Varusschlacht : Ein Warlord aus Westfalen

Arminius und die Deutschen: Vier Ausstellungen ergründen den Mythos der Varusschlacht.

Christian Schröder
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Nationaler Bilderkrieg. Die "Hermannsschlacht", 1870 bis 1873 von Peter Janssen -Foto: Katalog

Strichförmig schmale Brauen überwölben die Augenschlitze, die Mundwinkel unter der großen Nase biegen sich nach unten. Skeptisch? Furchtsam? Die Reitermaske, die 1990 von Archäologen in Kalkriese geborgen wurde, ist längst zu einer Art Emblem der Varusschlacht aufgestiegen, in der im Jahr 9 nach Christi drei komplette römische Legionen von den Germanen vernichtet worden waren. Jahrhundertelang hatten Historiker und Heimatforscher nach dem Ort der Schlacht gesucht, doch inzwischen sind sich die Experten – bis auf wenige Ausnahmen – einig, dass die von den Ausläufern des Wiehengebirges und einem ehemaligen Moor eingeschlossene Senke bei Osnabrück der Hinterhalt gewesen sein muss, in die der Cheruskerfürst Arminius seinen Gegner lockte.

Die Reitermaske trägt die individuellen Züge seines Besitzers, wahrscheinlich eines hohen römischen Offiziers, deshalb glaubt man einem Opfer des Gemetzels direkt in die Augen zu schauen. Ursprünglich war sie mit kostbarem Silberblech überzogen. Der germanische Krieger, der die Maske erbeutete, hat es, darauf weisen Schnittspuren an der Randeinfassung hin, abgerissen. Ob er das Beutestück anschließend wegwarf, weil er es nicht ertragen konnte, quasi das Gesicht seines toten Feindes mitzunehmen? Oder war er nur nicht an dem Eisen interessiert, das sich viel mühsamer einschmelzen lässt als Silber?

Natürlich ist die Reitermaske das Prunkstück der neu gestalteten Dauerausstellung im Museumspark von Kalkriese, die heute gemeinsam mit der dreigeteilten Jubiläumsschau „Imperium, Konflikt, Mythos“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Haltern, Kalkriese und Detmold eröffnet wird (siehe Kasten). Von Punktstrahlern feierlich illuminiert, schaut die Maske aus ihrer Vitrine auf einen Zug von 12 000 römischen Zinnsoldaten, der sich unter Plexiglas durch den Raum schlängelt. Dahinter eröffnet sich durch ein Fenster ein Ausblick auf den mutmaßlichen Schauplatz der Schlacht. Vom Schrecken der Antike ist auf dem Areal, wo heute der Löwenzahn blüht und Vögel zwitschern, nichts mehr zu spüren. Eisenplatten markieren die Marschroute der römischen Soldaten, in einem Landschaftsschnitt ist ein Stück des Walls rekonstruiert, hinter dem die Germanen sich verschanzten. Mitsamt Tross lag die Sollstärke der drei Legionen bei bis zu 18 000 Mann. Wie viele von ihnen noch in Kalkriese ankamen, nachdem sie drei Tage lang attackiert worden waren, ist ungewiss.

Arminius, der im Dritten Reich als „Kämpfer gegen die römischen Eindringlinge“ gefeiert worden war, galt lange als ideologisch kontaminierte Figur. Der Aufwand, mit dem nun der zweitausendste Jahrestag seines Sieges über den römischen Statthalter Publius Quinctilius Varus begangen wird, erinnert an einen Staatsakt. In Kalkriese wurde für fünf Millionen Euro eigens ein Museumsneubau errichtet, der die 6000 Exponate der Sonderausstellung aufnimmt. Man rechnet mit einem Ansturm von bis zu 300 000 Besuchern. Darin einen neuen Nationalismus zu wittern, wäre falsch. Denn den Ausstellungsmachern geht es weniger um die Schlacht als um die lange, durchaus fruchtbare Geschichte eines Kulturaustausches. So wird in Haltern, einst Sitz des größten rechtsrheinischen Römerlagers, unter der Überschrift „Imperium“ die ganze Pracht des Goldenen Zeitalters unter Kaiser Augustus ausgebreitet, vom Silberbecher mit Dionysos-Motiv bis zur Apollo-Figur aus Pompeji.

So strahlend diese Hochkultur, die Villen mit Fußbodenheizung nach Süddeutschland brachte, dasteht, so wenig weiß man über ihre Feinde, Stämme wie die Chatten, Langobarden und Brukterer, in deren Herrschaftsgebiet nicht einmal Städte existierten. Die Germanen besaßen keine Schriftsprache, selbst ihren Namen bekamen sie von Cäsar. Unsichtbar waren diese Krieger gleich in doppelter Hinsicht. Ihre Guerillataktik bestand darin, die militärisch überlegenen Römer überraschend zu attackieren und sich sofort wieder in den Schutz der Wälder zurückzuziehen. Aber auch in der Geschichte hinterließen die Germanen kaum Spuren. Dieses Ungleichgewicht der Überlieferung wird in der didaktisch hervorragend aufbereiteten Dauerausstellung von einer frappierenden Installation verdeutlicht. Einem Puzzle aus Dutzenden von Uniformbeschlägen, Waffenteilen, gar Spielwürfeln dreier Legionäre stehen zwei germanische Reiter gegenüber, von denen sich bloß ein Reitersporn und ein Steigbügel erhalten haben.

Die Sonderausstellung „Konflikt“ versucht dennoch, ausgehend von archäologischen Funden, mit einigen Klischees über die Germanen als blutrünstige, ungehobelte Barbaren aufzuräumen. Das fängt mit der Vorstellung an, alle Germanen seien bärtig, blond und blauäugig gewesen, mit – so Tacitus – „hünenhaften Leibern, die freilich nur zum Angriff taugen“. Gleich neben diesem Zitat liegen in einer Vitrine Funde aus einem Hamburger Urnengrab, zu denen neben Schwert und Lanzenspitze auch ein sichelförmiges Rasiermesser gehört. Die Ausstellung reicht von der Varusschlacht bis ins sechste Jahrhundert, einer für das Römische Reich zunehmend krisenhaften Epoche, in der es immer wieder zu militärischen Konfrontationen mit germanischen Stämmen kam.

Diesen Kampf der Kulturen konnten die technisch, taktisch und zivilisatorisch unterlegenen Germanen nur bestehen, weil sie bereit waren, von ihren Gegnern zu lernen. Römisches Wissen wurde aufgegriffen und umgemodelt, dafür steht ein „barbarisierter“ Legionärshelm, den sein germanischer Eroberer mit eingestanzten Hörnern, aufgeklebten Federn und einem Marderfell in eine Art Indianerkopfschmuck verwandelte. Bereits im dritten Jahrhundert, das belegen Funde aus dem Ostseeraum, kämpften Germanenheere mit einheitlichen, industrieartig produzierten Lanzen. Das war kein undisziplinierter Haufen mehr, sondern eine straff nach dem Vorbild römischer Zenturionen organisierte Berufsarmee.

Tacitus beschrieb die Germanen als Haudraufs, die lieber kämpften als sich hinter einen Pflug stellten: „Es gilt als faul und träge, mit Schweiß zu erlangen, was man mit Blut beschaffen könnte.“ Kurator Stefan Burmeister zieht sogar eine Verbindungslinie zu heutigen Warlords. Der Krieg wurde den Germanen zur Lebensform, weil es den Fürsten nur mittels Beutegut gelang, eine Gefolgschaft hinter sich zu versammeln. Selbst als die Römer ab dem dritten Jahrhundert begannen, den Limes zwischen Oberrhein und Donau aufzugeben, zögerten die Alemannen lange, die verlassenen Gebiete zu besiedeln. Es ging den Germanen nicht um Eroberung, sondern ums Plündern. Um den Kunst- und Gebrauchswert ihrer Beute scherten sie sich wenig. Kunstvoll ziselierte Teller und Tassen wurden rabiat in der Mitte zerteilt und zu „Hacksilber“ verwandelt.

Die Varusschlacht war kein weltpolitischer Wendepunkt. Statt auf Rom zu marschieren, ermordeten die Germanen einige Jahre nach dem Triumph lieber Arminius, ihren vermeintlichen Befreier. Luther erkannte dann in ihm einen Vorläufer seines Kampfes gegen Rom, auf dem 1875 in Detmold eingeweihten Hermannsdenkmal erhebt der Held sein Schwert gen Westen, dem „Erbfeind“ Frankreich entgegen. Detmold mag den Schlachtort verloren haben, dafür hat es unter der Überschrift „Mythos“ nun den interessantesten Teil der Jubiläumsschau gewonnen. Dort ist vom monumentalen Historiengemälde bis zum kaiserzeitlichen Humpen mit Schlachtenfries der Nippes der Geschichte versammelt. Dann mal prost.

Informationen zu den Ausstellungen:

Die drei Ausstellungen zum zweitausendsten Jahrestag der Varusschlacht unter dem Titel Imperium – Konflikt – Mythos werden heute von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Haltern, Kalkriese und Detmold eröffnet. Sie sind sie vom 16. Mai bis zum 11. (Konflikt) bzw. 25. Oktober zu sehen. In Kalkriese wird außerdem eine neue Dauerausstellung präsentiert.

Das Römermuseum in Haltern zeigt unter der Überschrift „Imperium“ die Pracht des Goldenen Zeitalters unter Kaiser Augustus. Im Museum und Park Kalkriese wird die zwischen „Konflikt“ und Kooperation pendelnde Beziehung zwischen Germanen und Römern nach der Varusschlacht untersucht. Das Lippische Landesmuseum Detmold beschäftigt sich mit dem „Mythos“: der Rezeption der Schlacht in Literatur, Kunst und Politik. Der dreibändige Katalog zur Jubiläumsschau ist im Stuttgarter Konrad Theiss Verlag erschienen (ca. 1300 S.), er kostet bis zum 31. Dezember 79,90 € und danach 99,90 €.

Weitere Informationen unter: www.imperium-konflikt-mythos.de

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