Vatikan-Dokument : Die Tempelritter waren keine Ketzer

"Ich konnte kaum glauben, was ich da entdeckt hatte", sagte die italienische Wissenschaftlerin Barbara Frale, die durch Zufall auf ein mittelalterliches Dokument gestoßen ist. Demnach muss die Geschichte um den einst mächtigsten Kreuzritterorden der Templer umgeschrieben werden.

Carola Frentzen[ddp]

Rom"Capti tenantur et ecclesiae iudicio preserventur": Dies war am 14. September 1307 der Aufruf dazu, alle Mitglieder des mächtigen, legendären Templerordens zu verhaften, gefangen zu halten und dem Urteil der Kirche zuzuführen. Philipp der Schöne von Frankreich hatte den Haftbefehl angeordnet. Durch die Vernichtung der Tempelritter wollte sich der verschuldete König unter anderem deren reiches Vermögen und sämtliche Güter des Ordens aneignen. Die Templer wurden der Ketzerei bezichtigt, verfolgt, eingekerkert und gefoltert. 700 Jahre galt es als sicher, dass die mysteriösen Herren der "armen Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel" tatsächlich als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Ein lange verschollenes Dokument belegt nun erstmals, dass Papst Clemens V. den Würdenträgern des Ordens aber bereits 1312 die Absolution erteilt hatte.

Die italienische Wissenschaftlerin Barbara Frale (37) hatte das Dokument im Jahr 2001 zufällig im vatikanischen Geheimarchiv gefunden. Es war lange unentdeckt geblieben, weil es falsch archiviert worden war. "Ich konnte kaum glauben, was ich da entdeckt hatte", meinte Frale später. Am 25. Oktober wird das brisante Schriftstück zusammen mit einer Reproduktion der Prozessakten in dem Buch "Processus contra Templarios" der Öffentlichkeit vorgestellt. Das vom Vatikanischen Geheimarchiv vorgelegte Werk erscheint in nur 799 Exemplaren.

Die Tempelritter müssen den Papst überzeugen

"Bei dem Dokument handelt es sich um die Abschrift einer Befragung des Großmeisters und anderer Würdenträger der Templer durch Gesandte des Papstes", sagte Frale kürzlich der Zeitung "Il Giornale". Die Anhörung wurde in der Burg Chinon an der Loire durchgeführt, wo die Ordensoberen gefangen gehalten wurden.

Der König hatte seine Anklagen vor allem darauf gestützt, dass die Tempelritter bei seltsamen Ritualen das Kreuz bespuckten und Christus verleugneten. Jedoch konnten die Templer bei der Befragung den Papst davon überzeugen, dass ihre suspekt wirkenden, altertümlichen Riten nicht blasphemisch und sie somit keine Ketzer waren. Dem "Pergament von Chinon" zufolge - wie das Dokument offiziell heißt - hatte Clemens V. damals die Buße der Tempelritter akzeptiert und ihnen deshalb die Absolution erteilt.

Um den Kreuzritterorden ranken sich bis heute unzählige Geschichten, oft diente er Romanen und Hollywood-Filmen als Inspiration. "Fans des mystisch-esoterischen Genres läuft beim Gedanken an das Buch schon das Wasser im Mund zusammen", meinte die Turiner Zeitung "La Stampa" zuletzt. Schließlich stammt das "Pergament von Chinon" genau aus dem Jahr, in dem Clemens V. den Templerorden auf massiven Druck von Philipp dem Schönen auflöste. "Er hat den Orden zwar aufgelöst, aber er hat ihn nie verurteilt", erklärte jetzt der italienische Historiker Franco Cardini.

Verbrannt oder im Kerker

Der Templerorden war 1118 durch Hugo von Payens, Gottfried von St.Omer und sieben weiteren Rittern aus Frankreich gegründet worden, um die Straßen des Heiligen Landes für die christlichen Reisenden zu sichern und die Heiligen Stätten zu verteidigen. Ihre Zentrale lag zunächst in der eroberten al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg, woher der Name des Ordens rührt.

Mit der Zeit wurden die Tempelritter zum mächtigsten und reichsten Orden der christlichen Welt. Erst durch Philipp den Schönen und die Inquisition nahte das Ende, als im 14. Jahrhundert unzählige Mitglieder im Kerker oder unter der Folter zu Tode kamen. Wer ein unter Folter erpresstes Geständnis später widerrief, landete zudem in Frankreich als rückfälliger Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Als letzter Großmeister der Templer wurde im März 1314 Jacques de Molay in Paris verbrannt. Einer Legende zufolge soll er auf dem Weg zum Scheiterhaufen sowohl den König als auch den Papst mit einem Fluch belegt haben. Beide starben innerhalb eines Jahres.

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