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Vatikan : Der heilige Schein - Abgründe und Geheimnisse

05.06.2011 16:09 Uhrvon

Corrado Augias zeigt in den „Geheimnissen des Vatikan“ die Abgründe geistlicher und politischer Macht

Der Jesuit Eberhard von Gemmingen, bis 2009 als Redaktionsleiter bei Radio Vatikan so etwas wie die deutsche Stimme des Papstes, meinte einmal, das Wichtigste am römischen Kirchenstaat sei seine Mauer. „Denn ohne diese Mauer gäbe es keine Geheimnisse um den Vatikan.“ Jeder würde dann sehen, „wie langweilig“ es dahinter zugehe.

Nun kann man, rechtzeitig bevor Papst Benedikt XVI. im Herbst nach Deutschland und erstmals auch offiziell nach Berlin kommt, das Gegenteil lesen. Corrado Augias, ein durch eigene Fernsehsendungen, politisch-kulturhistorische Bücher und Kriminalromane zu einigem Ruhm gelangter römischer Publizist, hat vor zwei Jahren in Italien seine „Segreti del Vaticano“ vorgelegt.

Angeblich wurde, während er das Buch verfasste, von kirchlicher Seite versucht, Druck auf Augias und den zum Berlusconi-Imperium gehörenden Mondadori-Verlag auszuüben. Doch offenbar ohne Erfolg: Augias, ein bald siebzigjähriger ergrauter Herr von aristokratischem Habitus, prangte lebensgroß in den Schaufenstern vieler italienischer Buchhandlungen – und jetzt hat der Münchner Verlag C.H. Beck „Die Geheimnisse des Vatikan“ auf Deutsch vorgelegt. Mit dem Untertitel „Eine andere Geschichte der Papststadt“.

Natürlich bedeutet dieses „Andere“ eine ironische Koketterie. Denn in Verbindung mit dem Lockwort „Geheimnisse“ wird wohl niemand von dem kriminalistischen Historiker Augias – Nomen est omen! – eine lammfromme Kirchenstaatslehre erwarten. Zumal vor zwei Jahren erst Augias’ „Geheimnisse Roms“, gleichfalls übersetzt und kommentiert von seiner deutschen Entdeckerin, Sabine Heymann, erschienen sind. Man muss auch kein intimer Kenner der Renaissance-Päpste, der Inquisitionsgeschichte oder Leser nur von Romanen wie André Gides „Verliese des Vatikans“ oder Dan Browns Thriller „Illuminati“ sein, um halbwegs zu wissen: Die Ewige Stadt und ihr auf Gott und noch mehr auf die Welt gebauter Stadt-Staatsteil am westlichen Tiberufer ist hinter allem heiligen Schein ein ewiger Abgrund. Ein Hort von Intrigen, Mord und Kriegen, von nur allzu menschlicher Heuchelei, Gier, Geilheit – und dies oft im Gewand eines fabelhaften kulturellen und rituellen Reichtums.

Der Pontifex scheint dabei im öffentlichen Glanz immer über dem Politiker zu schweben, der neben einer religiösen Wahlmonarchie eben auch ein so säkulares wie sonderbares Staatswesen regiert. Der Vatikan bildet auf weniger als einem Quadratkilometer rund um den Petersdom, die Sixtinische Kapelle und die Gärten, Museen und Palazzi innerhalb der vatikanischen Mauern den mit Abstand mächtigsten Kleinstaat der Welt. Eigentlich leben auf seinem Kerngebiet dauerhaft nur etwa tausend Menschen, von denen zurzeit nicht einmal 600 Personen (Männer, Frauen und Kinder) die vatikanische Staatsbürgerschaft besitzen.

„Wie viele Divisionen hat der Papst?“, fragte einst Stalin. Die vatikanische Armee, seit über 500 Jahren von der Schweizer Garde gestellt, verfügt nur über gut 100 Mann, auf eine eigene Flotte und Luftwaffe hat die Kurie verzichtet – noch heute geschützt und vom Steuerrecht bis hin zur eigenen Justiz privilegiert durch Abkommen mit dem italienischen Staat, zuletzt 1929 zu Mussolinis Zeiten. Zwar sind auch jenseits der vatikanischen Mauern zahlreiche Kirchen und Liegenschaften in und um Rom im unmittelbar kirchenstaatlichen Besitz (so die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo). Aber jenseits aller spirituellen Kraft und Oberhirtenschaft über Gläubige, Kirchen, Klöster und Orden in aller Welt wächst der römische Zwergstaat zu seiner wahren und kaum überschaubaren Größe und Macht durch ganz andere Mächte.

„Vatikanistan“ hatte Alexander Smoltczyk, Rom-Korrespondent des „Spiegel“, vor drei Jahren seine „Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt" überschrieben. Das klingt nach Absurdistan, und Smoltczyks Buch war so lehrreich wie witzig. Augias ist eher wuchtig. Auch sein voluminöses Werk steckt voller Grotesken, aber es sind doch meist blutig tragische. Das erste von 16 Kapiteln plus einem die aktuellen Affären um sexuellem Missbrauch behandelnden Nachwort widmet er Nero und der „Geburt des Christentums“. Doch warum die Verfolgung einer von vielen damaligen Sekten, die der wilde Kaiser als Sündenbock für den mysteriösen Brand von Rom im Jahr 64 erkoren hatte, die Christenheit „geboren“ (oder, nach dem Kreuztod ihres Stifters, korrekter gesagt: wiedergeboren) haben soll, macht Augias nicht recht deutlich. Es ist das eine seiner vielen, oft originellen, immerzu geistvollen, aber mitunter auch etwas sprunghaften Thesen.

Das Buch folgt ohnehin keiner Chronologie, sondern mäandert durch die Epochen, in bewusst harten thematischen Schnitten. Mal beleuchtet Augias die Historie der Schweizergarde, dann die mit Überraschungen erzählte Barock-Vita zweier Genies und Rivalen, des Architekten Borromini und des für Rom so prägenden Meisterbildhauers Bernini. Es gibt ein Kapitel über die Fälschung der Urkunde, mit der schon Kaiser Konstantin dem Papst im vierten Jahrhundert das gesamte weströmische Reich vermacht haben soll. Das ist historisch freilich lange bekannt. Man weiß da so wenig wie beim Sturz des Templerordens, warum dies zu den „Geheimnissen“ des Vatikans zählt.

Der eigentliche, blutig rote Faden ist vielmehr „das ewige Dilemma zwischen unvereinbaren Zielsetzungen: der politischen Macht und der spirituellen Verpflichtung“. Diesen Zwiespalt zwischen Weltlichkeit und Geistlichkeit zeigt Augias durchweg als Abgrund. Und wenn es dabei ums Kriminalistische geht, erzählt der Autor am spannendsten – unterstützt von der Übersetzerin Sabine Heymann, die die deutsche Fassung gegenüber dem italienischen Original mit zusätzlichen Anmerkungen und vielen nützlichen Ergänzungen versehen hat.

Natürlich fehlt im Neuzeitlichen weder das taktische öffentliche Schweigen von Pius XII. angesichts der Shoa noch das ungeklärte plötzliche Ende von Johannes Paul I. im September 1978, nach nur 33 Tagen Pontifikat. Mit eindrücklichen Details entwirft Augias das Bild eines Oberhirten, der zum Entsetzen der Kurie offenbar plante, die politische und wirtschaftliche Macht des Vatikan zu beschränken. Was Augias immer wieder zu den internationalen Verstrickungen der Vatikanbank IOR und zur Rolle der weltweit operierenden Organisation Opus Dei erzählt, wirkt erschütternd. Es ist das meiste (wie der Fall des 1982 unter einer Londoner Brücke erhängten Bankiers Roberto Calvi) nicht neu, aber aus vielen verstreuten Quellen fundiert zusammengetragen. Dabei geht es um Geldwäsche, Morde und Mafia, um das Zusammenspiel mit Geheimdiensten und geschmierten Politikern – und zugleich um die Privilegien des „Heiligen Stuhls“, der sich jeder Zusammenarbeit mit der Justiz Italiens oder anderer Staaten entzieht und Akten, Konten, Computer selbst beim Verdacht auf Schwerkriminalität nicht zur Einsicht freigibt.

Zum echten Thriller wird das bis heute nicht aufgeklärte Verschwinden der zwölfjährigen Emanuela Orlandi, ein Kind von vatikanischen Staatsbürgern, das im Juni 1983 in Rom vermutlich Opfer eines Sexualverbrechens wurde. Die Affäre wurde von höchsten Kurienkreisen, bis hin zu unfasslichen öffentlichen Äußerungen von Papst Johannes Paul II., vertuscht und als nahöstlicher Racheakt im Zusammenhang mit dem Attentat des Türken Mehmet Ali auf den polnischen Papst ausgegeben.

Vor allem die Rolle von Karol Wojtyla und des jetzigen „Papstes Ratzinger“ (Augias) erscheint in zahlreichen Affären als fragwürdig. Interessant etwa, wie Wojtyla offenbar skrupellose Allianzen einging, um den antikommunistischen Widerstand der Solidarnosc-Bewegung in seiner Heimat finanziell zu unterstützen. Als heutiger Leser denkt man dann, hier fangen die bald zweitausendjährigen „Geheimnisse des Vatikan“ erst an.



– Corrado Augias:

Die Geheimnisse des Vatikan: Eine andere Geschichte der Papststadt. Aus dem Italienischen von Sabine Heymann. Verlag C.H. Beck, München 2011, 496 Seiten, 22,95 Euro.

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