Kultur : Venceremos?

Lateinamerika hat sich vom Kontinent der Militärdiktaturen zum Kontinent linker Regierungsexperimente gewandelt. Ein Gang durch die Geschichte

Karin Ceballos Betancur

Wer hätte gedacht, dass ein einfaches Kleidungsstück noch so viel Aufregung verursachen kann, 20 Jahre nach Joschka Fischers Turnschuhauftritt im hessischen Landtag? Wieder geht es um einen Mann. Und, zur Abwechslung, um einen Pullover. Der Mann heißt Evo Morales und ist seit Januar Präsident der südamerikanischen Republik Bolivien. Der Pullover, den er zum Antrittsbesuch beim UN-Generalsekretär Kofi Annan und beim Empfang des spanischen Königs Juan Carlos trug, ist ein Ringelstrickmodell und im Internet unter www.boliviamall.com für 49 Dollar zu haben. Unlängst hat die taz die Handarbeitsanleitung für den ebenfalls geringelten, bereits legendären Dutschke-Fummel preisgegeben: „In jeder 5. Reihe werden auf beiden Seiten am Rand je 2 M zusammengestrickt (die Krausrechtsreihen werden nicht mitgezählt!).“ Zumindest an diesem Punkt scheint es also, als wiederhole sich die Geschichte, allerdings weder als Tragödie noch als Farce, sondern einfach als Strickmuster.

Spätestens seit der „Pullovermann“ (Jungle World) zum bolivianischen Staatsoberhaupt gewählt worden ist, konstatieren Medien und mit ihnen die Weltöffentlichkeit einen „Linksruck“ in der Politik Lateinamerikas. Wo zuvor eine halbwegs differenzierte, wenn auch insgesamt wenig interessierte Betrachtung einzelner Staaten vorherrschte, dominiert nun das großzügige Rot-Schraffieren von Flächen auf der Landkarte des Kontinents: Argentinien (Präsident Néstor Kirchner), Brasilien (Luiz Inácio Lula da Silva), Chile (Michelle Bachelet), Uruguay (Tabaré Ramón Vázquez Rosas), natürlich Kuba (Fidel Castro) und Venezuela (Hugo Chávez). Mit rosa Fragezeichen versehen bleiben im Wahljahr 2006 Mexiko (Kandidat Manuel López Obrador) und Peru (Ollanta Humala). Ist das die Rückkehr der Erben Salvador Allendes? Der neue Versuch eines demokratischen Wegs zum Sozialismus auf einem Kontinent, der nach den gescheiterten Revolutionen jahrzehntelang unter brutalen Militärdiktaturen geblutet hat? Werden wir Zeugen von etwas, von dem die Schallplatten unserer Eltern handeln? „El pueblo unido jamás será vencido“ – „Das vereinte Volk wird nie besiegt werden“?

Eher nicht. Vielleicht hat die seit Wochen vorherrschende Überinterpretation der Ereignisse zunächst mit einem Missverständnis zu tun, das entsteht, wenn man versucht, lateinamerikanische Parteinamen zu übersetzen und dann nach einer direkten Entsprechung sucht. So ist die Chilenin Michelle Bachelet, die an diesem Samstag als erste Frau in der Geschichte die Präsidentschaft des Landes übernimmt, zwar Mitglied der Sozialistischen Partei Chiles. Diese aber hat sich längst von radikalen Forderungen verabschiedet und vertritt einen bestenfalls linksliberalen Kurs innerhalb eines neoliberalen Kontexts. Im Wahlkampf kandidierte Bachelet für ein moderates Parteienbündnis, die so genannte „Concertación“ – was „Vereinbarung“ bedeutet und auf den gemäßigten Zuschnitt der Allianz hinweist. Ihren Sieg als Triumph der Linken in Chile zu deuten, ist ähnlich absurd, als wollte man den Ausgang der Bundestagswahlen 1998 mit einem Bekenntnis zur Revolution vergleichen.

Als im Januar 1959 die siegreichen kubanischen Rebellen in der Hauptstadt Havanna einmarschierten, wurde dieses Ereignis in den westlichen Industrienationen von einer im Entstehen begriffenen Protestbewegung mit großem Interesse zur Kenntnis genommen. Südamerikanische Autoren wie Mario Vargas Llosa, Gabriel García Márquez und Julio Cortázar, aber auch europäische Intellektuelle wie Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir statteten den „Barbudos“ regelmäßig Besuch ab, um sich nach den Fortschritten der „neuen Menschen“ zu erkundigen, bis die breite Front der Sympathisanten schließlich 1971 am Schauprozess gegen den Schriftsteller Heberto Padilla endgültig zerbrach. Bis dahin allerdings hatten sich bereits zahllose Studenten in Italien, Frankreich und Deutschland unter dem Konterfei des ermordeten Guerilleros Che Guevara in den Straßen versammelt. Der chilenische Weg zum Sozialismus wurde an den Universitäten von Berlin bis Buenos Aires intensiv diskutiert. Als 1973 in Chile und drei Jahre später auch in Argentinien die Militärs putschten, ihre politischen Gegner in Folterkammern quälten und anschließend verschwinden ließen, bildeten sich in Europa zahllose Solidaritätskomitees. Die Zeitungen begannen, über die Menschenrechtsverbrechen zu berichten.

Nach der langsamen Rückkehr zur Demokratie im Laufe der 80er Jahre, vielfach erkauft um den Preis zynischer Amnestien für die Schlächter, wurde es still um den Kontinent. Das Interesse der medialen Öffentlichkeit verlagerte sich auf die aufstrebenden Wirtschaftsnationen in Asien, nach dem 11. September 2001, der den chilenischen 09/11, dem Tag des Putsches 1973 längst aus der Erinnerung verdrängt hat, auf den Nahen Osten. Attac, das weltweite Netzwerk der westlichen Linken, hat Lateinamerika kaum noch auf der Tagesordnung.

Natürlich hat sich die Lage für die Bevölkerung der Länder, die unter den mörderischen Diktaturen gelitten haben, seit der Rückkehr zur Demokratie insgesamt verbessert. Wenig verändert hat sich indes für das Gros der Unterschicht, für die Unterdrückten und Marginalisierten. Sie sind die Verlierer des neoliberalen Kurses, den Weltbank und Internationaler Währungsfonds den jungen Demokratien verordnete. Heute müssen die institutionellen Medizinmänner selbst einräumen, dass der Trickle-Down-Effekt, das langsame Durchsickern des Reichtums von oben nach unten, eine Schimäre war. Und es ist vor allem dieser Umstand, dem die jüngsten Wahlergebnisse an den Wahlurnen Lateinamerikas geschuldet sind. Das Hauptproblem, mit dem alle linken und linksliberalen Staatschefs des Kontinents zu kämpfen haben, ist der von ihren Vorgängern geschaffene Boden, auf dem sie gezwungen sind, ihre Wahlversprechen umzusetzen. Die meisten der ehemals staatlichen Betriebe, die die Grundversorgung der Bevölkerung mit Wasser und Energie sichern, sind längst privatisiert worden. Werden sie verstaatlicht, führt das zu einem Aufschrei der Weltöffentlichkeit – obwohl die Privatisierung in Lateinamerika weitaus gravierendere Folgen hat als in Europa, wo eine breite Mittelschicht über ungleich größere finanzielle Ressourcen verfügt als die Mehrheitsbevölkerung an der Peripherie.

Dieser Hintergrund ist eine wesentliche Ursache dafür, dass es für die meisten der neuen Staatschefs zunächst einmal nur darum gehen kann, vorhandene staatliche Mittel gerechter zu verteilen. Schon das ist viel, vor allem in einem Land wie Bolivien, das sich nie vollständig von seiner kolonialen Vergangenheit gelöst hat, und in dem 70 Prozent der Bevölkerung, die Indígenas, bis zum heutigen Tag unter rassistischer Ausgrenzung leiden. Dass konservative Kreise skeptisch bis ablehnend auf die bisher zwar verbal markig vorgetragenen, in der Praxis jedoch erst zaghaft vorgenommenen Reformen des neuen Präsidenten reagieren, kann kaum überraschen.

Die Sprache, mit der seine Amtshandlungen begleitet werden, drängt ihn, den „Ureinwohner“, „Abkömmling der Aymara- und Quechua-Indios“ (FAZ) in die Ecke des unmündigen, naiven Kindes. Fidel Castro gilt als „Ziehvater“ des Mannes, den der venezolanische Präsident Hugo Chávez „unter seine Fittiche“ genommen hat. Wenn Venezuela und Bolivien vereinbaren, Diesel im Tausch gegen Agrarprodukte zu liefern, gerät das zur „Geste des reichen Onkels“, dem Morales als „gelehriger Schüler“ sekundiert.

Ins Infame kippt diese Haltung, wenn der FAZ-Korrespondent Josef Oehrlein einen weitgehend sachlichen Bericht über die geplante Liberalisierung des Koka-Anbaus in Bolivien mit der Mutmaßung schließt, die Regierung der Andenrepublik könnte dazu übergehen, sich selbst am Drogenhandel zu beteiligen, um ihre Wahlversprechen zu finanzieren. Dass Kuba, von den Vereinigten Staaten zur Koordinate auf der so genannten „Achse des Bösen“ fixiert, und Venezuela für einen entschlossenen Reformer wie Evo Morales zur Bezugsgröße werden, hat vor allem damit zu tun, dass beide Länder, im Gegensatz zu den USA, mehr zu bieten bereit sind als Unterstützung bei der Drogenbekämpfung. Zum Beispiel die Ausbildung von 5000 bolivianischen Ärzten und die finanzielle sowie personelle Unterstützung bei Alphabetisierungskampagnen. Man mag das als Populismus abtun. Aber dann muss man auch bereit sein, als Marginalie zu bezeichnen, dass jeder achte Bolivianer weder lesen noch schreiben kann. Und die Unterstützung beschränkt sich nicht auf den Kontinent. Kubanische Hilfsangebote für die Hurrikanopfer in den Katastrophengebieten des Nordens wurden abgelehnt. In Boston hat sich Hugo Chávez in diesem Winter bei der notleidenden Bevölkerung beliebt gemacht, indem er Heizöl zu stark verbilligten Preisen zur Verfügung stellte. Vielleicht ist das populistisch. Aber möglicherweise würden sich die Bewohner Nordamerikas zuweilen ein wenig Populismus der eigenen Regierung wünschen.

Es hat nichts mit Anti-Amerikanismus zu tun, wenn man darauf hinweist, dass im gleichen Zeitraum die Jahresbilanz des US-Ölkonzerns Exxon-Mobil bekannt wurde, 36,1 Milliarden Dollar, der höchste Gewinn in der Firmengeschichte der Vereinigten Staaten überhaupt. Die Ölpreise hat das Unternehmen trotzdem nicht gesenkt, auch nicht als Hurrikan Katrina im Süden der USA tobte und die Preise in exorbitante Höhen trieb, während Exxon-Mobil den höchsten Quartalsgewinn des Jahres verzeichnete.

Seit Chávez 1999 in Venezuela an die Macht kam, werden Verschwörungstheorien gepflegt, bei denen der Präsident zum „Paten von Südamerika“ (FAZ) avanciert. Dabei ist gegen die finanzielle Unterstützung politischer Partner wenig einzuwenden, solange sie transparent bleibt. Über die Zuwendungen der CIA an die Allende-Opposition in Chile erfuhr man erst Jahre später. Und auch heute unterstützen die USA ihre Verbündeten im Süden, zum Beispiel den kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez. Nicht nur bei der Drogenbekämpfung, wie es im Plan Colombia vorgesehen ist, der ursprünglich ausschließlich zu diesem Zweck bestimmt war, sondern längst auch nachweislich bei Militäreinsätzen gegen die politisch unliebsame Guerilla.

Aber auch die Linken und Linksliberalen haben ihre Probleme mit dem „Ruck“, der durch Lateinamerika geht. So gerät die Antrittsreise Evo Morales’ zur „PR-Tournee“ (SZ); die Wochenzeitung Jungle World wirft dem Präsidenten, der mit 54 Prozent der Stimmen demokratisch gewählt wurde, „ethno-chauvinistische Demagogie“ vor. Es fällt schwer, insbesondere letzterem Gedanken zu folgen, bezieht sich Morales mit seinem Bekenntnis zu ethnischer Identität doch auf ein höchst emanzipatorisches Potenzial in einem Land, in dem eine Mehrheit jahrhundertelang ausgegrenzt und unterdrückt wurde, wie Stefanie Kron in der gleichen Zeitung ausführt. Wer hier rassistisch und „ethno-chauvinistisch“ argumentiert hat, war die herrschende, hellhäutige Oberschicht. Weil es Morales um Versöhnung und eben nicht um Diskriminierung unter anderen Vorzeichen geht, hat er seine Amtsübernahme sowohl an einer bedeutsamen Inka-Stätte zelebriert, als auch im bolivianischen Parlament.

Interessanter als der Gegensatz zwischen rechts und links ist ohnedies, wie weit sich die neuen Staatsoberhäupter vom autoritären Staatsprinzip entfernen. Die Messlatte, die hier angelegt wird, darf allerdings nicht an europäischen Verhältnissen geeicht werden. Von linker Seite ausgerechnet einem Präsidenten wie Morales wegen der Stärkung staatlicher Instanzen autoritäres Auftreten vorzuwerfen, wirkt pennälerhaft und verkennt, dass das Land, dass der gesamte Kontinent in den vergangenen 20 Jahren „weniger Staat“ recht ausschließlich als neoliberales Modell kennen gelernt hat, das Korruption und Willkür Tür und Tor geöffnet hat. Wenn die neuen Repräsentanten den „starken Staat“ bemühen, so hat das weniger mit Autoritarismus zu tun als damit, den kapitalistischen Staat wenigstens erneut als Regulativ demokratischer Werte wie Freiheit und Gleichheit zu etablieren.

Ins Leere geht auch der Vorwurf, die neue Regierungslinke Lateinamerikas habe sich nicht vom Staatsgedanken emanzipiert, sondern belebe ein System, das keinen emanzipatorischen Erfolg verspricht. Natürlich nicht, jedenfalls nur in Maßen. Keiner dieser Kandidaten ist angetreten, um das demokratische Prinzip in Frage zu stellen. Sie haben teilgenommen am Streit um die Macht im Staat, was bedeutet, dass sie nicht vorhaben, den Kapitalismus aus den Angeln zu heben. Revolutionen werden nicht von gewählten Präsidenten verordnet. Das allerdings ausgerechnet in einem Vorwurf Richtung Lateinamerika zu formulieren, verweist auf den Wunsch des Deutenden, der sich immer noch nicht von der Hoffnung verabschiedet hat, andere mögen den emanzipatorischen Befreiungsschlag stellvertretend vollziehen. Es ist der alte europäische Traum der Helden, die anderswo agieren. Bisher sprechen erste Schritte für Evo Morales. Die Abgeordneten des Parlaments haben einer Halbierung ihrer Diäten von 2840 auf 1310 Dollar im Monat zugestimmt. Kurz zuvor hatte der Präsident selbst sein Gehalt um mehr als 50 Prozent gekürzt. Der Senat soll nachziehen. Immerhin. Es täte der Diskussion gut, wenn sie dazu zurückkehren würde, sich die Verhältnisse vor Ort im Kontext anzusehen, statt allgemein gültige Aussagen für einen Kontinent treffen zu wollen, der Europa an Diversität in nichts nachsteht. So ist an Morales und Bachelet weniger bemerkenswert, dass beide für linke Bündnisse die Präsidentschaft übernehmen, sondern dass ein Indígena und eine Frau zu Staatsoberhäuptern gewählt worden sind. Der Indígena in Bolivien, die Frau in Chile, wohlgemerkt. Umgekehrt wäre das kaum denkbar gewesen. Soviel zum Thema Fortschritt und Paradigmenwechsel.

Der Evo-Pulli geht übrigens ganz einfach: Bündchen, ein breiter dunkelblauer Streifen, ein schmaler hellblauer Streifen, breit rot, breit dunkelblau, schmal hellblau, breit rot, breit beige, schmal weiß, schmal grau, breit blau, schmal grau, breit beige und dann rot bis zum Hals. Man kann allerdings auch Grün, Orange und Lila nehmen und was ganz anderes stricken. Eine Mütze zum Beispiel. Oder eine Schallplatte.

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