Kultur : Väterchen Frost und Schneeflöckchen

Die russisch-orthodoxe Kirche feiert Weihnachten und das Neue Jahr erst im Januar

Nina Weller

Dass die Russen gerne feiern und auch wissen wie, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass die Russen – wenn sie denn wollen - Weihnachten und Neujahr gleich zwei Mal feiern können. Ein Mal gemäß dem offiziell gültigen Gregorianischen Kalender und dann noch ein Mal nach dem für die russisch-orthodoxe Kirche immer noch gültigen Julianischen Kalender.

Die russisch-orthodoxe Kirche feiert am 7. Januar Christi Geburt und vom 13. auf den 14. Januar ihr Neues Jahr. Da in der orthodoxen Kirche Ostern das religiös bedeutsamere Fest ist, spielt Weihnachten eine geringere Rolle und hat als weltliches Fest gar keine Bedeutung. Während also in Deutschland die Weihnachtszeit schon lange vor dem 24. Dezember beginnt, ist der letzte Monat des Jahres in Russland ein Monat wie jeder andere auch. Erst kurz vor Jahresende beginnen die üblichen hektischen Festvorbereitungen: Die Neujahrstanne, der Jolka-Baum, muss besorgt und geschmückt werden. Denn wenn die Russen auch nicht Weihnachten feiern, auf Geschenke wollen sie dennoch nicht verzichten. Die gibt es am Neujahrsabend, dem wichtigsten Fest für die russische Familie. Deshalb ist es traditionell auch weniger üblich in Clubs oder Restaurants zu feiern, selbst wenn das in den letzten Jahren bei denjenigen, die sich das leisten können, in Mode gekommen ist.

Auch in Russland kennt man einen mit dem Weihnachtsmann vergleichbaren Geschenkebringer: das „Väterchen Frost“ (Djed Maros). Er wurde in den 1920er Jahren eingeführt und erscheint seitdem Jahr für Jahr am Neujahrsabend, meist in Begleitung seiner weiß bezopften Enkelin, dem „Schneeflöckchen“ (Snjegurotschka).

Als Personifizierung des Winters und der eisigen Kälte entstammt „Väterchen Frost“ ursprünglich dem russischen Märchen- und Folklore-Fundus. Er wurde – ähnlich wie bei uns der Weihnachtsmann – erst im Laufe des 20. Jahrhunderts als eine Modifikation des heiligen Nikolaus zu einer Figur des Weihnachtsfestes.

Im vorrevolutionären Russland haben Familien das Weihnachtsfest noch gefeiert. Mit der Revolution im Jahre 1917 wurde das christliche Weihnachten in der Sowjetunion abgeschafft und Neujahr zum zentralen Feiertag erklärt, der nun Merkmale beider Feiertage in sich vereinte: Der Christbaum mutierte zum Neujahrsbaum und „Väterchen Frost“ ersetzte als bloßer Gabenbringer seinen christlichen Vorläufer. Das propagandistisch geschickt in die russische Märchenwelt eingebettete neue kulturelle Ensemble von Djed Maros, Snjegurotschka und Jolka-Fest wurde sehr schnell von der Bevölkerung angenommen und ist als solches auch heute noch fester Bestandteil der russischen Alltagskultur. So finden auch unter Präsident Putin im Kreml weiterhin die außerordentlich gut besuchten Jolka-Feste für Kinder statt – eine noch unter Stalin begründete Tradition. Im Gegenzug aber haben die religiösen Feiertage in Russland wieder an Bedeutung gewonnen. Zumal die Russen ja, wie bereits erwähnt, gerne und ausgiebig feiern.

So muss das Feiern mit dem 1. Januar noch lange nicht zu Ende sein: Am 7. Januar steht das kirchlich-orthodoxe Weihnachtsfest und am 13. Januar das kirchliche „alte“, neue Jahr ins Haus. Beide sind zwar keine offiziellen Feiertage mehr, aber die Gelegenheit zum Feiern wird dennoch genutzt. Die russische Regierung ist den Bedürfnissen in der Bevölkerung dabei wohlwollend entgegengekommen: Anfang 2005 trat erstmals die neue Feiertagsregelung mit fünf zusätzlichen freien Tagen zum Jahresbeginn in Kraft. Und diesmal verlängert sich die Feiertagszeit in Russland durch mehrere Wochenenden sogar auf insgesamt zehn Tage. Na dann, S Novym Godom, Gutes Neues Jahr und Fröhliche Weihnacht!

Die Autorin ist Doktorandin am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin.

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