Kultur : Vandalen, Touristen

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Bernhard Schulz über

die Gefahren für das Weltkulturerbe

Schon das erste Durchblättern des „Weltreports der gefährdeten Denkmäler“ liefert eine deprimierende Lektüre. Dass historische Stätten Pflege benötigen, liegt in der Natur der Sache; erschreckend aber ist das Ausmaß an Vernachlässigung bis hin zu Vandalismus und kriegerischer Gewalt, das weltweit selbst die wichtigsten Stätten bedrängt, von den unbekannten ganz zu schweigen.

Nahezu unbekannt waren hierzulande auch die Buddha-Statuen von Bamiyan, bis sie vor gut einem Jahr von den afghanischen „Gotteskriegern“ gesprengt wurden. Das Entsetzen über diesen Akt der Barbarei war nur dann mehr als eine Gemütsaufwallung, wenn es den Blick lenkt auf die Gefährdungen allerorten. Davon kann kaum die Rede sein. Afghanistan selbst bietet derzeit Anlass zur Hoffnung, wo mit lokalen Techniken einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen werden, das Wenige zu retten, das der Furor des 20-jährigen Bürgerkriegs übriggelassen hat. Anderenorts hingegen nagt nicht so sehr der Zahn der Zeit als die Gleichgültigkeit der Zeitgenossen an gleichermaßen bedeutenden Zeugnissen der Weltkultur. Besonders deprimieren müssen die Nachrichten von den archäologischen Stätten des überreich gesegneten Italien, die man unter sicherem Schutz wähnte. Und wer, der darüber erschrickt, wäre nicht selbst schon über die antiken Mosaiken gelaufen, die vor aller Augen zerfallen? Eben darin liegt eine der größten Gefahren für das Weltkulturerbe: dass jedermann als Tourist die Stätten sehen will, die eben dadurch in Not geraten. Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Erbe, das auch uns nur auf Zeit anvertraut ist, bleibt die wichtigste Forderung, die aus dem jetzt vorgelegten Sündenregister des „Weltreports“ zu ziehen ist.

„Irgendwann, das muss selbst der verbohrteste Denkmalpfleger einsehen, geht die Welt zu Grunde“, seufzte gestern der deutsche ICOMOS-Präsident Michael Petzet mit der Weisheit seines langen Berufslebens. Allein in solcher Perspektive findet sich ein Trost für die oftmals vergeblichen Bemühungen der Gegenwart – aber zugleich der Ansporn, um unserer Zukunft willen in diesen Anstrengungen niemals nachzulassen.

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