• "Utopie und Bedürfnis": Schöner schrecklicher Mangel: Ina Merkel macht die Konsumkultur der DDR ausfindig

Kultur : "Utopie und Bedürfnis": Schöner schrecklicher Mangel: Ina Merkel macht die Konsumkultur der DDR ausfindig

Henri Band

Artefakte aus dem Alltag der DDR sind in. Devotionalienhändler vermarkten sie als sozialistische Trash-Kultur. Besonders Jüngere, die sich von den Rücksichten der Vergangenheitsbewältigung ironisch verabschiedet haben, pflegen ein kultisches Verhältnis zur Objektkultur der DDR. Diejenigen dagegen, die mit der SED-Diktatur schlechte Erinnerungen an eine Mangelgesellschaft verbinden, werden schon die Rede von einer "sozialistischen Konsumkultur" für unpassend halten. Am verbreitetsten ist im Osten derzeit eine Teilrehabilitierung der Alltagskultur der DDR, die sich aus einer Abwehr gegenüber der westdeutschen Kultur speist. Der schnöde Konsumalltag von einst gerät darüber in Vergessenheit.

Dieser Alltag spielte für Stabilität und Zerfall der sozialistischen Gesellschaftsordnung in der DDR eine Schlüsselrolle. Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Ina Merkel hat nun die Geschichte der Konsumtionsverhältnisse in der DDR untersucht. Die Abschaffung der Lebensmittelkarten und des Rationierungssystems für Waren des Grundbedarfs 1958 markierte den Übergang von der Bedarfsdeckung zur Bedürfnisbefriedigung. In den 60er Jahren war die paternalistische Konsumpolitik noch um eine Umsetzung sozialistischer Ideale bemüht. Nicht Askese, aber auch nicht Luxuskonsum für alle war die Programmatik, sondern Konsumreduktion auf das Notwendige - Gebrauchswerte, verbunden mit dem Ziel einer Wohlstandssteigerung. Mit Honeckers Machtübernahme begann der Abschied von den utopischen Momenten des Bedürfniskonzeptes zugunsten einer Orientierung an westlichen Mustern des Konsums. Die DDR mutierte zu einem sozialistischen Wohlfahrtsstaat mit beschränkter Haftung, der hinter den Konsumerwartungen seiner Bürger mehr und mehr zurückblieb.

Die von Merkel herangezogenen Dokumente aus Archiven der Parteien und Massenorganisationen belegen, wie intensiv Fragen der Versorgung auf allen Ebenen der Gesellschaft reflektiert, jedoch selten öffentlich diskutiert wurden. Die tausend kleinen Dinge des täglichen Bedarfs, der Dienstleistungen und Reparaturen beschäftigten wiederholt das Politbüro. Fehlender Würfelzucker in den Geschäften bereitete den SED- und Wirtschaftsfunktionären schlaflose Nächte. Die Weihnachtsversorgung der Bevölkerung geriet alljährlich zur Staatsaktion. Doch aller politischer Eifer konnte nicht verhindern, dass das Angebot der Nachfrage hinterherhinkte. Der Kardinalfehler steckte im planwirtschaftlichen System selbst.

Wurst ja, Senf nein

Dabei herrschte seit den 60er Jahren kein existenzieller Mangel an lebenswichtigen Grundbedarfsgütern mehr. Es gab Bockwürste ohne Ende, nur nicht immer den Senf dazu. Die DDR war keine bananenfreie Zone, aber das ständige Defizitangebot an Südfrüchten verbreitete allgemeinen Weltschmerz. Alles wurde irgendwann und irgendwo mal knapp. Die Versorgungslage war nicht hoffnungslos, aber sie war zermürbend. Es gab keine Kneipenrunde, in der nicht irgendwann Versorgungsmängel diskutiert wurden. Es war zum Davonlaufen. Dazwischen ein Häuflein Konsumverweigerer mit Ambitionen zu Höherem. Sie sollten während der Wende einen Kurzauftritt erhalten. Das Mangelangebot schürte den Verfall der Verkaufskultur. Das Verhältnis zwischen Verkäuferinnen und Kunden war von Macht und Ohnmacht geprägt. Unlust am Verkauf und Frust beim Kauf bildeten ein explosives Gemisch.

Das heute so oft beschworene ostdeutsche Gemeinschaftsgefühl war an Beziehungsnetze gebunden, jenseits derer man nicht unbedingt Anspruch auf freundlichen Umgang genoss. Doch es gab auch kapitalistische Konsumenklaven. Die Devisennot kannte kein Gebot, und so blühten die Intershops im Halbverborgenen groß auf. Für Normalkonsumenten, die Westzahlungsmittel und -verwandte entbehren mussten, wurden ab den 60er Jahren Exquisit-Läden für Bekleidungsmode und Delikat-Geschäfte für gehobene Gaumenfreuden geschaffen.

Für Shopping im Sinne eines Erlebniseinkaufsbummels bot der Alltag selten Gelegenheit. Einkaufen war Beschaffungsarbeit. Seinerzeit bestand die große Kunst darin, zur rechten Zeit am rechten Auslieferungsort zu sein. Merkel bietet einen kurzweiligen Schnelldurchlauf durch die systemkonformen und nonkonformen Erwerbsstrategien wie Schlangestehen, Herumrennen und Suchen, Selbermachen, Vordrängeln, Tauschgeschäfte, Stehlen, Schmuggeln, Westgeschenke, Horten und Hamstern, Beziehungen und Bestechung, die von der hohen Beschaffungskreativität gelernter DDR-Bürger zeugen.

Zum Schluss ihres Buches geht die Autorin den individuellen Praxen des Gebrauchs und Verbrauchs von Gütern in der DDR und ihren bis in die Gegenwart reichenden mentalitätsprägenden Wirkungen nach. Interviews mit Zeitzeugen fördern einige Eigenheiten des ostdeutschen Konsumverhaltens an den Tag: ein hohes Maß an Behutsamkeit im Umgang mit den DDR-Produkten, die die Nachwende-Anschaffungswellen überlebt haben, und die sich bis zur kultischen Verehrung steigern kann, eine auf Werterhalt zielende Gebrauchs- und Reparaturmentalität, ein ausgesprochener Sinn fürs Praktische und Solide, eine Ablehnung der Wegwerfmentalität, eine Reserve gegenüber allzu schnellen modischen Wechseln. Die Äußerungen der Interviewten sind allerdings stark in die deutsch-deutschen Debatten eingebunden und gegen Negativurteile über das Leben in der DDR gesprochen. Auf diese Weise entsteht ein eher verklärendes Bild der ostdeutschen Konsumkultur, statt eine ethnografisch genaue Dokumentation der Konsumpraxis. Unter der Hand nehmen die Ex-DDR-Bürger Züge des edlen Wilden an, der den Versuchungen der westlichen Konsumgesellschaft zu widerstehen vermag.

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