Kultur : Väter II.

CHRISTINA TILMANN

Bundestagswahl? Gerade erst gewesen und doch schon ewig weit zurück.Deutschland in der Zeit nach den Wahlen geht den gewohnten Gang.Vorbei die Spannung, mit der man nach Fernsehbildern triumphierender Politiker fieberte, denn schon herrscht wieder Normalität, Routine, als wäre nichts, vor allem kein Regierungswechsel, gewesen.Der neue Film von Nanni Moretti setzt ein am 28.März 1994, als Silvio Berlusconi und die Rechten in Italien die Wahlen gewinnen.Der politisch engagierte Filmemacher, dem in dieser Situation nur der Griff zum überdimensionalen Joint bleibt, beschließt, eine Dokumentarfilm zu drehen über die Lage seines Landes.

So erzählt der Film, so wird es gewesen sein.Denn Moretti wäre nicht Moretti, wenn er nicht Biographie und künstlerische Fiktion konsequent vermischte.Und sind beide nicht eigentlich eins im politischen Universum des Künstlers? Wie jeder Moretti-Film ist auch "Aprile" eine Bestandsaufnahme der persönlichen Befindlichkeit, die sich in politischem Geschehen spiegelt.Oder der politischen Befindlichkeit, die sich im persönlichen Engagement spiegelt.

Morettis Filme sind nicht nur Filme über die Sinnlosigkeit politischer Aktion (in ein hinreißenden Szene verliest der Regisseur am Londoner Speakers Corner im Hyde-Park alle seine nie abgesandten Beschwerdebriefe an italienische Politiker), sie sind gleichzeitig Filme über die Unmöglichkeit des Filmemachens.Denn parallel zu seinem Dokumentarfilm, an dem der Film-Moretti zunehmend die Lust verliert, geht der Regisseur schwanger mit einer immer wieder aufgeschobenen Idee eines Fünfziger-Jahre-Musicals.Und - Spiegelbild des Regisseurs wie seiner Arbeit - gleichzeitig ist Morettis Frau Silvia hochschwanger.

Womit die bis dahin etwas konstruierte Regie- und Künstlerphantasie eine wunderbar menschliche Komponente erhält.Morettis Unfähigkeit, sich auf die Vorbereitungen der Geburt zu konzentrieren, während er an seinem Dokumentarfilm arbeitet, entspricht der Unfähigkeit, sich auf den Dokumentarfilm zu konzentrieren, sobald das Kind geboren ist.

Der undisziplinierte Querkopf nutzt das Krankenhaus für politische Propaganda und den Drehort zu langen Erörterungen über die Entwicklung des Kindes.Denn eine Wahl zu gewinnen ist nichts gegen die Aufgabe, ein Kind zu bekommen.Niemand ist weniger geeignet zum Vater als der Regisseur, der selbst Kind geblieben ist.Was besonders auffällt, wenn der Vater mit seinem - zugegeben entzückenden - Sohn auf dem Arm durch die Wohnung tanzt, mit ihm gemeinsam in einem riesigen Berg von Zeitungsschnipseln puzzelt oder in der Badewanne hochtrabende Reden schwingt.

Das Verwirrspiel zwischen Realität und Fiktion, mit der der Regisseur seine privaten Kümmernisse zum Filmstoff und sich selbst zum Element der Zeitgeschichte erhebt, ist gleichwohl genauestens kalkuliert.Nie weiß man, ob gerade eine Drehbuchidee oder der Zufall waltet, ob der Regisseur gerade dokumentiert, spielt oder parodiert.Das heterogene Filmmaterial fügt sich, ebenso wie die Zeitungsschnipsel, die Moretti in seinem Wohnung aneinanderklebt, zu einem einzigen großen Bild.Zum Porträt des Autors als kleines Kind.

Delphi (auch OmU), Eiszeit, Odyssee

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