Varusschlacht : Muss denn Krieg sein?

Schwerter zu Traktoren: Star-Kurator Jan Hoet inszeniert auf den Feldern der Varusschlacht, was von ihr übrig bleibt.

Ulrich Traub

Ein Reiter, der so gerade seinen Kopf aus einer Sandgrube reckt. Verformte Kruzifixe, die sich wie Schlangen um Baumstämme winden. Auch vor „biologisch abbaubaren Landminen“ wird gewarnt. Zweitausend Jahre, nachdem hier drei römische Legionen von germanischen Kriegern vernichtet wurden, haben nun Künstler das Schlachtfeld in Kalkriese erobert. Und weit und breit kein Arminius in Sicht.

Mehr als 10.000 Römer und Germanen starben in der Schlacht, heute wirkt der nördlich von Osnabrück gelegene Museumspark mit seiner waldbestandenen Hügellandschaft wie ein Idyll. 1987 entdeckte ein Hobbyarchäologe auf dem Gelände mit einem Metalldetektor einen römischen Münzschatz. Archäologen gruben die Hinterlassenschaft einer ganzen Armee aus, seither gilt Kalkriese als Ort der Varusschlacht. Doch die Touristen, die im Jubiläumsjahr zu Zehntausenden in die Sonderausstellungen strömen, nehmen die aktuellen künstlerischen Eingriffe meist nur achselzuckend zur Kenntnis. Wenn überhaupt. Die Kunst schmiegt sich so unauffällig in den historischen Boden, dass sie erst bei genauerer Betrachtung für Irritation sorgt.

Aber es ist diese Konstellation, die den Kurator Jan Hoet herausgefordert hat. Er lud 20 internationale Künstler ein, sich mit den historischen Fakten und Fiktionen, dem Arminius- oder Hermann-Mythos und dem konkreten Ort auseinanderzusetzen. Die Folgen der Varusschlacht waren gewaltig, deshalb trägt das Kunstprojekt den auch ironisch zu deutenden Titel „Colossal“. Pedro Cabrita Reis hat zwei zwölf Meter hohe Holztürme auf benachbarte Äcker platziert. In ihrer monumentalen Funktionslosigkeit stehen sich die Klötze des portugiesischen Künstlers wie Symbole für die Sinnlosigkeit kriegerischer Konfrontation gegenüber. Ein Gemetzel findet auch vor dem Osnabrücker Hauptbahnhof statt, wo sich zwei gewaltige Stahltrichter drehen. Der eine zeigt Lanzen und Speere, der andere Soldaten. Ist der Krieg nicht zu stoppen, fragt Land-Art-Altmeister Dennis Oppenheim. Jan Hoet, seit seiner Documenta 1992 und dem Aufbau des Herforder Museums Marta (2002- 2008) bestens bekannt, hat „Colossal“ nicht auf den Bereich der vermuteten Schlachtfelder konzentriert. „Es gibt keinen Krieg ohne Bauernhöfe“, sagt der Belgier. Unter den 14 Stationen finden sich eine Kartoffelhalle sowie ein Schaf- und ein Kuhstall. „Die Kühe waren nur kurz etwas irritiert“, erinnert sich die Chefin des Hellbaumhofes. Es darf vermutet werden, dass ihnen der von Susanne Tunn mit Zinn übergossene Boden ziemlich einerlei sein wird.

Auf den Kirchplatz von Ostercappeln hat Bazon Brock einen Container mit Tarnnetz gestellt. Im Inneren offeriert sein inszenierter Vergleich von Arminius und Hitler- Attentäter Stauffenberg einen Freifahrtschein zu einer Mythen befragenden Achterbahnfahrt. Die meisten Arbeiten sind aber, wie von Jan Hoet gewohnt, leichtgängiger, sozusagen richtige Hingucker und -hörer. Aus Slava Nakovskas überdimensionalem Römerhelm, der unter den Zweigen einer vom Alter gebeugten Buche ruht, dringt Schlachtengetümmel und Stöhnen. Ins Jahr 3009 versetzt der chinesische Künstler Yue Minjun seinen Archäologen. Dessen Detektor findet keine Minen mehr, sondern Traktoren: seine Vision der Forderung ‚Schwerter zu Pflugscharen''. Es ist gerade diese augenzwinkernde Interpretation des durch die Jahrhunderte in Deutschland für politische Zwecke instrumentalisierten Themas, die das Projekt sehenswert macht. Ulrich Traub

„Colossal“: Osnabrücker Land, bis 2011, Information www.colossal.de.com. Bis auf den Park Kalkriese (tägl. 9-18 Uhr; Eintritt 9 €) sind alle Arbeiten frei zugänglich.

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