Kultur : Vaterfigur im Berliner Theater

Manfred Karge feiert morgen 70. Geburtstag

Christoph Funke

Zugegeben, das war ein Schreck. Im Februar 1971 hatten Manfred Karge und Matthias Langhoff in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Schillers „Räuber“ inszeniert. Unter Trommelgedröhn und mit einer ungestümen körperlichen Expressivität, die vorher nicht nur an dieser Bühne unvorstellbar war. Sinnliche Kraft sondergleichen kam zum Ausbruch, respektlos, aggressiv und frech wurde der Anspruch der Jugend gefeiert, mit Feuer und Schwert die Gebrechen der Gesellschaft zu heilen. Eine Kampfansage, 1971, in der DDR.

36 Jahre später. Im Berliner Ensemble kommt „Faustus“, ein von Karge verfasstes „Spiel zu dritt“ nach Christopher Marlowe zur Premiere. Naiv, freundlich und weise wird die Geschichte einer Versuchung erzählt, mit einem Hauch von Puppen- und mittelalterlichem Jahrmarktstheater. Karge als Faust, der das Stück auch inszeniert hat, erklärt die Welt, mit einem sanften pädagogischen Eifer, väterlich, einprägsam. Verschmitztheit dominiert, aber auch leise Trauer und maßvolle Resignation bleiben nicht verborgen. Diesen Alten, Klugen, Bedächtigen möchte man gern zum Freund und Verbündeten haben.

„Die Räuber“ und „Faustus“ – Klammer für ein an Erfolgen und Versuchen so überreiches Leben? Es ist nicht auf eine Formel zu bringen, was Manfred Karge in den Jahrzehnten seiner künstlerischen Arbeit geleistet hat. Die Kühnheit des Aufbruchs ist der Abgeklärtheit des Bescheidwissens jedenfalls nicht gewichen. „Mann ist Mann“ inszenierte er 2006 als pralles Jahrmarktsspektakel auf der Probebühne des BrechtTheaters, deftig, direkt, vergnüglich. Aber er verleugnet die Erfahrungen nicht, die er im politischen Geschehen und in seinem persönlichen Leben sammeln durfte und sammeln musste. Den Fleischkönig Mauler in Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zeigte Karge 2003 unter Peymanns Regie am Berliner Ensemble eben nicht nur als das blutdürstige Monster, sondern als einen Menschen, der mit der Rolle des Ungeheuers nicht mehr zurechtkommt.

Helene Weigel holte ihn 1961 direkt von der Schauspielschule ans Berliner Ensemble. Im Team mit Matthias Langhoff entstanden dort Brecht-Abende und Inszenierungen wie „Der Brotladen“ und „Sieben gegen Theben“, die einen neuen Ton in die Brecht-Rezeption der DDR brachten und heftigen Streit auslösten. Es folgten die Jahre an der Volksbühne unter Benno Besson (1971 bis 1978). Karge spielte, zum Teil in eigenen Inszenierungen, Hamlet, Othello und Hjalmar Ekdal in Ibsens „Wildente“. Die Zusammenarbeit mit Heiner Müller begann, die Volksbühne rückte ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

1978 verließen Karge und Langhoff die DDR, gingen nach Hamburg und dann nach Bochum, an das zu dieser Zeit herausragendste Theater im Westen Deutschlands unter Claus Peymann. Nach „Lieber Georg“, „Marie Woyzeck“, „Anatomie Titus Fall of Rome“ (Karge spielte in der Uraufführung den Bösewicht Aaron) und anderen bedeutenden Inszenierungen ging Karge 1986 mit Peymann nach Wien. Er inszenierte Brecht, brachte Elfriede Jelineks „Totenauberg“ zur Uraufführung. 1999 kehrte er ans Berliner Ensemble zurück.

Karge ist nicht nur Regisseur und Schauspieler, sondern auch eigenwilliger Dramatiker („Jacke wie Hose“, „Lieber Niembsch“, „MauerStücke“). Bis vor wenigen Jahren war er in Berlin auch Regie- und Schauspiellehrer – die Studenten der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ verehrten ihren Professor und vermissen ihn sehr, seitdem er in Ruhestand gegangen ist.

In Ruhestand? Für einen Künstler seines Formats gibt es das nicht. Der Faust-Stoff, oft bearbeitet, hat ihn nie losgelassen, als Regisseur nicht und nicht als Schauspieler. Karge ist mit Faust und Mephisto ein Suchender geblieben, den keine Lösung vollends zufriedenstellt, der weiter arbeitet an der Ergründung des Menschen in all seinen Irrungen und Wirrungen. Sensibler, verletzlicher als in jungen Jahren – die Schauspielerin Lore Brunner, Lebensgefährtin über viele Jahre, hatte ihm 2002 der Tod entrissen – bleibt er dem Theater eng verbunden.

Das Berliner Ensemble ehrt ihn zum 70. Geburtstag am 1. März mit zwei Abenden. Morgen interpretiert Karge mit dem Merlin Ensemble Wien „Die Geschichte vom Soldaten“ von Igor Strawinsky und „Des Teufels Geiger“ von Wynton Marsalis, am 2. März folgt eine Lesung seiner Groteske „Killerfische“ mit Hermann Beil auf der Probebühne.

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