Utopische Entwürfe : Wenn Architekten singen

„Megastructure reloaded“: eine Ausstellung in der ehemaligen "Staatlichen Münze" über urbane Träume der Sechziger – und ihre Folgen.

Nicola Kuhn
Aerodynamic City
Wohnen in der Wüste: Die "Aerodynamic City", ein utopischer Entwurf des Florentiner Kollektivs Archizoom von 1969. -Foto: Katalog

Wie Tilman Wendland da so inmitten seiner labyrinthischen Holzkonstruktion steht und für die raffinierte Rohrführung eines anonymen Installationskünstlers schwärmt, der unter der Decke, genau über seiner mäandernden Skulptur, in abenteuerlichen Kurven einst seine Leitungen verlegte, das hat seine eigene Komik. Und im nächsten Moment prustet Tilman Wendland auch schon los. Denn Installationskünstler sind sie alle beide: der unbekannte Klempner und der junge Bildhauer, der in der ehemaligen Staatlichen Münze am Molkenmarkt sein Werk präsentiert.

Für einen Moment kommen sich in der Ausstellung „Megastructure reloaded“ Kunst und Leben ungewöhnlich nahe, und ausnahmsweise wird gelacht. Ansonsten ist es mit den visionären Stadtentwürfen der sechziger Jahre und den Reaktionen zeitgenössischer Künstler eine ernste Sache, in denen die Niederungen des Alltags nur selten Platz finden. Ein Widerspruch, denn jene urbanen Utopien waren gerade für die Menschen, für die breite Bevölkerung gedacht. Letztlich blieben sie ein Traum, eine poetische Idee, die vornehmlich in hoch ästhetischen Zeichnungen und Modellen ihren Niederschlag gefunden hat.

Heute, 40 Jahre später, stoßen die einst von Archigram, Constant und Yona Friedman propagierten Megastrukturen, die sich in fragilen Konstruktionen über den Stadtraum legen und als Gerüst für Wohnmodule dienen sollten, erneut auf Resonanz. Ein Grund dafür sind die wuchernden Städte in Asien, Afrika, Südamerika, die in ihrem Wachstum dringend einer Strukturierung bedürfen. Der andere Grund ist der für die Sixties typische Mix aus Architektur, Popkultur, Kunst und Rebellion, der heute für die junge Szene wieder eine hohe Anziehungskraft besitzt.

So war es nur eine Frage der Zeit, dass sich nach den historischen Exkursen etwa auf der Documenta endlich eine eigene Ausstellung mit dem Thema befasst und zeitgenösssiche Künstler dazu befragt. Sabrina van der Ley, die geschasste Messe-Chefin vom Art Forum und designierte Kuratorin für die Hamburger Galerie der Gegenwart, sowie Markus Richter von den European Art Projects haben mit „Megastructure Reloaded“ ihr zweites Ausstellungsunternehmen auf die Beine gestellt. „Ideal Cities“ war vor zwei Jahren im polnischen Zamosc und in Potsdam zu sehen. Auch diesmal verflechten van der Ley und Richter Architektur und Kunst zur Achse, um die sich alles dreht.

Zehn Künstler hat das Kuratorenduo in die seit 2005 verlassenen Produktionsstätte der Staatlichen Münze eingeladen, um auf die Architekturutopien von einst zu reagieren, während die originalen Entwürfe und Modelle in den gepanzerten Katakomben ausgestellt sind. Ein bizarrer Ort, der als Ausweichquartier dient, nachdem das ehemalige Kraftwerk Mitte als ähnlich pittoreske Ausstellungsadresse aus baurechtlichen Gründen doch nicht zur Verfügung stand. Und wieder ist es die Verbindung aus historischer Stätte, an der noch die Spuren von DDR und sogar drittem Reich zu sehen sind, kombiniert mit aktueller Kunst, die als Erfolgsrezept für eine Ausstellung funktioniert. Glückliche Kuratoren: Berlins Reservoir scheint unerschöpflich.

So kann sich niemand dem Charme von Tomás Saracenos schwebenden Ballons im Hof der Münze entziehen, die – von schwarzen Seilen gehalten – das Glück der Schwerelosigkeit gegenüber der drückenden Naziarchitektur postulieren. Auch Erik Göngrich bricht in die klaustrophobische Atmosphäre der Münzprägestätte mit seiner Freiluftgalerie von Bildern ferner Länder ein. Den ehemaligen Architekten und heute freien Künstler interessierten in aller Welt die vergleichbaren strukturellen Momente. In seinen Fotos zeigt er, wie skrupellos Verkehrsachsen entstehen, wie Neubauten Lebenszusammenhänge zerstören.

Damit klingt erste Kritik an den Megastrukturen an, die es auch schon damals, Ende der Sechziger gab. Das Phänomen hielt sich nicht lang; nur wenige Jahre später gingen die Utopisten selbst zu ihren Ideen auf Abstand. Den Beginn des historischen Parcours in den Kellerräumen der Münze, wo noch dicke Safetüren an die einstige Funktion erinnern, macht deshalb ein Film von Gordon Matta-Clark, der seinen „Conical Intersect“ von 1975 dokumentiert. Der amerikanische Bildhauer hämmert, sägt, stemmt darin eine kreisförmige Öffnung in die Fassade eines Abbruchhauses, das sich genau gegenüber dem gerade entstehenden Centre Pompidou befand. Mit dieser Geste offenbarte er die gnadenlose Städteplanung, vielmehr -zerstörung, in einem gewachsenen Pariser Viertel.

Auch Archigram, jenes Londoner Architektenkollektiv, das futuristisch-heitere plug-in-cities plante, schaute sich damals im Beaubourg um, wo mit dem Centre Pompidou die Moderne Einzug hielt. Ihren Besuch dokumentiert ebenfalls ein Film, in dem auch der junge Dennis Crompton auftritt. Vom heutigen Archivar des legendären Kollektivs stammt übrigens die Ausstellungsarchitektur der Berliner „Megastructure“-Schau: Ein blaugestrichener Steg, den eine tunnelartige Plastikhülle überwölbt, führt den Besucher zu den einzelnen Stationen hin. Die wollen doch nur spielen, sagt dieser lustige Weg. Doch aus Spiel wurde für viele später Ernst.

Der dänische Künstler Simon Dybbroe Möller kommentiert die Megastrukturen und ihre Folgen mit Hintersinn: Aus schwarzen Lautsprecherboxen ließ er einen eindrucksvollen Turm errichten. Aus dem Skyscraper en miniature erklingt eine auf den Tönen F-A-C-A-D-E basierende Melodie. Gesungen wird sie von New Yorker Architekten, die der Künstler um Stimmproben bat. Es kommt eben darauf an, wie die Elemente zur Struktur zusammengesetzt werden.

Staatliche Münze, Molkenmarkt 2, bis 2. November; Mi-So 14-19 Uhr. Katalog (HatjeCantz Verlag) 35 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar