Kultur : Vatertagin Washington

HARALD MARTENSTEIN

Pilgerfahrt: Spike Lees moralisches Roadmovie "Get on the Bus" VON HARALD MARTENSTEINAlle Filme des amerikanischen Regisseurs Spike Lee könnten den gleichen Titel tragen.Er hat ihn einem seiner Frühwerke gegeben: "Do the right thing", tu das Richtige.Das paßt immer bei Spike Lee.Die richtige Sache, sein Anliegen, ist das Selbstwertgefühl der schwarzen Amerikaner, ihr Stolz, ihre Kultur, ihr Kampf um Würde.In der ersten Garnitur der Filmregisseure ist Spike Lee vielleicht der letzte, der genau zu wissen glaubt, was richtig und was falsch ist, gut oder böse.Seine Filme sind, im günstigsten Fall, pädagogisch.Im ungünstigen Fall sind sie Agitprop, wie "X", die Apotheose des Black-Muslim-Führers Malcolm X.Für das schwarze Kulturestablishment in Amerika ist Lee zu seinem liebsten Herrgottschnitzer geworden.Um ihn diesen, seinen neuesten Film machen zu lassen, mußten sie den Klingelbeutel herumgehen lassen: Zu den Finanziers gehört unter anderem der schwarze Action-Star Wesley Snipes.In den Kinos hat Spike Lee nämlich seit längerem keinen Hit mehr gelandet. In "Get on the Bus" - schon wieder ein Titel in Befehlsform! - geht es um den "Million Man March", den der schwarze Führer, der "Nation of Islam"-Boss Louis Farrakhan 1995 veranstaltet hat: eine Massendemonstration nach Washinghton, über deren Teilnehmerzahl die Schätzungen, je nach Hautfarbe, weit auseinandergehen.Farrakhan ist ein Weißenhasser und Antisemit, der über Hitler und über Gaddafi freundliche Worte gefunden hat.Frauen durften an dem Marsch nicht teilnehmen, ein politischer Vatertag also (ohne Alkohol).Trotzdem läßt sich dieses Ereignis nicht ohne weiteres mit dem Hinweis auf den fanatischen Volkstribun Farrakhan abtun: längst nicht alle Teilnehmer waren Anhänger der "Nation of Islam".Die Marschierer stellten keine konkreten Forderungen, sie wollten sich stattdessen ihrer selbst vergewissern, ihrer Zahl, ihrer gemeinsamen Interessen, ihres Lebensgefühls.Der "Million Man March" war ein schwarzes Woodstock, wenngleich ohne Girls. Lee beschreibt die 3000-Meilen-Fahrt eines Busses, Richtung Washington.In diesem Bus versammelt er, wie in einem Labor, verschiedene schwarze Lebensentwürfe und läßt die Protagonisten ihre Konflikte austragen, bis - erwartungsgemäß, bei einem so moralischen Werk - der Opfertod als großer Versöhner auftritt.Da gibt es den Schauspieler, der auf den entscheidenden Anruf seines Agenten wartet, das schwule Paar, den sympathischen Alten, den seine Firma herzlos auf die Straße gesetzt hat, den hellhäutigen Polizisten, Sohn einer weißen Mutter, dessen Vater von einer schwarzen Street Gang erschossen wurde, den zum Moslem geläuterten Straßengangster.Und den Jungfilmer mit Videokamera.Die dramatisch und emotional ergiebigste Konstruktion des Drehbuches ist ein Vater, der - auf richterliche Weisung - seinen halbwüchsigen Sohn 72 Stunden lang mit Handschellen an sich fesseln muß.Der Junge hat einen Laden ausgeraubt, der Vater hatte die Familie bei seiner Geburt verlassen.Solch alttestamentarische Maßnahmen gehören neuerdings tatsächlich zum Repertoire der amerikanischen Justiz, wie Lee in Berlin versicherte.Die beiden zentralen Metaphern des Films werden in diesem Bild miteinander verbunden: einerseits die Väter, die tot sind, oder abwesend, oder die sterben, andererseits die Ketten der Sklaverei, die im ersten Bild zu sehen sind und am Ende zerbrochen vor einem Denkmal des Abraham Lincoln liegen. "Get on the Bus" ist episches Theater.Ein Thesenfilm.Seine Figuren treten als Apostel ihres Regisseurs auf, nur in dieser Hinsicht sind sie für Lee interessant.Sie haben nichts, was über ihre Funktion in genau dieser Geschichtenkonstruktion hinausweist.Allerdings schlägt sich Lee nicht eindeutig auf die eine oder die andere Seite.Das Publikum bleibt frei in der Wahl seines Symathieträgers - solange es sich nicht um jenen Autohändler, Zigarrenraucher und Republikaner handelt, eine nahezu klassische Kapitalistenkarikatur, die nur deswegen nach Washington fahren möchte, um dort unter den Demonstranten geschäftliche Kontakte zu knüpfen.Judas! Er wird aus dem Bus geworfen.Ein liberaler, jüdischer Busfahrer wird etwas pfleglicher behandelt: Er sieht ein, daß er hier nichts verloren hat und verschwindet freiwillig in der Dunkelheit eines Parkplatzes.Zuvor hatte er vor seinen Passagieren mit dem Hinweis auf sechs Millionen ermordete Glaubensgefährten aufgetrumpft, aber da war er an die Falschen geraten.60 Millionen ermordete schwarze Sklaven! Weltrekord! In der Berliner Pressekonferenz klagte Spike Lee.Ihm werde vorgeworfen, daß all seine Filme in einem schwarzen ("afroamerikanischen") Kontext stehen.Bei Kurosawa würden doch auch immerzu Japaner auftreten, Fellinifilme seien doch auch italienisch, ganz und gar! Der Unterschied besteht wohl darin, daß Fellini sich für die Italiener nicht in erster Linie deshalb interessiert hat, weil sie Italiener sind.Fellinis Thema sind Menschen, nicht Italiener.Spike Lees Menschenbild ist anders, tribalistisch vielleicht. Es spricht für Lees inszenatorische Instinkte, daß sein Film trotzdem über einige Strecken unterhaltsam wirkt, manchmal sogar leicht."Get on the Bus" will auch ein Feel-Good-Movie sein, das Dokument des schwarzen Woodstock.Die allschwarze Harmonie, die Lee feiern möchte, kann er aber nur um einen Preis erreichen: Farrakhan, an dem die Geister sich radikal scheiden, darf nicht auftreten.Der Bus darf nicht ankommen.Die privaten Konflikte der Passagiere lassen sich zum Finale hin glätten, dem politischen Konflikt muß Lee ausweichen.So enden beide Unternehmungen, die Busfahrt wie die Inszenierung, im Ungefähren, im Niemandsland der wohlfeilen Bekenntnisse und Predigten - gegen Gewalt, gegen Drogen, für Gemeinsinn.Die letzte halbe Stunde gehört dem Sermon.Und das letzte Wort lautet "Amen".Es klingt, in diesem Zusammenhang, nicht christlich, sondern pfäffisch.

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