"Valkyrie" : Der gute Deutsche

An den Kinokassen in den USA ist "Valkyrie“ mit Tom Cruise ein voller Erfolg. Das Drama über Graf Stauffenbergs Hitler-Attentat gibt Nachhilfeunterricht in Sachen Widerstand.

Christoph von Marschall
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Zu modern. Tom Cruise bei der Premiere von „Valkyrie“ in Los Angeles. Foto: Imago

Die Kritiker und die Kinogänger sind mal wieder verschiedener Meinung. An den amerikanischen Kinokassen ist „Valkyrie“, der Film über Graf Stauffenbergs Attentat auf Hitler mit Tom Cruise in der Hauptrolle, ein Erfolg. Die Besprechungen sind dagegen eher ungnädig. Am ersten Weihnachtsfeiertag war der Streifen in 2711 Kinos angelaufen. In den ersten vier Tagen spielte er 30 Millionen Dollar ein. Nach Zuschauerzahlen belegt er Platz vier in den aktuellen US-Listen.

Auch rund 70 Jahre – oder zwei Generationen – nach Beginn des Zweiten Weltkriegs bestätigt sich erneut, dass man mit dem Schauer des Grauens rund um Hitler, die Nazi-Verbrechen und den deutschen Militärkult weiterhin ziemlich risikolos Geld verdienen kann. Da schadet es wenig, dass die Rezensenten die Nase rümpfen. Durchweg beurteilen die Kritiker in den USA Tom Cruise’ Darstellung Stauffenbergs als allenfalls mittelmäßig.

Die „Washington Post“ moniert, die Wandlung vom loyalen Offizier zum Attentäter werde nicht nachvollziehbar gemacht. Überhaupt konzentriere sich Regisseur Bryan Singer darauf, Militärmaschinerie zu zeigen – „eine düstere Studie in Schlachtschiffgrau“ – und die technischen Seiten der Verschwörung samt den ebenfalls technischen Gründen ihres Scheiterns zu erklären. Die menschliche Seite komme zu kurz. Zwei Tränen auf zwei Wangen: Das sei die Summe der emotionalen Regungen.

Die „New York Times“ ist ähnlich streng. Weder Regisseur Singer noch Hauptdarsteller Cruise gelinge es, die Komplexität des Stauffenberg-Charakters auch nur andeutungsweise zu inszenieren. Der Star agiere „zu modern, zu amerikanisch und zu sehr Tom Cruise“, um die Rolle eines aristokratischen Offiziers alter Schule sinnvoll zu füllen. Bryan Singers „Hang zur Übertreibung“ beeinträchtige selbst starke Szenen: „der Weltkrieg als Jungens-Abenteuer mit glanzvollen Helden, Meilen schwarzen Leders und Aufnahmen deutscher Truppen in Stechschrittformation aus der Vogelperspektive, die Leni Riefenstahl erschauern lassen würden“.

Viele dieser Kritikpunkte treffen. In der Tat zeigt Tom Cruise erneut kein breites schauspielerisches Repertoire. Ihm scheint die Rolle eines schmucken Uniformträgers mit entschlossen blitzenden Augen zu genügen. Mit einer Ausnahme: Die Art, wie er Stauffenbergs Behinderung nach schwerer Verwundung verkörpert, mit nur noch drei Fingern Hemd und Uniformjacke zuknöpft und sich bemüht, unter Zeitdruck mit Sprengstoff, Zünder, Zange und Aktentasche zu hantieren, lässt vermuten, dass er vielleicht doch das Zeug zu komplexeren Rollen hat. Er ist nun 46 und sucht nach seinem Weg vom erfolgreichen Jungstar ins Fach des gereiften Darstellers. Doch er wird mehr bieten müssen, wenn diese Transformation gelingen soll.

Erstaunlicherweise blenden die US-Kritiker zwei – naheliegende – Fragen aus: Wie es Hollywood eigentlich gelingt, die Anziehungskraft der Hitler-Zeit über die Jahrzehnte unverändert hoch zu halten. Und was „Valkyrie“ für das Geschichtsbild der Amerikaner bedeuten kann. In den Schulen lernen sie jedenfalls nicht, dass es einen deutschen Widerstand gab. Die Deutschen in jener Zeit waren vor allem die Massenmörder, die kalten Technokraten des Holocaust, sadistische SS-Wachleute oder etwas tumbe blonde Soldaten, die ein gewitzter polnischer Ghettojunge oder ein ebenso gewitzter US-Soldat leicht übertölpeln konnte.

„Valkyrie“ ist bereits der dritte prominente Film binnen weniger Jahre, in dem ehrbare Deutsche die Hauptrolle spielen. Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ wirkt bis heute fort, der Filmerfolg hat die Touristenattraktionen in Krakau, wo Schindlers Fabrik im Vorort Plaszow stand, um eine neue Sparte bereichert. Amerikaner pilgern ins frühere jüdische Viertel Krakaus. Restaurants, Buchhandlungen und Andenkenstände sind Spielberg-gerecht ausstaffiert. So setzt sich der neue Aspekt des Geschichtsbildes in den Köpfen fest.

2006 drehte der Film „The Good German“ die gewohnte Verteilung von Gut und Böse vollends um. Amerikaner und Sowjets üben im zerbombten Berlin bereits den Kalten Krieg und sind auf der Jagd nach Hitlers besten Wissenschaftlern. Moral und Gerechtigkeit spielen keine Rolle, ihnen geht es um die besten Köpfe und die effektivsten Waffen. Die Werte hält nur ein junger Deutscher hoch, der die Schuldigen der Strafe zuführen und die Opfer rehabilitieren möchte.

Und nun, als weitere Steigerung, der deutsche Widerstand, von dem Amerika bisher nichts wusste. Da ist es ziemlich unerheblich, ob Tom Cruise Scientologe ist. Das Geschichtsbild der Amerikaner von Naziherrschaft und Weltkrieg bekommt eine weitere Facette. Gewiss, sie wird bisher kaum reflektiert. Aber Bilder haben ihre eigene Macht. Und vielleicht hat es, auch so gesehen, sein Gutes, dass „Valkyrie“ keine emotionale Schnulze wurde.

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