Kultur : Vaterland und Muttersprache

Steffen Richter

staunt über literarische Versteckspiele Die Wahrheit, sagt Montaigne, hat nur ein Gesicht. Und die Lüge ist leider nicht einfach ihr Gegenteil. Nein, die Lüge hat hunderttausend Gesichter. Was geschieht, wenn ein vermeintlicher Lügner stirbt, bevor er zur Rede gestellt werden kann? So passiert es Jorge Edwards’ chilenischem Arzt im Pariser Exil. Eines Tages betrachten er und seine Gattin im „Musée d´Orsay“ Gustave Courbets berühmtes Aktgemälde „Der Ursprung der Welt“. Plötzlich fällt dem Doktor ein, dass die Dargestellte seiner Silvia ähnlich sieht. Und dass ihr gemeinsamer Freund Felipe ein notorischer Liebhaber der Aktfotografie ist. Als sich in der Wohnung Felipes auch noch ein Foto mit demselben Motiv findet, muss unser Arzt eine Liaison zwischen seiner Frau und seinem Freund vermuten. Der Chilene Edwards, den man bei uns bisher nur als Biografen seines Landsmanns Pablo Neruda kennt, ist ein kapitaler Autor. Nicht nur, dass er mehr als ein Dutzend Romane geschrieben und den prestigeträchtigen Premio Cervantes gewonnen hat. Als Abgesandter Salvador Allendes hat er die chilenische Botschaft in Havanna eröffnet, bevor ihn Fidel Castro zur Persona non grata erklärte. Morgen kommt Edwards mit „Der Ursprung der Welt“ (Wagenbach) ins Instituto Cervantes (19 Uhr 30).

Im Vergleich zu Edwards’ saturierten Exilchilenen führt die Erzählerin in Magdalena Felixa s „Die Fremde“ (Aufbau) ein eher unsicheres Leben. Ohne Aufenthaltsgenehmigung schlägt sich die Osteuropäerin durchs Berlin der Gegenwart. Da tut Täuschung Not, mal nennt sie sich Selene, mal Hanna oder Alice. Wie viele, die hier gestrandet sind, hat sie „keine Muttersprache“, dafür „sieben Stiefmuttersprachen und kein Vaterland“. Vor allem aber besitzt sie einen genauen Blick für das raue Hauptstadtklima. Am 5.5. tritt die Polin Felixa zusammen mit Arno Orzessek („Schattauers Tochter“) in Britta Gansebohms Literatursalon im BKA-Theater (Mehringdamm) zu einer Doppellesung an (20 Uhr) .

Dass Familiengeschichten oft mit Lügen gepflastert sind, weiß Ines Geipel bestens. Im Sommer ’89 besteigt ihre Protagonistin den Zug und fährt über Prag nach Budapest. Dabei denkt sie über die Deformationen nach, die von einer Generation zur anderen weitergegeben werden. Während Westdeutschland ausgiebige politische Generationsdebatten erlebt hat, konnte das Thema im Osten Anstoß erregen. Schließlich hätte auch von jenen NS-Vätern und -Großvätern die Rede sein müssen, die, über Nacht geläutert, fleißig am Sozialismus werkelten. Am 4.5. sucht Geipel im Literaturhaus (20 Uhr) mit ihrem zweiten Roman „Heimspiel“ (Rowohlt Berlin) die Wahrheit hinter den Lügen.

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