Kultur : Vater, Majestät, Tyrann

Salzburger Festspiele: Günther Krämer inszeniert Mozarts „Mitridate“

Jörg Königsdorf

Der runde Geburtstag ist zwar erst im nächsten Jahr, doch die Mozart-Feiern in Salzburg haben schon begonnen: Um das Jubiläumsprojekt „Mozart 22“, bei dem 2006 alle 22 Opern, Singspiele und Fragmente präsentiert werden sollen, überhaupt bewältigen zu können, stehen schon in diesem Festspieljahr mit dem frühen „Mitridate“ und der „Zauberflöte“ zwei der vier Opernpremieren im Zeichen des größten Sohns der Stadt. Auch wenn schon der Gedanke an Mozart-Massenspektakel einem den Schweiß auf die Stirn treibt – zumindest, was die Frühwerke angeht, könnte dieser Zyklus tatsächlich Erkenntnisgewinn bringen.

Nachdem die Übergangsphase zwischen der spätbarocken Opera Seria und der radikalen Opernreform im Fahrwasser Christoph Willibald Glucks in den letzten Jahren in den Fokus gerückt ist, nachdem Werke von Johann Adolf Hasse, Niccolo Jommelli und Tommaso Traetta sogar auf den Spielplänen ambitionierter Stadttheater auftauchen, ist die Zeit für einen neuen Blick auf den frühen Mozart reif. Denn während Dirigenten und Regisseure lange mit den Spätwerken der feudalen Opera Seria wenig anfangen konnten, ist die Gegenwart hellhörig für das Spannungsverhältnis zwischen Genuss, Ironie und schleichender Entfremdung geworden, das sich oft hinter den koloraturgeschmückten Schaufassaden versteckt. Zeit also, auch Mozarts frühe Opern nach den Haarrissen abzusuchen, die sich durchs theatralisch-soziale Gebälk ziehen, statt in ihnen nur Gesellenstücke auf dem Weg zur Meisterschaft zu sehen.

Zumindest in „Mitridate, Ré di Ponto“, dem Werk, mit dem der 14-jährige Jungstar 1770 Mailand eroberte, lassen sich eine Menge Sollbruchstellen entdecken. Schon die königliche Titelfigur ist alles andere als ein strahlender Herrscher: Mozarts Mitridate ist ein Despot orientalischer Prägung, der nach Gutdünken über Leben und Schicksal seiner beiden Söhne Sifare und Farnace verfügt. Der persönliche Vater-Sohn-Konflikt Mozarts, dem Regisseure wie Peter Konwitschny leitmotivischen Charakter zuweisen, kommt hier so direkt und krass zum Ausdruck wie später niemals wieder. Die beiden Brüder ihrerseits reagieren auf den väterlichen Druck unterschiedlich: Sifare versöhnlich, Farnace mit offener Rebellion. Dass beide auch noch in ihre präsumtive Stiefmutter Aspasia verliebt sind, macht die Geschichte vollends zum präfreudianischen Opernstoff. Und dass sich das alles auch noch vor dem Hintergrund der existenziellen Bedrohung des kleinen vorderasiatischen Königreichs Pontus durch das imperialistische Rom abspielt, gibt einen Bezugsrahmen, wie er aktueller kaum sein könnte.

Doch leider nutzt Günter Krämer, in den Neunzigerjahren einer der besten deutschen Opernregisseure, diese Chancen kaum und begnügt sich damit, auf der Open-Air-Bühne im Innenhof der Salzburger Residenz hübsches Mozart-Theater zu machen. Schon zur Ouvertüre balgen sich 16 Wolferl-Figuren mit lustig flatternden Rockschößen und sorgen auf der raffiniert verspiegelten Bühne von Jürgen Bäckmann für Festspielästhetik in Schwarzweißrot. Nett ist das und setzt die Zielrichtung des Abends: Prinzen in kurzen Hosen, Backfische unter sich – und Mozarts halsbrecherische Koloraturarien, deren überschwänglich heroischer Impetus in diesem Jugendclub-Umfeld zur pubertären Großmäuligkeit zusammenschnurrt. Der engagierte, bei vollem Bewusstsein der Lebensgefahr erfolgende Einsatz Farnaces für den Frieden mit Rom – bei Krämer wird er zur Besserwisserei eines Klassenprimus. Die Eifersucht des Königs auf seine Söhne – Krämer versucht sie nicht ansatzweise zu erklären. Sein Tyrann (mit brustbetontem Tenor: Richard Croft) bleibt ein Mann ohne Eigenschaften, sein Zorn ein dumpfer Theaterdonner, die Brutalität, in die Krämer das Spiel gegen Ende hin kippen lässt, wirkt nur mehr unbeholfen.

Großen Appetit auf die folgenden 21 Gänge macht diese Mozart-Vorspeise nicht. Auch weil Marc Minkowski am Pult seiner Musiciens du Louvre es oft beim bloß musikantischen Aufspielen belässt. Auch das klingt hübsch und hat den typischen Minkowski-Drive, sieht die Musik aber lediglich aus dem Selbstbehauptungswillen eines 14-Jährigen, der sein Publikum mit Knalleffekten überrumpeln will (eine Strategie, die durch das Zusammendrängen der Arien und die Kürzung der Rezitative noch verstärkt wird). Minkowskis Konkurrent Christophe Rousset hatte da auf seiner maßgeblichen Einspielung weit mehr Zwischentöne und Schattenzonen entdeckt und aus den Da-Capo-Arien erwachsene Menschen und große Gefühle herausgelesen.

Bis auf Miah Perssons verinnerlichten Sifare schaffen es auch die Sänger nicht, Glanz zu verbreiten: Netta Ors mit Überdruck agierende Aspasia, Bejun Mehtas outrierter Farnace – das ist nicht die Größenordnung, die ein Festival von diesem Prestige bieten muss – in der letzten Salzburger Aufführung dieser Oper hatte immerhin Vesselina Kasarova gesungen. Um Mozart zu ehren, muss man sich in Salzburg noch etwas mehr anstrengen.

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