geheimnis abjagen will, das er selbst nicht kennt, und dafür über Leichen geht. Sie zwingt ihn aus seiner Wartestellung in Marfa in die Wirklichkeit des Handelns zurück. Als er sich gegen ihre martialische Gewalt zur Wehr setzt, wird er selbst zum Mörder. Gleichzeitig ist Amerika eine Fiktion, vielleicht nur Kino. In einer halluzinatorischen Szene, einem großartigen Stück Prärie-Surrealismus, begegnet Kalf einem Mann, der mal Henry Fonda, dann Ted Turner oder Al Pacino ähnelt. Der wunderliche Alte spottet über die fixe Idee der Europäer, das Leben für einen Traum zu halten. Und er führt dem Deutschen, der dem ur-utopischen Gedanken anhängt, „dass alles anders sein könnte“, die Realität einer Welt vor Augen, die „nur mehr ein einziger Ort ist“. Die Utopie habe sich dorthin zurückgezogen, wo sie bereits der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart sah: ins „Seelenfünklein“, eine transzendentale Erfahrung.

Das neue Imperium Amerika, wo Glück und grenzenlose Freiheit einst hinterm Horizont warteten, dieser jugendfrische Kontinent und Originalschauplatz europäischer Projektionen, hat mit der Globalisierung sein Potenzial als konkrete Utopie verspielt. Doch das alte Imperium Roms, sinniert Kalf, ist seinerseits längst im Verschwinden begriffen. Wo sich der „Müll der Zeit“ über der Kultur ablagert, sind vitale Impulse schwerlich zu erwarten. Was also die Essenz der Gegenwart wäre und „woraus wir gemacht sind“, bleibt unsicher.

Festzustehen scheint indes, dass wir unserer Geschichte nicht entgehen. In einem dramatischen Showdown, der Kalf in die „Traumwäscherei“ Hollywood (Ingeborg Bachmann) und die verlassene kalifornische Goldgräberstadt Bodie führt, wird sich das Geheimnis des Eugen Meerkaz lüften. Es hat mit dem Satanismus des Sektengründers Aleister Crowleys zu tun und mit einem amerikanischen Filmproduzenten, der „die weiße Zivilisation ins All hinaustragen“ will, „bevor sie hier untergeht“. Vor allem aber steht die aktuelle Disposition deutscher Identität zur Debatte. Ungeheuerlich und doch unabweisbar ist eine Deutung des Geschehens, nach der die jüdische Exilantin Elsa Meerkaz, um den Ruf ihres Mannes zu retten, wie selbstverständlich ein Opfer des jungen Deutschen – das Leben seiner Frau – in Kauf nimmt. Als gelte es, eine historische Schuld zu begleichen. Kalf jedenfalls spricht scheinbar zusammenhangslos plötzlich von Auschwitz. Vielleicht zeichnet Hettche hier den „wahrsten Traum“ des gegenwärtigen Deutschland.

Am Ende wird Kalf seine Frau und ihr in den USA geborenes Kind in einem alten Kino von Los Angeles wieder finden. Auch wird ihm aufgehen, „woraus wir gemacht sind“: ein „Hauch“, heißt es einmal. Und es klingt wie in Shakespeares „Sturm“, auch eine Geschichte vom Schiffbruch in der neuen Welt, wo Prospero davon spricht, dass wir „aus solchem Stoff wie Träume sind“. Wenig also, woran man sich halten könnte. Doch da wäre noch die Liebe. Die aber soll kein Gefühl sein, sondern „das, was uns unter dem leeren Himmel möglich ist“ – ein Trost, der ohne Metaphysik auskommen muss. Das Ende von Hettches Geschichte ist jedoch auch ein Anfang: Der Krieg gegen den Irak steht unmittelbar bevor, die Freiheitsstatue hält wieder ein Schwert in der Hand.

Vor Jahresfrist hatte der 1964 geborene Thomas Hettche gemeinsam mit einigen Generationsgenossen in einem viel kritisierten und verspotteten Aufruf für einen „relevanten Realismus“ geworben. Die Literatur der mittleren Generation sollte ein eigenes Profil gewinnen, sich absetzen von der Deutungshoheit der „großmäuligen Alten“ und den „gegenwartsversessenen Lebensmitschriften der jungen Kollegen“. Aufs theoretische Postulat folgt nun die überzeugende ästhetische Praxis. Von dieser Generation ist einiges zu erwarten. Zumindest in Hettches Fall heißt „relevanter Realismus“: kluge, poetische und vor Zeitgenossenschaft vibrierende Gegenwartsliteratur.

Thomas Hettche: Woraus wir gemacht sind. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 2006. 320 Seiten, 19,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben