Kultur : "Vatel": Der König frisst

Daniela Sannwald

Vor sechs Wochen tanzte der König noch, nun frisst er - Ludwig XIV. hat offenbar Konjunktur. Nachdem seinen Landsmann Gérard Corbiau in "Der König tanzt" vor allem die musischen Seiten des jungen Thronfolgers interessiert hatten, nimmt sich nun Roland Joffé des älteren Sonnenkönigs an. Seine gesamteuropäische Produktion "Vatel" zeigt ihn als dekadenten Despoten, der seine Macht schamlos missbraucht.

Held aber dieses opulenten Films ist gar nicht der König, sondern Vatel, Hofmeister auf Schloss Chantilly, Koch, Architekt und Landschaftsplaner in Personalunion. Sein Arbeitgeber, Prince de Condé, ist zwar der beste General Frankreichs, erfreut sich jedoch gerade nicht der Gunst des Monarchen und lebt hoch verschuldet auf seinem Landgut. Nun droht ein Krieg mit Holland, den der Prince de Condé vielleicht für Frankreich gewinnen soll. Doch zunächst muss der König mitsamt Hofstaat einen dreitägigen Besuch auf Schloss Chantilly absolvieren und den Prinzen für würdig befinden, die militärischen Geschicke Frankreichs zu lenken. Vatels Geschick wiederum obliegt es, Ludwig XIV. nicht nur bequemst unterzubringen und erlesenst zu bewirten, sondern auch, ihn zu beeindrucken und zu amüsieren. 24 Stunden am Tag kümmert sich der schwere, freundliche Mann um das Wohl der hohen Gäste - in blinder Loyalität zu seinem Arbeitgeber. Als er sich den persönlichen Luxus einer kleinen Verliebtheit in eine Hofdame (Uma Thurman) gestattet, verliert er für einen Moment die Kontrolle. Und er weiß: Das kann er sich nicht leisten.

Mit Gérard Depardieu als Vatel und einem internationalen Ensemble hat Joffé seine Ausstattungsorgie inszeniert. Offenbar fast mit dem Ehrgeiz eines Vatel selbst - vermag doch auch er, sein Publikum "in Erstaunen zu setzen und zu erschöpfen", so beschreibt Vatel im Film einmal seine Aufgaben.

Joffés Inszenierung aber muss nicht einem launisch-anspruchsvollen, aber darin berechenbaren Individuum gefallen, sondern einem äußerst heterogenen Publikum. Und vielleicht, weil der Film zu viel will, wirkt er trotz des schauspielerischen Aufwands und der überwältigenden Entwürfe von Set-Designern und Kostümbildnern leer und kalt. Gewiss, damit setzt er die Mentalität seiner Figuren perfekt ins Bild: Die Höflinge haben in Wirklichkeit kein Herz und keinen Sinn für die Attraktionen, die pausenlos dargeboten werden; sie sind ausschließlich an Schaueffekten interessiert. Auch Emotionen sind nicht gestattet, nur Intrigen.

Andererseits aber lässt der Film seinem Publikum keine Zeit, sich überhaupt zu orientieren; stattdessen hetzt er es permanent durch Küche und Keller, Gärten, Gänge und Galerien des Schlosses. So kann man die Sorgfalt, die in jedem Detail steckt, nicht recht würdigen. Man hat weder den Geschmack der Früchte auf der Zunge, noch den Duft der Blumen in der Nase; und die milde Sozialkritik, die in den Dialogen steckt, ist visuell nicht gerade motiviert. Weniger wäre, wieder einmal, mehr gewesen.

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