Kultur : Vater, lieber Vater

Alain Claude Sulzer sucht nach einem Verlorenen

Kirsten Voigt

Am Anfang steht eine Fotografie. Sie zeigt den toten Vater des Erzählers mitsamt einer Uhr. Lange weckte das Porträt nicht das Interesse des Sohns. Dann aber sucht der 17-Jährige die Geschichte hinter dem Bild zu ergründen: „Ich spürte den Verlust eines Menschen, dem ich nie begegnet war.“ Warum hat der Vater mit nur 24 Jahren den Tod gesucht? Wieso schweigt die Mutter so bitter über ihn? Und warum besitzt der Sohn nicht das einzige, was er vom Vater hätte erben müssen – eben diese Uhr?

Der Basler Schriftsteller Alain Claude Sulzer, Jahrgang 1953, schickt seinen Protagonisten zu Nachforschungen nach Paris, zu einem Patenonkel namens André. Er hat die Aufnahme gemacht, er besitzt auch die Uhr, die er dem Sohn zusammen mit Postkarten übergibt, die Emil ihm aus einer Nervenheilanstalt schrieb. Von den Eltern eingeliefert, verbrachte Emil hier Wochen in Schlafsälen voller Gestöhn und Gestank. Seine „Krankheit“ war der Verstoß gegen die kleinbürgerliche Normalität: seine Liebe zu Männern.

Die erste Erfüllung dieser Liebe hat Emil mit André erlebt. Eine in ihrer Diskretion großartige Liebesszene berichtet davon. André aber betrügt ihn bald. In der Anstalt lernt Emil die Arzt-Sekretärin Veronika kennen. Mit ihr flüchtet er nicht zuletzt vor seinem Selbstekel in die Ehe, begräbt seine Träume von einer Künstler-Existenz und wird Lehrer. Sulzer lässt den Sohn, er ist mittlerweile Gerichtsschreiber und selbst Vater, diese Spurensuche aus der Rückschau erzählen. Neben Kapiteln, in denen sich der Sohn bei seinen Rekonstruktionsversuchen selbst beobachtet, treten Passagen, in denen ein allwissender Erzähler die größtmögliche Nähe zur Gefühls- und Gedankenwelt des Vaters herstellt. Aus dieser Komposition ergibt sich eine wunderbare Zärtlichkeit im Ton, die Behutsamkeit einer auch mutmaßenden Annäherung, die nicht freibleiben kann vom Schmerz darüber, dass sich auch die eigene Existenz einer Art Täuschungsmanöver verdankt.

Sulzer brilliert hier einmal mehr als Miniaturist. Leicht wirkt dieses Erzählen, organisch und fließend. Und alles gelingt: die Schilderung des zähen Schweigens innerhalb der Familie, der Wut des Sohnes über jene, die den Vater zum Opfer gemacht haben, der Ekstase, in die der Beginn einer neuen Liebe den Liebenden stürzt. Diese Schilderung bildet den Höhepunkt des Romans. In einem ehelichen Frankreich-Urlaub ist Sebastian – Emils letzte, verhängnisvolle Liebe – diesem nachgereist. Es kommt zu einem erregenden Wiedersehen. Ins Tosen der Brandung hinein wird Emil den Namen des Geliebten rufen: ein Bild von Einsamkeit und ozeanischem Glück. Kirsten Voigt

Alain Claude Sulzer: Zur falschen Zeit. Roman. Galiani, Berlin 2011, 229 S., 18,95 €.

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