Kultur : Utopie ist machbar

LUDMILA RAKUSAN

Zu protzig und elitär, teuer und eigentlich überflüssig, so lauteten die häufigsten Vorwürfe gegen den großzügig angelegten Versuch, einmal im Jahr dem Prager Theaterpublikum einen repräsentativen Querschnitt des Theaterlebens im deutschsprachigen Raum zu präsentieren.Der in Böhmen und Österreich beheimatete Romancier und Dramatiker Pavel Kohout hob das Projekt, von einem der Zweifler mal als "Kulturblitzkrieg" bezeichnet, zusammen mit den Intendanten der fünf bedeutendsten Theater in Hamburg, Berlin, München, Wien und Zürich vor drei Jahren aus der Taufe.Als Hebamme allerdings betätigte sich damals die Kultur-Stiftung Deutsche Bank, die in den ersten zwei Jahren mit jeweils einer Million Mark das Festival überhaupt erst möglich machte.Zum Schluß tat sie es aber offensichtlich nicht mehr gern, denn das Prager Theaterfestival 1997 wurde von einer öffentlich ausgetragenen und sehr persönlich gefärbten Auseinandersetzung mit Pavel Kohout überschattet.Der unter Schirmherrschaft der Botschafter Deutschlands, Österreichs und der Schweiz gegründete Förderverein versuchte daraufhin, die Finanzierung auf eine breite Basis zu stellen.

Dies hat offenkundig Früchte getragen.Vom 31.Oktober bis zum 14.November können sich Prager Theaterfreunde auf Leckerbissen wie Christoph Marthalers Patriotischen Abend "Murx den Europäer!" von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin, Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" vom Bayerischen Staatsschauspiel München oder auf Elfriede Jelineks provokative Handarbeit "Stecken, Stab und Stangl" vom Schauspiel Leipzig freuen.Auch Klassik im zeitgenössischen Gewand kommt in Prag nicht zu kurz: am 9.und 10.November wird das Staatstheater Stuttgart "Maria Stuart" von Friedrich Schiller aufführen.Gespannt wartet man außerdem darauf, wie Philip Tiedemann, Regisseur am Burgtheater Wien, Peter Handkes legendäre "Publikumsbeschimpfung" zu neuem Bühnenleben erweckte.Begleitend zum Theaterfestival laufen auch in diesem Jahr Diskussionen mit Intendanten, Dramatikern und Regisseuren, die vom Prager Theaterinstitut veranstaltet werden.

Eine Freude ganz besonderer Art machte die Leitung des Theaterfestivals dem tschechischen Publikum diesmal mit den Eintrittspreisen.Karten von 50 bis 350 Kronen sind in der Tat recht erschwinglich, zumal Studenten und Rentner lediglich die Hälfte zahlen müssen.Die anfängliche Befürchtung, das Festival des Deutschen Theaters würden sich in Prag nur die vermögenden Ausländer leisten können, dürfte somit endgültig entkräftet sein.Ganz traf sie ohnehin nie zu, denn das tschechische Publikum ließ sich von den simultan ins Tschechische gedolmetschten Aufführungen deutscher Bühnen überraschend gut ansprechen.Dennoch wird sich erst erweisen müssen, ob das Theaterfestival deutscher Sprache, wie Pavel Kohouts optimistische Vorhersage lautet, bereits zu einer "dauerhaften Einrichtung des mitteleuropäischen Kulturlebens" wurde.Angeführt wird die lange Liste der Sponsoren vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds - geschaffen infolge der deutsch-tschechischen Erklärung zur Förderung des Dialogs.Dessen Beitrag in sechsstelliger Höhe verstehen die Veranstalter des Theaterfestivals daher mehr als einen einmaligen "Anschub" denn als eine "dauerhafte Einrichtung".Nicht einmal dadurch wird Pavel Kohouts Vorrat am Optimismus, mit dem er einst das "Flaggschiff des deutschen Theaters" an die Ufer Moldaus steuerte, geschmälert: man könne sich gut vorstellen, schmunzelt er, daß gar die Deutsche Bank, wenn nicht durch ihre Kultur-Stiftung dann durch ihre Prager Zweigstelle, künftig wieder unter den Förderern zu finden sein wird.

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