"Valentina" auf der Berlinale : Der Puck von Skopje

Drei Generationen in einer baufälligen Ein-Zimmer-Hütte: Maximilian Feldmann und Luise Schröder porträtieren eine Roma-Familie.

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Kinderarbeit. Valentina Demaili beim Betteln.
Kinderarbeit. Valentina Demaili beim Betteln.Foto: Luise Schröder

Der glitzernde Fluss Vardar, die prächtige Steinbogenbrücke, die schönen Altstadtfassaden. Skopje, Mazedoniens Hauptstadt, leuchtet traut in der Abenddämmerung. Und der Puck von Skopje, das ist ein Kind, ein Mädchen, dem diese Kulisse zu Füßen zu liegen scheint. Die Haare verfilzt, die Trainingsjacke dreckig, die Augen glänzend. Mit einem langen Stock in der Hand stakst sie fröhlich im Wasser herum, kichert und erzählt. Dass sie eigentlich ein Junge werden sollte und ihr Bruder eigentlich ein Mädchen. „Ich bin Valentina und am liebsten habe ich Vater und Mutter.“

Der gänzlich unaufgeregte, sorgfältig stilisierte Dokumentarfilm „Valentina“ dauert gerade mal 51 Minuten und zeigt nichts weniger als das Elend und die Größe, kurz das Drama dieser Welt. Valentina Demaili ist zehn und lebt mit ihrer Familie im Roma-Viertel Shukta. Drei Generationen in einer baufälligen Ein-Zimmer-Hütte, Vater Asim sammelt Sperrmüll, Mutter Naile und die Kinder betteln. Da sind Dreck, Müll, Neid und Not, aber genauso sind da Liebe, Wärme, Fantasie und Witz. Die Erzählerin Valentina ist zugleich das ärmste und das reichste Kind der Welt.

Das „Valentina“-Team Luise Schröder und Maximilian Feldmann.
Das „Valentina“-Team Luise Schröder und Maximilian Feldmann.Foto: Thilo Rückeis

Vorletzte Woche erst haben Demailis die Endfassung des Films, den Regisseur Maximilian Feldmann und Kamerafrau Luise Schröder über sie gedreht haben, gesehen und waren zufrieden. Deswegen ist der Regisseur vor der Berlinale-Premiere extra hingefahren. „So ist es“, habe der Vater gesagt. Die Zustimmung der Familie ist den Filmemachern wichtig. Immerhin sei es kein Armutsfilm, sondern ein Familienporträt, in dem intime Dinge zur Sprache kämen.

Fünf Wochen lang will keiner etwas mit den Filmemachern zutun haben

Feldmann ist 30, hat an der Filmakademie Baden-Württemberg Dokumentarfilmregie studiert und lebt als freier Regisseur in Leipzig. Schröder ist 31, studierte in Dortmund Kamera, wohnt in Berlin und arbeitet für Fernsehformate wie „37 Grad“. Beide haben schon vor dem Diplomfilm „Valentina“ gemeinsam gedreht. 2013 lief ihre Dokumentation „Caracas“ im Wettbewerb des Dokfilm- Festivals Leipzig.

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Nach Shukta haben sie sich mit einem Satz im Kopf aufgemacht, der aus einem Rilke-Gedicht stammt: „Armut ist ein großer Glanz aus Innen.“ Fünf Wochen lang will dort jedoch keine der Familien etwas mit ihnen zu tun haben, weder die in bitterer Armut noch die in mittelständischem Wohlstand lebenden. Die Roma haben es nämlich allmählich satt, als pittoreske künstlerische Projektionsfläche von Filmern und Schreibern aus aller Welt zu dienen. Kaum, dass sie die Kamera rausgeholt hatte, sei sie auf der Straße angepflaumt wurden, erzählt Schröder. „Aber wir wollten den Ort verstehen, den Leuten näher kommen, zeigen, dass wir nicht wie die anderen sind.“ Und dann geschieht es. Ein Mädchen erbettelt einen Hamburger von ihnen. Valentina! Ihr Vater hat mal eine kleine Rolle in einem Film von Emir Kusturica gespielt. Er kennt das Geschäft und willigt ein.

Drei Wochen Dreharbeiten, die Filmemacher zahlen den Demailis das Essen für jeden Tag und eine Aufwandsentschädigung. Das ist der Deal. Überaus ungewöhnlich ist, dass die Filmemacher die Bezahlung am Ende zeigen – quasi aus Valentinas Perspektive erzählt.

Müll und Dreck verschwinden im schwarz-weißen Bild

Diskreditiert so eine Szene nicht den Wahrheitsgehalt? Feldmann schüttelt den Kopf. Er gehört einer neuen Generation von Dok-Filmern an, die die puristische Haltung aus den sechziger und siebziger Jahren negieren. Szenische Inszenierung, Bezahlung, klar, sowas sei damals verpönt gewesen. „Aber heute kommt bei manchen Protagonisten das x-te Filmteam vorbei.“ Zudem bekämen die Leute durch das Internet mit, was mit ihren Bildern geschehe. „Es ist in Ordnung, dass sie auch etwas davon haben wollen. Besonders wenn sie arm sind.“

Und dass die Demailis das sind, daran lässt „Valentina“ keinen Zweifel. Auch wenn die Armut durch Luise Schröders elegantes Schwarzweiß nicht ganz so schrecklich aussieht. Sie hat erst in Farbe gedreht, dann aber einen Schwarzweiß-Filter ausprobiert, weil der die Gesichter besser herausmodelliert: „Plötzlich verschwanden der Müll und der Dreck. Der Ästhetisierung bin ich mir bewusst.“ Und Feldmann ergänzt: „Es ist nicht besser, die Brutalität des Alltags mit krassen Bildern zu zeigen, sondern stärker, wenn Valentina davon erzählt.“ Wozu auch die drei Schwestern gehören, die beim Betteln aufgegriffen wurden und seither zwangsweise im Heim leben. Und die Tatsache, dass die Familie keinerlei staatliche Unterstützung erhält.

Zum Betteln, für viele Roma in Mazedonien die einzige Überlebensmöglichkeit, haben Feldmann und Schröder eine neue Einstellung bekommen. „Das ist harte Arbeit. Der Einsatz ist der Verlust der Würde.“ Weswegen Valentina auch von einem anderen Beruf träumt: Sie will Lehrerin werden.

Die Filmemacher selbst sind Paten der nach der Kamerafrau benannten Luise, des jüngsten Sprosses. So kann es im Dokumentarfilm gehen: Aus einer Idee wird ein Film und dann ein Sozialprojekt. Mit „Valentina“ haben die beiden Verantwortung übernommen. Sie planen ein Patenprogramm für den Schulbesuch der Kinder, die Hausrenovierung und Rechtsbeistand für die Familie. Und die Ausgangsidee? Der Glanz aus Innen? Das sei ein zynischer Satz, weiß Feldmann nun. „An Armut ist nichts Gutes zu finden.“ Aber sehr wohl an dem Mädchen und dem Film „Valentina“.

18.2., 19.30 Uhr (Cinemaxx3), 19.2., 12 Uhr (Colosseum), 20.30 Uhr (Cinemaxx1)

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