Kultur : Vater morgana

Nation ohne Kinder: Für immer mehr Deutsche ist die Familie das Wichtigste im Leben. Aber immer weniger gründen eine

Christiane Peitz

Und dann war es zu spät. Er hatte lange studiert, wild gelebt und heftig geliebt, mit tausend Plänen und noch mehr Flausen im Kopf. Die Freiheit, die man meinte, damals in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Individuell sein, spontan, flexibel, unabhängig, lautete die Lebensmaxime. Kinder passten nicht ins Bild. Verantwortung übernehmen, verbindlich werden, das war was für Erwachsene. Erwachsenwerden wollte man noch lange nicht. Als man sich eines Tages dann doch von der eigenen Kindheit zu verabschieden begann, hat es bei der Partnerin mit dem Kinderkriegen nicht mehr geklappt. Die Last-Minute-Versuche schlugen fehl, das knapp bemessene Zeitfenster zwischen ewiger Ausbildung, spätem Berufseinstieg, ersten Alterserscheinungen und Rentenangst schlug zu.

Das Phänomen der Dauerpubertisten ist nur eine der Ursachen für den dramatischen deutschen Geburtenrückgang, der nach den Schreckensmeldungen vom Vorjahr (nur noch 1,4 Kinder pro Frau, jede vierte ist kinderlos, bei Akademikerinnen fast jede zweite) ungebrochen anhält: 2004 gab es 70000 Geburten weniger als 2003. Wegen der gefühlten Nähe zwischen Familienförderung und Hitlers Mutterkreuz – heute ist Muttertag, Nazi-Erfindung! – hielt die Politik sich lange zurück. Aber jetzt tut sie was: verbessert die Kinderbetreuung, unterstützt Alleinerziehende, macht Druck auf die Unternehmen wegen flexiblerer Arbeitszeiten, trommelt für Familien-Allianzen. Ministerin Renate Schmidt will nächstes Jahr mit dem Projekt Elterngeld in den Bundestagswahlkampf ziehen: einkommensabhängige Lohnersatzleistung für Väter und Mütter! Damit auch die Bessergestellten sich trauen, sich Kinder zu leisten.

Kann die Politik es überhaupt richten? Seit auch Väter Elternauszeit nehmen können und der Arbeitsplatz garantiert bleibt, wenn sie eine Weile zu Hause bleiben, machen gerade mal fünf Prozent davon Gebrauch. Und die jüngste Studie des Wiesbadener Instituts für Bevölkerungsforschung besagt, dass die Deutschen die K-Frage nicht nur immer öfter mit „später“ oder „vielleicht“ beantworten, sondern zunehmend mit einem klaren „Nein“. Jeder vierte Mann zwischen 20 und 39, also im idealen Vateralter, will gar keine Kinder, bei den Frauen sind es 15 Prozent. Noch 1992 hatten lediglich 10 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer keinen Kinderwunsch.

Das verblüffendste Ergebnis der Studie: Die Ursachen für das drastische Ansteigen der gewollten Kinderlosigkeit sind nicht in erster Linie Geldsorgen, Zukunftsängste und die schwere Vereinbarkeit von Karriere und Kinderei. Nein, es liegt am Single-Dasein. „Ich lebe allein und habe keinen festen Partner“. Das geben 83 Prozent der Twens und knapp 75 Prozent der 20- bis 39-Jährigen als Hauptgrund für die eigene Kinderlosigkeit an.

Lieben die Deutschen sich nicht genug? Ist das Kinderproblem in Wahrheit ein neues Männer-Frauen-Problem? Eine Frage der hohen, womöglich überzogenen Ansprüche an den Partner? Muss die Politik, wenn sie für sichere Renten sorgen will, jetzt Bundesagenturen für Partnervermittlung einrichten? Nicht nur beim Generationenvertrag, auch beim Geschlechtervertrag scheint in Deutschland, mehr als etwa in Frankreich, einiges im Argen zu liegen. Und auch bei den so genannten Werten.

Ein Beispiel: Das Ansehen der Hausfrau und Mutter ist gesunken, die berufstätige Frau genießt längst höhere gesellschaftliche Anerkennung und gilt auch sexuell als attraktiver. Aber als Lebensgefährtin, gar als Mutter der eigenen Kinder kommt sie irgendwie nicht in Frage: Gleichberechtigung gibt es im Zeitalter des Postfeminismus offenbar nur um den Preis der Mutterschaft. Oder des Ehekriegs: 80 Prozent der Hausarbeit entfällt nach wie vor auf die Frauen; frisch gebackene Väter verbringen statistisch 6 Minuten länger im Haushalt und arbeiten im Beruf mehr als vor der Geburt des Kindes. Paradox: Die traditionelle Rollenverteilung wird abgelehnt, im Alltag bleibt es trotzdem bei der klassischen Arbeitsteilung.

Auch die Bio-Variante des Feminismus mit ihrer Vergötterung der Mutter-Kind-Symbiose trug dazu ihren Anteil bei. Allmählich haben die Frauen aber keine Lust mehr auf den ganzen Stress, und die Männer sehen sich einer ähnlichen Doppelbelastung schlicht nicht gewachsen. Eine verwöhnte Nation. Die Deutschen machen sich gründlichst Gedanken, planen, wägen ab – und verwerfen. Die Unruhe, der Unterhaltsanspruch, die Gefahr des Karriereknicks: Da bleibt es besser bei der Kopfgeburt.

In der aktuellen Kinderdebatte wird gern die französische Top-Managerin Clara Gaymard erwähnt, Frau des dortigen Landwirtschaftsministers und Mutter von acht Kindern. Auf die Frage, wie sie Beruf und Elternpflicht vereinbaren könne, pflegt die konservative Katholikin zu antworten: „Fragen Sie doch meinen Mann, wie er das macht!“ Solches Selbstbewusstsein fehlt deutschen Müttern. Stattdessen plagt sie klammheimlich immer noch das schlechte Gewissen, auch wenn sich der Rabenmutter-Vorwurf in der Öffentlichkeit erledigt haben dürfte. Der Kopf ist willig, aber das Herz ist schwach. Wieder klaffen Ideal, Ideologie und Lebenswirklichkeit auseinander. Die für die Studie Befragten geben mehrheitlich an, es sei gut für Kinder, wenn sich nicht nur die eigenen Eltern um sie kümmern. Aber eine noch größere Mehrheit ist überzeugt, dass nur Papa und Mama das Kindeswohl garantieren können.

Ein harmonisches Zuhause, aufmerksam umsorgter Nachwuchs: Die klassische Triade Vater-Mutter-Kind ist der Wunschtraum der meisten Deutschen. Es ist ähnlich wie mit der Religion. Die Kirchen sind leer, aber der Petersplatz ist überfüllt. So hat auch die Zahl derjenigen, für die Familie das Allerwichtigste ist, in den letzten Jahren zugenommen. Trotzdem werden immer weniger gegründet. Wir leben ja längst anders: in Patchworkfamilien und Single-Haushalten, in gleichgeschlechtlichen Ehen, mit Scheidungskindern, getrennt- und alleinerziehend. Die reale Vielfalt der Lebensentwürfe wird von der Politik zunehmend anerkannt und einbezogen, vom Gefühlshaushalt der Deutschen aber offenbar nicht. Denn etliche dieser Lebensformen gelten nach wie vor bestenfalls als Notlösung für das Projekt vom privaten Glück. Derweil wächst die Sehnsucht nach der Kleinfamilie. Aber diese romantische Sehnsucht birgt kein Energiepotential, sie scheint im Gegenteil den Mut zu schwächen, es tatsächlich zu probieren. Vor lauter Wirklichkeit müsste man am Ende ja sein Ideal aufgeben.

Das Leben mit Partnern, mit Kindern bedeutet Durchwursteln, Ungewissheit, Risiko. Wir leben jedoch in risikofeindlichen Zeiten. Die Boom-Ära ist vorbei, man investiert und konsumiert derzeit nicht gerne. Deutschland spart. Es geizt auch mit Kindern. Vor allem die Männer.

Noch eine Studie: Männer mit Kinderwunsch beschreiben sich selbst als reif, stabil, gediegen und zuverlässig. Männer ohne Kinderwunsch halten sich für neugierig, umtriebig, spontan und clownesk. Sie glauben, solche Eigenschaften seien nicht gut für die Kleinen. Aber Kinder sind keine Projekte, die man gründlich und fleißig voranbringen muss. Sie sind auch nur Menschen. Und die wollen außer Liebe vor allem Spaß.

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