Kultur : "Vaterspiel": Josef Haslingers Roman erzählt von der Unmöglichkeit zu verzeihen

Claudia Keller

Wirklich umbringen wollte er ihn nicht, seinen Vater, das "Schwein". Obwohl er ihn schon tausend Mal geschlachtet, gevierteilt und erwürgt hat. Auf dem Computer, nur so zur Entspannung. Dafür hatte er sich ja eigens das "Vatervernichtungsspiel" gebastelt. Wirkliche Pläne auszuarbeiten und zielstrebig umzusetzen, liegt Rupert Kramer gänzlich fern. Ihn schickt Josef Haslinger in seinem neuen Roman "Vaterspiel" hinaus in die weite Welt, auf dass er sich innerlich bilde und als besserer Mensch zurückkehre. So ähnlich war es seinerzeit auch schon dem Zögling Törleß ergangen.

Rupert ist aber kein Internatsstudent, sondern ein Wohlstandskind. Er ist kein Aussteiger, schon gar kein Revoluzzer. In den Augen seines Vaters gilt er als Versager, einer, der den ganzen Tag nur rumhängt, nichts tut oder vor dem Computer "verblödet". Aber natürlich hat auch dieser Knabe seine Leidenschaften: die lateinische Sprache, die Frauen - was nur selten auf Gegenseitigkeit beruht - und den Computer.

Rupert sitzt im Flugzeug nach Amerika, auf dem Weg zu seiner Studentenliebe Mimi, die ihn nicht für ein erotisches Abenteuer braucht, sondern für einen alten Nazi, dessen Vater Politiker in Litauen war, bevor die Russen und die Nazis und Tausende von Juden, darunter Jonas Shtrom - Chicago ... stopp. So weit sind wir noch nicht.

Bevor Rupert Kramer mit 35 Jahren in die Welt hinausfährt, muss erst das heimische Nest in Trümmern fallen. Der Vater, ein Karrierist, der es bilderbuchmäßig vom Vorsitzenden des Sozialistischen Studentenbundes zum sozialdemokratischen Verkehrsminister gebracht hat, muss erst über seine Geschäfte mit der Industrie stolpern und auf dem Weg eine Geliebte aufgabeln. Die Mutter muss erst wegen der Jüngeren verlassen werden. Und der ebenso bilderbuchmäßige Vater des Herrn Minister, Handwerker, Kommunist und KZ-Opfer, darf natürlich die Welt nicht mehr verstehen, als er den Sohn in seiner neuen Villa besucht. Dieses "Ausstellungsgelände" in reinem Weiß symbolisiert die Selbstzufriedenheit und den Größenwahn der österreichischen Sozialdemokratie. "Ein sozialdemokratischer Politiker dürfe sich in seinem Lebensstil nicht so weit von seinen Wählern entfernen", meint der Großvater. Ach!

Typen statt Einzelschicksale

So ist dem schlauen Leser natürlich schon beim Einzug in die Villa klar, dass die Familie in die Brüche gehen, der Minister sich immer tiefer im Korruptionssumpf verstricken und schließlich darin ertrinken wird. Wie die österreichische Sozialdemokratie eben auch, will uns Haslinger damit sagen. Überhaupt ist in dem Buch vieles allzu absehbar. Die Beschreibungen geraten oft zum puren Klischee. Daran ändert auch nichts, dass die Geschichten nicht linear erzählt, sondern oft ineinander vermischt und durch Gesprächsprotokolle unterbrochen werden.

Wahrscheinlich will Haslinger keine Einzelschicksale, sondern Typen darstellen, die größere Zusammenhänge repräsentieren. Aber dabei bleiben die Charaktere merkwürdig flach. Die Story kommt über weite Strecken nicht richtig vom Fleck, um dann plötzlich Sprünge zu machen, die unglaubwürdig bleiben, weil man die Motivation der Figuren nicht kennt.

Parallel zur Geschichte der sozialdemokratischen Wiener Familie wird die einer jüdischen Familie in Litauen während der dreißiger Jahre erzählt. Aber auch ihr Schicksal vermag nicht wirklich zu berühren, weil die Schilderung wie abgespult wirkt. Der einzige aus der Familie, der die Deportation durch die Nazis überlebt, ist Jonas Shtrom. Nach dem Krieg gibt er den erlebten Horror zu Protokoll. Litauen habe er ausgewählt, erklärte Haslinger jüngst in einem Interview, weil sich dieses Land ähnlich wie Österreich lange Zeit der eigenen Verstrickung in den Nationalsozialismus nicht stellte.

Was das nun mit den Kramers in Wien zu tun hat? Die Großnichte des gesuchten Massenmörders Algis Munkaitis ist die Studienfreundin Mimi, die Rupert Kramer in Amerika besuchen will. Das weiß er natürlich noch nicht, ebenso wenig, dass er dort helfen soll, das Versteck des mittlerweile 78-jährigen Nazis auszubauen.

Ach, diese Unpolitischen

Nur zehn Seiten weiter überlegt er es sich dann aber doch anders: "Mimi ergriff über den Tisch hinweg meine beiden Hände und blickte mir in die Augen. Und ich dachte mir, diese schöne Frau hier, deren Geschmack ich heute noch im Mund spüre, bittet mich um einen Gefallen und ich werde ihr diesen Gefallen erfülllen. Ich bin kein Richter, und der alte Mann geht mich im Grunde nichts an. Egal, was er gemacht hat, er muss nicht in einem Kellerloch verrecken, er darf würdig sterben."

Tja, so ist sie eben, die junge unpolitische Generation, denken Sie jetzt wahrscheinlich. Aber ist sie wirklich so? Ist Rupert über den Computerspielen und seinem frustrierten Sexualleben wirklich jegliches ehtische Verantwortungsbewusstsein abhanden gekommen? Oder macht es sich Haslinger da nicht doch etwas zu leicht? Und diese Mimi, eine junge und erfolgreiche Journalistin - lässt sie Haslinger doch schließlich als Ausweis ihrer Liberalität sogar mit Schwulen befreundet sein - die deckt einen Nazi? Nur weil er ihr Großonkel ist? "Die Geschichte fällt Rupert auf den Kopf", erklärt Haslinger. Aber Rupert selbst ist ja nicht auf den Kopf gefallen. Leider erfährt man nicht mehr über den Gesinnungswandel von Rupert und Mimis Familientreue.

Das Buch läuft auf die Begegnung von Rupert und Algis Munkaitis zu, der ihm nach Wochen des Schweigens plötzlich bereitwillig über seine Verbrechen Auskunft gibt. Als es dann soweit ist, erreicht das Buch nicht nur dramaturgisch seinen Höhepunkt. Es ist die einzige Stelle im ganzen Roman, an der eine Person mit all ihrer Hilflosigkeit und Zwiespältigkeit geschildert wird. Rupert hört zu, will fliehen, geht am Strand spazieren, besäuft sich, kommt zurück, hört weiter zu. In dem Moment passiert etwas mit ihm, ohne dass das "was" im nächsten Absatz erklärt oder moralisch beurteilt wird. Und das ist gut so. Rupert lernt am Ende etwas fürs Leben und kehrt tatsächlich als ein anderer nach Wien zurück.

Erst auf den letzten zwanzig Seiten begreift man, dass es in dem Buch eigentlich um Schuld, Rache und Verzeihung geht, also um viel größere Themen als die Korrumpierbarkeit der österreichischen Sozialdemokratie. Vor allem die Unmöglichkeit und Unfähigkeit zu verzeihen, stehen im Mittelpunkt. Weil keiner mit keinem spricht, oder wenn, dann nur in Phrasen, keiner nachfragt, keiner erklärt.

In seinem Essay "Die Politik der Gefühle" hat Josef Haslinger vor einigen Jahren den heutigen Politikern Verantwortungslosigkeit und einen Mangel an Argumenten, Debatten und wirklichen Auseinandersetzungen vorgeworfen. Wie es auf zwischenmenschlicher Ebene dazu kommen kann, führt er uns jetzt vor. "Vaterspiel" ist ein sehr ernsthaftes, sehr moralisches Buch. Eines, das leider daran krankt, dass es zuviel auf einmal anprangert und darüber den Blick fürs Detail und fürs Subtile verliert.

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