Kultur : Utopie wie nie

„Modernism – Designing a New World 1914 – 1939“, die große Sommerausstellung in London

Bernhard Schulz

Der Begriff der Moderne ist mittlerweile selbst so alt, dass er bis zur völligen Beliebigkeit Historisches umschließt. Und doch war er einmal ein Bekenntnis zu unbedingter Gegenwart. Im Grunde bedarf es keiner Mühe, „Modernismus“ als Oberbegriff für die „neue“ Gestaltung der Zwischenkriegszeit zu definieren. Das Dessauer Bauhaus hat es Mitte der Zwanzigerjahre mit seiner griffigen Parole „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ ungemein wirkungsvoll vorgemacht.

Darum ging es allen Strömungen der Moderne in den wenigen Jahren zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Erstarken reaktionärer und faschistischer Regimes in den Dreißigern: die Künste aus ihrer Ecke des Besonderen und Einzigartigen herauszuholen und mit der neuzeitlichen Technik, mit der Maschine und der Industrie zu vermählen. Im Grunde ging es um die Abschaffung dessen, was bis dahin unter „Kunst“ verstanden wurde, und deren Ersetzung durch „Gestaltung“.

Trugen Künstler früher einen Malerkittel, so entwarfen sie sich nun – wie Alexander Rodtschenko in der jungen Sowjetunion – das Outfit eines Ingenieurs oder auch Maschinisten. Demonstrativ stellt Rodtschenkos Kleidungsstück seine Nützlichkeit zur Schau, als durchgehender Overall mit aufgesetzten großen Taschen. Wer derlei trägt, schafft keine Kunst mehr – er „produziert“.

Der Glaube an die lebensbestimmende, lebensverändernde und vor allem lebensverbessernde Rolle von Technik und Industrie erscheint heute eher naiv. Zeitgebunden war er allemal. Christopher Wilk sieht ihn in der furchtbaren Erfahrung des Ersten Weltkriegs als eines irrationalen Ausbruchs des „alten“ Europa verankert. Der Kurator des Londoner Victoria & Albert Museums hat, ausgehend von dieser zeitlich-politgeschichtlichen Fundierung, eine grandiose Ausstellung versammelt, die noch einmal die Utopien dieser knappen Jahre feiert. „Modernism. Designing a New World, 1914 – 1939“ stellt mit 300 Objekten vom Plakat bis zum Automobil jene optimistische Weltsicht nach, die beinahe ganz Europa erfasst hatte, bis sie schließlich im Massenkonsum amerikanischer Prägung zugleich populär wurde wie inhaltlich ausdünnte. Wilk, der sich an ein britisches Publikum wendet, hat durchaus die Aversionen seiner Landsleute im Blick – und deren Ignoranz gegenüber den politischen und sozialen Implikationen des Modernismus, die ihn gerade nicht zu einem Stil unter anderen machen, sondern zu einer umfassenden gesellschaftspolitischen Bewegung.

Selten hat man den Modernismus derart international ausgebreitet gesehen wie in der gegenwärtigen Ausstellung des V&A. Und doch wird deutlich, wo die Moderne ihre Heimstatt hatte: zuallererst im Deutschland der Weimarer Republik, dann – ideologisch hoch aufgeladen – in Sowjetrussland sowie überraschenderweise in Holland. Frankreich kommt mit sehr viel – zu viel – Le Corbusier ins Spiel, was den selbstzufriedenen Rücksprung vernachlässigt, den das im Weltkrieg siegreiche Land nach 1918 tat. Und Großbritannien verweigerte sich ohnehin jedwedem Import aus dem herablassend angesehenen Kontinent.

So richtet sich die Ausstellung zwar an ein heimisches Publikum, ohne doch an internationaler Ausstrahlung einzubüßen. Denn Wilk verfolgt kompromisslos die diversen Utopias jener Jahre, ja feiert die enormen Anstrengungen, die zumal in der sozial engagierten Architektur Westeuropas unternommen wurden. Dutzende Video- und Spielfilmstationen lassen in klug gewählten Filmausschnitten den Geist der Zeit lebendig werden, ihren Enthusiasmus, ihren Glauben an die unbedingte Notwendigkeit eines „neuen“ Lebens. Zentrale Kapitel sind nicht zuletzt jene, die sich mit dem Körper- und Hygienekult der Zeit beschäftigen – nur allzu verständlich nach der traumatischen Erfahrung der Millionen Menschenleben fordernden Grippewelle von 1918/19 und den sozialen Missständen in den Städten Europas mit ihren erschreckenden Raten an Tuberkuloseerkrankungen und Kindersterblichkeit.

Ihr britisches Publikum schreckt die Ausstellung gewaltig auf. Denn nirgendwo in Europa hielt sich derart das Ideal des gemütlichen Heims, mit viktorianischem Hauserker und gerafften Vorhängen; eben all jener Konservativismus, der uns auf dem Kontinent als liebenswerte Schrulligkeit erscheint. Und der doch erstaunen muss bei einem Land, das die Industrialisierung erfunden und vor allen anderen Nationen auf die Spitze getrieben hat, die negativen Begleiterscheinungen – „Manchesterkapitalismus“ – eingeschlossen. Der Widerspruch ist auch an der Ausstellungspolitik des V&A ablesbar, wurde doch erst im vergangenen Jahr die den Engländern so liebe Bewegung der vergangenheitsverliebten „Arts & Crafts“-Bewegung zelebriert und vor drei Jahren das Art déco, das in seiner englischen Variante stets verstanden wurde als Ausdruck der letzten großen Jahre des British Empire.

Mit den „Häusern für das Existenzminimum“, wie sie das verarmte Deutschland in zahlreichen Städten beförderte, gar mit der sowjetischen Konstruktion einer radikal neuen Gesellschaft hingegen konnte sich die Insel nie befreunden. Stahlrohrmöbel – als „Sitzen auf Luft“ geradezu Signum der neuen Zeit – fanden in einem Land mit großer Handwerkstradition nur Verachtung, Billigwohnungen allenfalls Kopfschütteln. Die „Frankfurter Küche“, jene von Grete Lihotzky für die Frankfurter Sozialwohnungen konstruierte, auf Zeit- und Arbeitsersparnis ausgelegte funktionale Fertigküche, bildet, vollständig aufgebaut, eine Hauptattraktion der Ausstellung. Die enorme Propaganda, die der Modernismus entfaltete, in zahllosen – hier verschwenderisch ausgelegten – Zeitschriften, Broschüren, Plakaten, zumal der zielgerichtet eingesetzten Fotografie, blieben eine kontinentale Erscheinung. Dass es aber, über alle politischen Unterschiede hinweg, tatsächlich eine länderübergreifende Bewegung war, verdeutlicht das V&A vorzüglich.

Und doch versagt sich das Museum blinder Euphorie. Das Nach- und Weiterleben des Modernismus unter den autoritären Regimes von Mussolini-Italien, Hitler- Deutschland und Stalin-Sowjetunion wird in einem höchst lehrreichen Kapitel erörtert. „Die“ Moderne war nicht immun gegen die Indienstnahme durch jene Kräfte, die sie doch mit ihren Forderungen nach einer radikalen Neugestaltung der Gesellschaft stets bekämpft hatte. Der Glaube an die technische Machbarkeit, an das Soziale als Ingenieurleistung einte die Gegner von gestern. Anders der Siegeszug der Moderne in den kapitalistischen USA, wo die Möglichkeiten der Massenproduktion früh erkannt wurden – um von dort, vollständig entpolitisiert, auf das Europa der zweiten Nachkriegszeit zurückzuwirken. Da war der Modernismus als Utopie entleert. Von der „neuen Gesellschaft“ war nicht einen Augenblick mehr die Rede.

Im Rückblick fasziniert immer wieder der Reichtum an kreativer Energie, der sich in so wenigen Jahren entfaltete. Es war, als ob das „lange“ 19. Jahrhundert in einem einzigen Ausbruch hinweggefegt worden sei. Seither – auch das gibt die glänzend gestaltete Ausstellung zu bedenken – ist nicht viel Neues hinzugekommen, schon gar keine Bewegung, die die kreativen Kräfte eines ganzen Kontinents derart unter der Fanfare des gesellschaftlichen Fortschritts hätte vereinen können. So ist die Londoner Ausstellung nicht nur ein Blick auf die Moderne von einst, sondern auch ein Spiegel unserer utopiearmen Gegenwart.

London, Victoria & Albert Museum, bis 23. Juli. Katalog (447 Seiten) 24,99 Pfund.

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