Kultur : Vater aller Dinge

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Von Malte Oberschelp

Roger Waters hat mit „Flickering Flame“ ein Album veröffentlicht, das „the Solo Years“ dokumentieren soll. Bei Roger Waters von einer Solokarriere zu sprechen, ist eine Tautologie: Eigentlich hat der Mann nie etwas anderes gemacht, auch als er noch bei Pink Floyd war und die Band immer stärker zum Vehikel seiner psychischen Befindlichkeiten umfunktionierte. Nach den weitgehend instrumentalen Soundarchitekturen von „The Dark Side of the Moon" und „Wish you were Here" geriet das Pink-Floyd-Spätwerk zu verkappten Solo-Projekten des Bassisten, auf denen Waters sich autobiographisch eingefärbte Weltkriegs-Traumata (“The Wall") und ihre Revitalisierung durch den Falklandkrieg ("The Final Cut") vom Leib zu schreiben suchte. Selbst das erste Solo-Album „The Pros and Cons of Hitchhiking", nach der Trennung des legendären Acid-Quartetts 1984 veröffentlicht, hatte Waters zuvor Gilmore & Co angetragen. Das Material sei nun wirklich zu persönlich, fanden die Kollegen.

Wenn Roger Waters jetzt auf Deutschland-Tournee geht tritt er als egomanischer Solokünstler und alleinbevollmächtigter Testamentsvollstrecker Pink Floyds auf. „In the Flesh" hat er das Programm genannt, nach der Ouvertüre seines berühmtesten Werks „The Wall". Ein Song, der bereits komprimierte, was Waters von jeher als Grundvoraussetzung seines Songwriting variiert: Am Ende des Stücks geht der Lärm eines Flugzeuges, das die Verfilmung des Doppelalbums durch Alan Parker als deutschen Sturzkampfbomber offen legte, in das Geschrei eines Neugeborenen über. Der Krieg ist hier wortwörtlich der Vater aller Dinge.

Roger Waters wurde im September 1944 geboren und war drei Monate alt, als sein Vater als britischer Soldat bei der Invasion in Italien ums Leben kam. Seine Erfahrungen als Halbwaise sind mit zunehmendem Alter das beherrschende Motiv seiner Arbeiten geworden. „Daddy, what d’ya leave behind for me?", klagte der Protagonist in „The Wall", das thematisch verwandte Album „The Final Cut" war dem Gefallenen gar gewidmet. Noch die späten Solo-Alben „Radio K.A.O.S." (1987) und „Amused to Death" (1992), auf denen Waters Politik und Medien geißelte, bezogen ihre Motive aus dem Dasein als Kriegsopfer.

Eine Rolle, die mittlerweile wie ein Ritual wirkt. Als Waters in den 70er Jahren mit seinen neurotischen Texten die Pink-Floyd-Platten zu dominieren begann, war das nicht ohne Reiz. Immerhin wurde der zeitlose Sound-Bombast der Gruppe historisch geerdet; in ihren besten Momenten schlossen die elegischen Sound-Landschaften durchaus an englische Nachkriegsepen wie „Quadrophenia" von The Who oder das sozialkritische Oeuvre der Kinks an. Andererseits kamen die meisten Stücke über eine ebenso romantisierende wie küchenpsychologische Modernismus-Kritik nicht hinaus, die mit immer größerem Inszenierungsaufwand schuldig sprach: den abwesenden Vater, die übermächtige Mutter, die autoritären Lehrer, die korrupten Politiker, das potenziell faschistoide Rock-Business und die düsteren Seiten des Star-Ruhms, die ihn, Waters, zu einem einsamen, kontaktscheuen Zombie machen.

Als Pink Floyd in zwei Teile zerbrach, kamen auch die undankbaren Ex-Kollegen als Feindbilder hinzu. Waters sah sich erneut in in der Opferrolle: Um die weitere Verwendung des Markenns Pink Floyd zu untersagen, strengte er die teuerste Scheidungsklage der Popgeschichte an – und verlor. In den Jahren danach musste Waters mitansehen, wie Pink Floyd ohne den Rückhalt seiner Kompositionen weiterhin Stadien füllte, während er selbst Mühe hatte, mit seinen Solo-Programmen den Pink-Floyd-Mythos am Leben zu halten. Auch solch ein Szenario klang schon auf „The Wall" an: „How can you treat me this way?"

Zumindest der Erfolg ist im Jahr 2002 wieder da. Nicht nur, weil es in der elektronischen Szene wieder en vogue ist, frühe Pink-Floyd-Platten zu den Einflüssen zu zählen, nachdem die Band jahrzehntelang das bevorzugte Hassobjekt des Undergrounds war. Die „In the Flesh"-Tour lief in den USA erfolgreich, die ersten Konzerte in Europa waren ausverkauft, die Kompilation „Flickering Flame" hat es in die Charts geschafft. Und das, obwohl es sich um ein wenig überzeugendes Best Of der Jahre nach Pink Floyd handelt, garniert mit ein wenig Unveröffentlichtem. Man darf die alten Stücke bejubeln, die anderen zur Kenntnis nehmen. Alles wird wie immer sein.

Für das nächste Jahr hat der ewige Solo-Künstler ein neues Konzeptalbum angekündigt. Es handelt von einem Taxifahrer, der als Bürgerkriegsflüchtling und Folteropfer aus Ex-Jugoslavien nach New York gekommen ist. Zweiter Weltkrieg, Falklandkrieg, Rosenkrieg, Balkankrieg – der final cut, der in Shakespeares „Julius Caesar“ noch als „schlimmster Schlag von allen“ angeprangert wurde, bei Roger Waters ist er immer der vorletzte.

Roger Waters spielt am 9.6. im Velodrom

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