Utraschall-Finale : Partitur mit offenem Ende

Gestörtes Lamento, zerschlagene Ruhe, Rastlosigkeit: Beim Ultraschall-Finale verspricht Peter Ruzicka eine neue Oper.

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Frank Ollu (2.v.r.) und Peter Ruzicka (r.) beim Ultraschall-Finale.
Frank Ollu (2.v.r.) und Peter Ruzicka (r.) beim Ultraschall-Finale.Foto: rbb/Thomas Ernst

Eine Affinität zu den Wunden des 20. Jahrhunderts bekennt Peter Ruzicka im Gespräch. Was von ihm nun erklingt als Finale des Ultraschall-Festivals, trägt den Titel „FLUCHT. Sechs Passagen für Orchester.“ Es sei das „Vorecho“ eines Musiktheaterprojekts, das sich Walter Benjamin widmen will. Nach Ruzickas Opern „Celan“ und „Hölderlin“ repräsentiert das Thema nicht minder persönlichen Anspruch, ist auch im Zusammenhang mit der Komposition „... sich verlierend“ über den Chandos-Brief Hofmannsthals zu verstehen, aus der Fischer-Dieskaus Stimme nachklingt: „abhanden gekommen.“ Im Untertitel von „FLUCHT“ meinen „Passagen“ das reiche geschichtsphilosophische Material, an dem Benjamin gearbeitet hat bis zu seinem Tod 1940 auf der Flucht vor den Nazis.
Die Versuchung, das neue Orchesterwerk als Symphonische Dichtung aufzufassen, verliert sich. Es wird greifbar, dass Ruzicka wieder das Thema Einsamkeit komponiert, auch wo eine gewisse Hetze der Musik die Reisen Benjamins umschreiben mag. Gestörtes Lamento, zerschlagene Ruhe, Unruhe in der Ruhe, wehmütige Trompete, Einklang und Rastlosigkeit charakterisieren eine Partitur mit offenem Ende, keine Verklärung.
Ruzicka wird herzlich von „seinem“ Orchester gefeiert, dem Deutschen Symphonie-Orchester, dessen hilfreicher Intendant er einst war. Am Pult steht diesmal im Großen Saal des RBB, kurzfristig eingesprungen, der Franzose Franck Ollu, ein inspirierender Dirigent der Moderne aus der Schule von Boulez und Eötvös, auf den die Musiker sich verlassen können.

Das Programm ist mehr avantgardistisch geprägt als das des unglücklichen Eröffnungskonzerts, ohne andererseits der Gefahr des Alterns Neuer Musik zu entgehen. Das gilt für „Pearl, Ochre, Hair String“ (2009) von der Australierin Liza Lim, die Aborigine-Kulturen verehrt und körnige Klänge mit Präparierungen erreicht. Solocellist Mischa Meyer wechselt zwischen zwei Bögen, deren einer mit Bogenhaar umwickelt ist. Schillernde Klangfelder, hohl, rau. Ethnische Welt?
Zu der Solooboe von François Leleux singt fern das Englischhorn eine traurige Weise, gesellt sich die Tuba im Duett: In raffinierter Instrumentierung spielt sich „Blau, See“ von Robert HP Platz ab, der erklärt, nichts erklären zu wollen, aber doch, dass die Natur ihm Töne vermittelt. Farbtöne.


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