Kultur : Väter und Töchter

Mülheim: Katja Brunner gewinnt Dramatikerpreis.

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Ein bewährtes Ritual: Unmittelbar nach dem letzten Gastspiel der nominierten Uraufführungen küren fünf Juroren in nächtlicher, öffentlicher Sitzung das Stück des Jahres. Mit Katja Brunners „Von den Beinen zu kurz“ haben sie diesmal ein Werk prämiert, das die 1991 geborene Schweizer Autorin bereits mit 18 Jahren geschrieben hat. Sie setzte sich gegen das hoch favorisierte „FaustIn and out“ von Elfriede Jelinek und neue Stücke von Franz Xaver Kroetz und Moritz Rinke durch. Der Mülheimer Dramatikerpreis ist mit 15000 Euro dotiert.

Auf die Biografie der Schweizerin kann man ihren tief beunruhigenden Text über das verhängnisvolle Verhältnis zwischen Vater und Tochter seit Geburt des Kindes nicht zurückführen. Es ist ein hochartifizielles Stück unterschiedlicher reflektierender Stimmen, dazwischen Märchenstoffe. Alltagsszenen einer Familie, bei der die Mutter Rivalin der Tochter ist, werden umkreist: Besuche beim Arzt und im Streichelzoo, ein Kindergeburtstag. Die Tochter scheint voller Einverständnis mit dem Vater, doch die Perspektiven wechseln ständig zwischen Begehren, Macht und Ohnmacht. Die Inszenierung des Schauspiels Hannovers von Heike Maria Goetze stilisiert „Von den Beinen zu kurz“ wirkungsvoll zum unheimlichen Spuk.

Das Thema sexueller Missbrauch schob sich bei den Stücken 2013 in den Vordergrund. Franz Xaver Kroetz’ „Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind“ nimmt den Fall Pascal zum Anlass und Elfriede Jelinek verzahnt Gretchens Verlies mit dem Keller des österreichischen Tochterschänders Josef Fritzl.

Unter den fünf Juroren waren zwei Schauspieler, Milan Peschel und Wiebke Puls. Vor allem Puls warb in eindrucksvollen Plädoyers für Stücke, in denen eben nicht das allzu Bekannte wiederholt werden sollte. Deshalb schieden auch in der Vorrunde die überschaubar konstruierten Werke wie etwa Felicia Zellers Komödie der Überforderung „X-Freunde“ aus. Das auf einen 13-stündigen Theaterabend angelegte Aussteigerdrama von Nis-Momme Stockmann, „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ konnte bei den Juroren gerade wegen seiner oft größenwahnsinnig erscheinenden Penetranz gefallen. Die Zuschauer dagegen hatten sich in das eher schlichte Stück über Generationsprobleme in einem jüdischen Frauenhaushalt, „Muttersprache Mameloschn“, verliebt und gaben Marianna Salzmann den Publikumspreis. Bernhard Doppler

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