Kultur : Väter, Söhne, Familienglück

Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine: eine Bilanz des Berliner Theatertreffens 2011

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Afrikanisches Abenteuer. Szene aus Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“. Mit dem Stück geht heute und morgen im Festspielhaus das Treffen zu Ende. Foto: Aino Laberenz
Afrikanisches Abenteuer. Szene aus Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“. Mit dem Stück geht heute und morgen im...

Ein komisches Festival war das. Eine Wundertüte voller Plunder, und der eindringlichste Auftritt gehörte gar nicht zu den zehn „bemerkenswerten“ Inszenierungen der Juryauswahl. Der frühe Höhepunkt verdankte sich den Trägern des Berliner Theaterpreises 2011, dem Regisseur Dimiter Gotscheff und seinen Schauspielern Almut Zilcher, Samuel Finzi, Sebastian Koch. Zum ersten Mal wurde eine Theaterfamilie geehrt. Die vier teilten sich das 20 000-Euro-Preisgeld und gaben es, auf ihre Art, sogleich an das Publikum bei der Matinee im Deutschen Theater zurück. Mit Witz und Charme, Intelligenz und Angriffslust – eine große Theaterstunde.

Margit Bendokat, die Preisträgerin des Vorjahres, spielte zu Ehren der Gotscheff-Gang eine Szene aus Heiner Müllers „Germania“. Da war mit einem Schlag auch wieder klar, was dem Theater fast überall abgeht. Es ist das Gefühl für Geschichte. Für Theatergeschichte und Weltgeschichte, in diesen seltenen Momenten fällt das blitzartig zusammen: die individuelle Schauspielkunst und das Drama, das wir unsere Welt nennen.

Im Allgemeinen aber geht das Theater, wie es sich bei dieser Leistungsschau der deutschsprachigen Bühnen präsentierte, in die Breite, ins Flache. Karin Beiers Kölner Eröffnungsinszenierung mit den katastrophengeilen Textschleifen der Elfriede Jelinek („Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“) wirkt prototypisch für diesen Trend. Es wird geplantscht in namenlosem Schrecken, die Installation mit einem riesigen Ensemble aus Schauspielern, Tänzern, Musikern und einem Männerchor feiert die Wut der Bürger über die Zerstörung von Natur und Stadtraum.

Man kann – nicht erst nach den Erfahrungen der letzten zweieinhalb Wochen im Festspielhaus – Stücke und Inszenierungen in zwei Kategorien teilen. Die einen geben dem Zuschauer Energie, die anderen entziehen sie ihm. Das mag etwas esoterisch klingen, aber jeder, der häufiger ins Theater geht, kennt diesen Diebstahl von Lebenszeit und Energie. Kölns langer Jelinek-Jammer wäre da zu nennen, ebenso „Die Beteiligten“ vom Wiener Burgtheater, nach einem Text von Kathrin Röggla in der dritten Person im Konjunktiv aus dem Dunstkreis des Falles Kampusch. Regisseur Stefan Bachmann macht daraus ein österreichisches Sittenbild mit Alpen, Falco und brauner Gesinnung, wobei naturgemäß der Nazi besonders fesch daherkommt. Wahrscheinlich ist es das Affirmative, was einem die Lebensenergie absaugt: seltsamerweise auch bei Stefan Puchers „Tod eines Handlungsreisenden“ aus Zürich, bei dem das Elend des amerikanischen Mittelstands von Sekunde eins an enervierend herausgebrüllt wird.

Die Geister scheiden sich bei Herbert Fritsch. Er war der große Gewinner des Theatertreffens 2011, mit Inszenierungen aus Schwerin und Oberhausen. Man kann seinen forcierten Klamauk furchtbar finden, im „Biberpelz“ wie in der „Nora“, man mag bei den entlegeneren Bühnen die große schauspielerische Klasse vermissen. Merkwürdig ist nur, dass Fritschs rampensäuischer Galopp Kraft versprüht. Und wer hätte sich denn in den letzten Jahren mit einer solch unverschämten Konsequenz aufs Komödiantische geworfen! Und ein alter Anarchist ist immer noch besser als junge Opportunisten.

Die anderen Gewinner dieses Jahrgangs gehören zum Team vom Ballhaus Naunynstraße; überhaupt, die Kleinen! „Verrücktes Blut“, eine Schulstunde mit migrantischem Hinter- und Untergrund, blitzt vor Spielfreude. Die Inszenierung von Nurkan Erpulat und Jens Hillje ist so brutal und unvermittelt heutig, dass man sich fast ärgert, wie allein sie steht in der verrauschten, selbstreferenziellen Theaterlandschaft. Einen Sieg errungen hat auch die Performancegruppe She She Pop mit „Testament“. Die Akteure feilschen mit ihren leiblichen Vätern auf der Bühne um einen neuen Generationenvertrag. Alles ein bisschen nett und harmlos, aber ein großes, drückendes Thema: König Lear, die Pflegeversicherung und der Fluch und Segen der überalterten Gesellschaft.

Wie die Alten die Jungen fertigmachen können, davon handelt der Dresdner „Don Carlos“ von Roger Vontobel, einer der in diesem Jahr so zahlreichen Theatertreffen-Neulinge. Schiller, inszeniert als Doku-Thriller. Dominiert von Burghart Klaußner in der Vatertyrannenrolle des König Philipp von Spanien: Da war klar zu spüren, dass Theater Schurken braucht, dass intelligente Energie nicht einem allgemeinen Rauschen und Raunen und Stöhnen und Stammeln entspringt, sondern dem Kampf mit dem konkreten Bösen.

Und noch etwas, es führt zurück zu Gotscheff und Co.: Sprache ist nicht nur Körpersprache, und Text ist nicht nur Fläche. „Verrücktes Blut“, wer hätte das gedacht, ist eben auch eine sprachintensive Arbeit; eine scharfe Analyse von Slang und Hoch- und Dramensprache, und auch wieder Schiller.

Ein komisches Theatertreffen. Die allgemeine Stimmung war viel besser als die einzelnen Stücke, das Ganze größer als die Einzelteile. Selten wurde so viel diskutiert, gestritten, das ist auch was. Mit Aufführungen von Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“ am heutigen Sonntag und am Montag im Haus der Berliner Festspiele endet das Festival. Bald ein Jahr ist es her, dass er starb. Er fehlt. Der Radius des Theaters hat sich verengt durch seinen Tod. Oft auch fiel in diesen Tagen der Name Jürgen Gosch. Er starb vor zwei Jahren, und es fällt immer noch schwer, es ist fast unmöglich, nach seinem „Onkel Wanja“ und seiner „Möwe“ einen Tschechow zu sehen. Da hatte Karin Henkel mit ihrem Kölner „Kirschgarten“ kaum etwas zu bestellen.

Mit Video und Mikroports mag die Bühnenkunst immer mehr live dabei sein, diese Technik ist Standard, kaum mehr der Erwähnung wert. In Wahrheit aber ist nichts so nah wie das Gedächtnis, die Erinnerung.

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