Kultur : Väter und Söhne

...und der Regisseur über Kämpfe und Kammerspiele

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Herr Roehler, was meinen Sie mit dem Titel Ihres Films?

Der Titel ist eine Metapher für uns Menschen als wehrlose Geschöpfe. Angeregt wurde ich durch einen „Spiegel“Artikel, der beschreibt, wie wir Menschen einst nackt von den Bäumen kamen und schutzlos der Savanne ausgeliefert waren und wie die Ängste von damals bis heute unser ständiger Begleiter sind. Dazu kam die Erinnerung an meinen Vater, der spätnachts im Vollrausch oft „Der alte Affe Angst, der alte Affe Angst!“ geschrieen hat. Von diesem Lärm bin ich dann aufgewacht.

Die Beziehung zu Ihrem Vater, dem Schriftsteller und Lektor Klaus Roehler, spielt im Film eine wichtige Rolle.

Zwischen mir und meinem Vater gab es ein grundsätzliches Problem, das auch im Film auftaucht: der Sohn, der dem Vater die Schuld gibt, ihn als Kind vernachlässigt zu haben. Ich habe ihm das irgendwann schwer angelastet. Das hatte zur Folge, dass wir uns viele Jahre nicht gesehen haben. Im Film ist das in sehr geraffter Form dargestellt.

In „Die Unberührbare“ ging es um Ihre Mutter Gisela Elsner; Ihr neuer Film thematisiert nun – unter anderem – die Beziehung zu Ihrem Vater. Warum?

Der Tod meines Vaters im Februar 2000 war der Abschluss eines Kapitels in meinem Leben. Nach so einem Ereignis setzt ein Prozess ein, bei dem man nachdenkt: Was ist die letzten Jahre eigentlich passiert in deiner Psyche, deiner Sexualität, deinem Beruf? Irgendwann sagte ich mir: Ich mache da eine Geschichte draus.

Filmemachen als Therapie?

In diesem Fall: ja. Ich war sehr nahe an meinen eigenen Problemen dran.

Und das Ergebnis?

Ich denke jetzt über ganz andere Geschichten nach. Plötzlich schweben mir Filme vor wie „Delicatessen“ oder „Amélie“. Ich werde die Kammerspieltradition meiner bisherigen Filme nicht mehr fortsetzen. Und ich will mich auch nicht mehr auf düstere Odysseen in die Psyche der Figuren begeben – was nach dem Film vielleicht verständlich ist. Mein nächster Film „Agnes und seine Brüder“ wird ein sehr realistisch erzählter Ensemblefilm über drei Brüder werden, von denen einer zur Frau geworden ist. Danach kommt die Verfilmung von Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“.

Mit „Erste Ehe“ hat Ihre erste Frau Isabelle Stever kürzlich einen Film über ihre Ehe mit Ihnen gedreht. Ist „Der alte Affe Angst“ Ihre Version dieses Beziehungskampfes?

Nein, die Ehe mit Isabelle hat damit überhaupt nichts zu tun. Das ist über zehn Jahre her. Es gibt gewisse Parallelen zu meiner momentanen Beziehung. Das heißt aber nicht, dass ich zu Nutten gehe und meine Frau einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Ein gewisses Grundgefühl reicht ja oft aus.

Steigt die emotionale Belastung nicht, wenn die eigenen Filme so persönlich geraten?

In diesem Fall bestimmt. Das hat sich auch ansteckend auf die Schauspieler ausgewirkt. Die Emotionen zwischen mir und Marie Bäumer gerieten dabei ziemlich in Wallung. Weil wir so in die Tiefe der Figuren gedrungen sind, haben wir zum Teil die Kontrolle über uns selbst verloren. Dabei kam es zu ziemlich schrecklichen Auseinandersetzungen, Nervenzusammenbrüchen, Heulkrämpfen, bis hin zum Verlassen des Sets. Wie in einer Kampfarena.

Dabei nimmt vermutlich auch die Angst vor den Reaktionen des Publikums zu?

Ja. Mit einem ironischen, intelligenten Film hat man es leichter. Mit Filmen wie „Der alte Affe Angst“ macht man sich verletzbarer.

Das Gespräch führte Julian Hanich.

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