Vatikan verleiht Kunstschätze nach Sharjah : Aus dunklen Quellen ans Licht

Ein einmaliger Vorgang: Im Emirat Sharjah am Golf zeigt der Vatikan Schätze aus seinen ethnologischen Sammlungen - ein starkes Statement.

Werner Bloch

Der Koran kann verdammt klein sein. Kaum größer als ein Daumennagel zum Beispiel die Mini-Ausgabe, die jetzt im arabischen Emirat Sharjah zu sehen ist, hergestellt in Schottland, wo sich der Drucker David Byrne auf die Produktion von Mini-Büchern spezialisiert hatte. Erstaunlich, dass dieser Koran sogar im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam. Er wurde Muslimen aus den englischen oder französischen Kolonien, die an die Front abkommandiert wurden, ins Gepäck gegeben, als praktische, raumsparende Möglichkeit, im Hagel der Granaten Zwiesprache mit Allah zu halten.

Und nun also Sharjah, das Nachbaremirat des grellen, immer lärmenden und um Aufmerksamkeit buhlenden Dubai. In Sharjah versucht man nicht krampfhaft, Weltrekorde zu brechen, man braucht keinen Bourj Khalifa, auf dem ein Tom Cruise herumklettert, keine Formel Eins wie in Abu Dhabi. Sharjah, in diesem Jahr Hauptstadt der islamischen Welt, besinnt sich auf Kultur und präsentiert, ganz still und bescheiden, ohne einen Dinar Werbung, eine Ausstellung, wie es sie noch nicht gegeben hat: das erste gemeinsame Projekt mit dem Vatikan, der erste Ausflug des Katholizismus in die arabische Welt. Eine Sensation.

Schätze aus dem Ethnologischen Museum des Vatikans

„Wir hatten nur ein Jahr, um diese Schau vorzubereiten“, sagt Ulrike al-Thamis, die seit 2008 das Museum für Islamische Kunst leitet und den Emir in Kulturfragen berät. „Wir fanden viele Stücke, die Rom nie verlassen haben und auch sonst teilweise noch nie zu sehen waren.“ Mit ihren Kollegen ist sie nach Rom gefahren und hat im Ethnologischen Museum des Vatikans Schätze ausgegraben. Krüge aus China, die auf der Seidenstraße nach Europa kamen und auf denen sich arabische Inschriften mit Lotosblüten verbinden, dem Symbol des Buddhismus, wertvolle Dolche von Drusen, aus dem heutigen Syrien, Teppiche, Ketten aus dem 12. bis 19. Jahrhundert; viele Gegenstände, die auch die Alltagswelt des Islam repräsentieren.

Wie aber gelangten die Objekte ins eher unislamische Rom? Erfunden hat das alles der Vatikan, Papst Pius XI. 1925 veranstaltete er eine Art kulturelle Weltausstellung, zu der ihm „Geschenke“ aus allen Teilen des Planeten geschickt wurden. So besitzt der Vatikan heute eine erstaunliche Menge an afrikanischen Masken, während diese Masken seit den dreißiger Jahren aus Afrika praktisch verschwunden sind.

Man findet in Rom Kunstwerke der australischen Aborigines ebenso wie der Einwohner Südamerikas, Asiens und Polynesiens. Bunter, globaler geht es nicht. Und keiner wusste, wohin mit all den Objekten, 100000 an der Zahl. 1926 verfügte Seine Heiligkeit die Einrichtung eines Ethnologischen Museums, das im Lateranpalast bis in die sechziger Jahre existierte. Dann sollte ein neues Museum gebaut werden, doch immer wieder kam es zu Schließungen, wirklich offen war dieses Museum nie.

Vatikan setzt mit der Leihgabe ein starkes Statement

Deshalb bemüht sich das Ethnologische Museum unter seinem Leiter Pater Nicola Mapelli um eine schrittweise Öffnung, im Austausch mit anderen Kulturen. Den Australiern hat man bereits einen Teil ihrer Kultgegenstände, die mit den Bestattungsriten der Aborigines zusammenhängen, zurückgegeben. Zurzeit finden Ausstellungen in Kolumbien und Indonesien statt. Sharjah aber ist ein besonderer Glücksfall. Hier steht Sultan al-Qasimi, der als kulturbegeistertes und intellektuelles Oberhaupt seines kleinen Landes gilt, dem Dialog sehr offen gegenüber. Er hat in seinem Reich über vierzig Museen eingerichtet, zu einer Zeit, als man in anderen arabischen Ländern noch nicht an Museen dachte. Der Vatikan verspricht im Katalogtext der Ausstellung, die islamischen Objekte „mit dem gleichen Respekt zu behandeln wie die Leonardos, Raffaels und Michelangelos.“

Das Islamische Museum von Sharjah ist ein langgezogener weißer Kuppelbau mit vielen Nischen, der bis 2008 ein Kaufhaus war. Dass der Vatikan seine Werke zum ersten Mal ausleiht, ist ein Stück Diplomatie und ein starkes Statement. Es stimmt mit der neuen Linie unter Papst Franziskus überein. Während sich Benedikt gegenüber anderen Religionen oft abgrenzend geäußert hat, zumal in Richtung Islam, wird nun eine andere Melodie angestimmt.

Zwar hat sich Franziskus bisher nicht öffentlich zu dem geäußert, was man als Kulturpolitik des Vatikans bezeichnen könnte. Allerdings hat er im vergangenen Oktober bei einer Rede vor den Sponsoren des Ethnologischen Museums des Vatikans auf die wichtige Rolle der Kultur in religiösen, sozialen und moralischen Dingen hingewiesen.

Dazu passt dann auch der Titel der Ausstellung in Sharjah: „So that you may know each other.“ Eigentlich ein Vers aus dem Koran, die Antwort auf die Frage, warum die Menschen so verschieden sind – damit sie sich besser kennenlernen mögen. Das ist das Pfingstmotto schlechthin, Diversität als Chance, vereinbart zwischen Rom und dem Islam. Und zwar auf Augenhöhe, was auch heute noch alles andere als selbstverständlich ist.

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