Kultur : Vagabunden der Strömung

Lauter Balancestücke: die Gedichte des Slowenen Ales Steger

Nico Bleutge

Die Wörter, diese kleinen Allesfresser – manchmal schlingen sie die Welt mit einem Biss hinunter. Dann mag es scheinen, als befänden sich die Dinge in den Wörtern oder als hätte man Wörter und Dinge zugleich. Was aber, wenn es sich bei den „Dingen“ um so schlüpfrige Tiere wie Seepferdchen handelt, „Wesen aus fließendem Licht, Vagabunden der Strömung“? Wer ihnen zu nahe kommt, wer ihre gläsernen Formen zu sehr mit den Wörtern bedrängt, der zerstört sie: „Zwischen menschlichen Schatten vertrocknen die Körper der Seepferdchen, / Verlieren ihre Transparenz, werden rauh und stumpf.“

Auch wenn er mit seinen Versen immer wieder ganz nah an die Dinge heranrückt, das krude Benennen ist Ales Steger von jeher fremd. Der slowenische Lyriker fühlt sich dort am wohlsten, wo die gewohnten Begriffe außer Kraft gesetzt sind, in einem Zwischenreich, in dem nichts gleich bleibt. Ein Gedicht sei „stofflich nur in gasförmigem Zustand“, ohne Ein- und Ausgang, heißt es in einem seiner frühen Verse. Das poetische Denken muss immer in Bewegung sein, damit es überhaupt Kristalle bilden kann, kleine Verfestigungen in Form von Gedichten. Nur so weicht es die Vorstellung auf, jedes Ding hätte seinen eigenen Namen. Ales Stegers Gedichte stülpen unser Weltverständnis einfach um, sind unberechenbar – wie die Lachse im Pazifik, die nach Jahren plötzlich ihr Verhalten ändern, den Fluss hinaufschwimmen, um an der Quelle zu laichen: „Sie sammeln keine Nahrung mehr. / Handeln nicht nach der Logik des täglichen Überlebens. / Suchen, fliehen, jagen nicht. Sie sind auf der Reise.“

Wer Ales Stegers Lebensweg folgen will, der muss genauso wendig sein wie die Gedichte. Reisen und Stipendien, Studien und Preise, Übersetzungen, Essays und natürlich Lyrik. Trotzdem findet er als Verlagslektor Zeit zur genauen Arbeit an fremden Texten. Mit seinen Einladungen zu Lyrikfestivals holt Ales Steger jedes Jahr Dichter aus ganz Europa nach Slowenien. Derzeit lebt er als DAAD-Stipendiat in Berlin.

Geboren wurde er 1973 in der kleinen Stadt Ptuj, in jener Gegend, die Peter Handke gern als zaubrische Ursprungswelt zeichnet. Wenn Ales Steger seine Gedichte mit weicher Stimme vorträgt, langsam, ganz versunken in den Text, möchte man als Hörer noch einmal glauben an die alte Verwandlungskraft der Poesie.

„Eines Tages ändern die Dinge ihren Namen“, hat der große slowenische Dichter Dane Zajc einmal geschrieben, „da wird der Stein Hass, der Wind Entsetzen, / die Straße Angst, die Vögel schlagen schmerzhafte Lautnägel in deine Stirn“. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt, vielleicht suchen sich die Wörter immer wieder neue Gegenstände, auf die sie verweisen wollen. Bei Ales Steger gibt es stets beide Bewegungen. Innen und außen, Ich und Welt: Die Gedichte nähern sich von zwei Seiten, wobei die Grenze nach und nach durchlässig wird. Einerlei, ob es sich um das Ei handelt, Rosinen oder den Regenschirm, die Verse inszenieren „unmerkliche Übergänge“, schicken lyrische Schmuggelware auf die Reise. Auf der Suche nach diesem „flaumigen Dazwischen“ zeigen sie, wie nah sich die Gegensätze bisweilen sind und wie schnell etwas in sein Gegenteil abkippen kann.

Die Form der Gedichte ist dieser gedanklichen Bewegung genau eingepasst. Ales Stegers Texte sind kleine Balancestücke, die ihre Wörter immer wieder in ein labiles Gleichgewicht bringen. Oft genügt ein kurzer Einschub, eine Drehung oder ein Wechsel des Rhythmus – schon werden die Verse neu ausgerichtet. Dabei ist es Stegers Kunst, mit seinen Bildern die Vorstellungen des Lesers flugs aus den Angeln zu heben. Am Ende weiß man gar nicht mehr, was eigentlich zuerst da war, das Wort „Kater“ oder Stegers Bild vom „kastrierten Travestit im Nerz“. Oder ob eine Büroklammer wirklich wie eine Büroklammer aussieht und nicht „wie ein Fötus / wie eine Wegschnecke, wie ein Körper im Massengrab“.

Bei so vielen Doppelungen ist es nur konsequent, wenn sogar die Übersetzung von zwei Seiten kommt. Die Zusammenarbeit der Übersetzerin Urska P. Cerne und des Schriftstellers Matthias Göritz erweist sich als geglückte Liaison. Es gelingt ihnen nicht nur, Stegers schwingende Langverse nachzubilden, auch die changierenden Töne holen sie im Deutschen ein. Keine leichte Aufgabe, denn je genauer man die Gedichte ansieht, desto fremder werden sie: „Wie jemand, der durchs Fenster ins immer dichtere Dunkel starrt, / Das zurückstarrt ins immer dichtere Dunkel in ihm.“

Ales Steger: Buch der Dinge. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Urska P. Cerne u. Matthias Göritz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006. 95 S., 14,80 €.

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