Kultur : Vandalen im Park

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Diedrich Diederichsen über

Jazz-Schamanismus und Goa-Kitsch

Niemand ist einem Musiker böse, nur weil er religiös, Sektenmitglied oder schlicht wahnsinnig ist. In den großen Bereichen Jazz, Minimal Music, Rock, Electronica muss man lange suchen, um einen vernünftigen Ungläubigen zu finden, aber auch bei den Komponisten der Avantgarde tummeln sich die Verehrer höherer Ordnungen – von Stockhausen bis Messiaen, von La Monte Young bis Giacinto Scelsi. Eine besonders fleißige und gründliche religiös Wahnsinnige ist Alice Coltrane, Witwe der Jazz-Jahrhundertfigur John Coltrane. Schon kurz nach dessen Tod bezog sie sich auf ihn nur noch als den Geist Ohnedaruth, der auf Erden als John Coltrane gewandelt sei. Sie war Christin, Hindu, kurz auch Muslimin, verehrte ägyptische Gottheiten und verschliss eine ganze Reihe von geistigen Führern (oder die wechselten die Pseudonyme – das weiß man nie so genau). Heute ist die Pianistin und Harfenistin selber Guru. Interessanterweise nimmt man ihre Musik heute auch in den seriösesten Kreisen ernst. Seit kurzem ist nahezu ihr gesamtes Solo-Werk auf CDs wieder erhältlich.

Als ihre Platten zwischen 1968 und ’80 entstanden, wurde sie als Kitsch-Kuh belächelt, die nicht einmal davor zurückschreckte, Streicher unter die heiligen Aufnahmen ihres Giganten-Gatten zu legen. Ihren mit indischen Tamboura- und Sitar-Flavour unterlegten, dezenten bis minimalen Jazz-Stilleben, stets mit Größen wie Charlie Haden, Joe Henderson oder Rashied Ali eingespielt, bescheinigt man dagegen heute, eine andere, „ weiblichere“ Idee von freiem Jazz entwickelt zu haben. Ihre mystisch gemeinten und seinerzeit als gewaltsam empfundenen Strawinsky-Bearbeitungen sind heutigen Hörern köstliche Kleinode. Gegen ihre Geschichte und eigene Absicht hört man ausgerechnet sie heute mit Gewinn als Poetin des Sekundären und des rührend Unauthentischen.

Bei der aktuellen documenta dient Alice Coltranes Musik den (mitunter multimedial erweiterten) Soundinstallation von Renee Green neben balinesischer Gamelan-Musik als zentrales Material. Greene hat in den Auen unterhalb der Orangerie kleine Pavillions im Matsch versteckt. Wo Coltrane entspannt durch lauschiges Laub zirpt, beschwört Green suggestiv imaginäre und existierende Traumwelten. In diesem Arrangement kommt immer wieder der Moment auf, wo sich die ursprünglichen Intentionen der religiös Bewegten, die Absichten der sie benutzenden Konzeptualistin in den Vordergrund drängen: gepflegte Parkbäume, Vogelzwitschern, Sitar und Harfe ergeben gnadenlos die semantische Summe ASHRAM. Greene geht jedenfalls dieses Risiko ein – und dann schnappt die Wahrnehmung doch rechtzeitig wieder zurück in die distanzierten Rezeptionsgewohnheiten des Kunst-Kontextes, wenn auch angenehm irritiert. Unwillkürlich wedelt man sich einen Räucherstäbchenduft aus seiner Aura.

Nur wenige hundert Meter weiter im Friedericianum hat die afroamerikanische Konzeptualistin Adrian Piper ihre eigene Konversion zu Yoga und einer synkretistischen Hindu-Variante durch eine repetitive Reihe von poppigen Götterbildnissen dokumentiert. Nicht nur ihre alten Fans wenden sich ab. Wer nicht gelangweilt weiterschreitet, ist sogar entsetzt. New Age und Goa-Kultur scheinen uns eine wichtige Künstlerin geklaut zu haben. Warum aber darf die Bildende Künstlerin Piper nicht, was wir der Musikerin Coltrane längst verziehen habenund gegen deren Intention genießerisch säkularisieren? Welche Arbeitsteilung zwischen Bildender Kunst und Musik lässt uns fortgesetzt letzere als einen Schutzraum sympathischer Regression unterhalten, während wir von ersterer stets nur Arbeiten auf der lichten Höhe zeitgenössischer Reflexionsmöglichkeiten verlangen? Nur so als Frage.

Doch was hören wir aus Kassel? Unbekannte haben Greenes Soundinstallationen vandalisiert. Zunächst denkt man, dass jemand die schicken Aktivboxen mopsen wollte, aber dem war nicht so. Man fand die demolierten Teile der Installation im Park verteilt. Doch Aggressionen gegen den himmlischen Frieden, gegen die Bedeutungsschicht „Ashram“? In der Welt der Bildenden Kunst fordert man immer den vollen Legitimitätsausweis, intellektuelle Satisfaktion. Musik ist dagegen ein Stück Natur, Material zur Einpassung in individuelle Alltags-Ästhetiken, die sich längst in der Zuständigkeit der Rezipienten verselbstständigt haben. Was aber Musik und was Kunst ist, entscheiden nicht die Sinne, sondern der Kontext: Museum, documenta und andere Immobilien-gestützte Darbietung ist Kunst, alles Mobile und Verfügbare ist Musik. Daher werden in Kassel zarteste Sounds zerpflückt, weil sie Kunst sind, während niemand was gegen meinen Rammstein hörenden Nachbarn unternimmt.

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