Kultur : "Vaglietti zum Dritten": Die Kunst des Verlierens

Hans-Jörg Rother

Gewinnern gehört der Ruhm, Verlierern die Kunst. Stefano Vaglietti, 1967 in Bern geboren, italienischer Abstammung, war nicht immer ein Verlierer. Seine Laufbahn als Boxer begann kometenhaft. 1989 und 1991 brachte er es zum helvetischen Landesmeister im Superschwergewicht. Danach ruinierte er seine Laufbahn durch Drogen, Schulden und Frauengeschichten. Ernüchtert und desillusioniert begann er 1996 erneut, hart zu trainieren.

Alfredo Knuchel, Direktor des Schweizerischen Filmzentrums und erfolgreicher Dokumentarregie-Neuling 1996 ("Besser und besser"), hat an dem Zweizentnermann einen Narren gefressen. Boxen ist für Knuchel überhaupt "eine Metapher". Vagliettis angestrengtes, vom Trainer, von den Eltern, von der Freundin und einem Anwalt unterstütztes Comeback steht für das Streben vieler Verlierer, "über die realen Möglichkeiten hinauszugehen. Boxer suchen immer den Befreiungsschlag."

Der zur Drehzeit sechzigjährige Regisseur - der Film entstand 1999 - nahm sich Zeit, auf die Höhepunkte, die Boxkämpfe, zuzugehen. Die exzellente Kamera von Norbert Wiedmer und Peter Guyer beobachtet den Mann geduldig. Auch für die kranke Mutter im Spital bleibt Zeit, für die Gespräche mit der jungen Freundin, die bei Vaglietti den ersehnten Schutz gefunden hat und ihm dafür immer gut zuredet, sowie für den Vater, dessen Skepsis gegenüber dem Sohn allmählich der Hoffnung weicht, und manche ermutigende Geste des Trainers. Eifrig schneidend versucht Knuchel, die geringe Spannung des Materials filmisch zu steigern. Seinen "Helden" durchschaut er freilich von vornherein. Wenn sich die Kampfmaschine in Bewegung setzt, erkennt auch der Laie rasch die Unterlegenheit Vagliettis, der seine Kräfte schnell verbraucht, eine massige Zielscheibe abgibt, aber sich von Kampf zu Kampf besser zu wehren versteht.

Es gibt keine Befreiungsschläge im Leben, nur die kleinen Siege über sich selbst. Nach Punkten geschlagen klettert Stefano Vaglietti aus dem Ring, und die Freunde beglückwünschen ihn trotzdem. Darin liegt der Gleichniswert des Films. Knuchel hat ein sympathisches Gegenstück zum derzeit üblichen Sportler-Starrummel geschaffen, Vaglietti selbst fällt die Bodenhaftung noch schwer. Von den Filmaufnahmen offenbar geschmeichelt, weist er einem Freund einmal barsch die Tür, weil er bei den Dreharbeiten störte. Dass diese Sequenz erhalten blieb, spricht für Knuchel. Was den Erfolg vereitelt, ist menschlicher als das illusorische Ziel.

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