Venedig : Pfahl und Stahl

Schönes Monster: Nach jahrelangen Querelen wird die 400 Tonnen schwere Brücke über Venedigs Canal Grande gebaut. Der grazile Bogen von Stararchitekt Santiago Calatravas soll am 7. August komplett sein.

Paul Kreiner
Calatrava-Brücke
Erste Lieferung: Der Bau der neuen Calatrava-Brücke ist voll im Gange. -Foto: dpa

Vom Campanile am Markusplatz schlägt es Mitternacht. Das ist „Susannas“ Stunde. Mit aufreizender Langsamkeit, gezerrt von vorne, von hinten getrieben, schiebt sich der gigantische Lastkahn in den Canal Grande. Gespenstisch leer öffnet sich Venedigs größte Wasserstraße, keine Gondel weit und breit, kein Motorboot an den Pfählen vertäut. Für „Susanna“ wurde alles aus dem Weg geräumt. Sie transportiert zwei rostrote Stahlgerippe, jeweils 85 Tonnen schwer, acht Meter breit und 15 Meter lang - die ersten Teile von Santiago Calatravas neuer Brücke. Gut sechs Stunden soll die Passage durch den S-förmigen Kanal dauern. Und am Ufer fiebern Tausende Zuschauer mit: Schafft das Monstrum die Kurven? Vor allem aber: die Durchfahrt unter der Rialto-Brücke?

Ein Wunder ist, dass „Susanna“ überhaupt fährt. Elf Jahre hat Venedig darauf gewartet; manche wetteten bereits, der Augenblick werde nie kommen. Viele spotteten, Venedig leiste sich „die längste Brücke Italiens“ – in der Zeit bis zur Fertigstellung.

Die Stadtregierung unter dem linken Philosophen Massimo Cacciari hatte 1996 den spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava engagiert. Venedig wollte eine neue Eingangszone, eine leistungsfähige „Landverbindung“ zwischen dem Piazzale Roma – wo die Busse und die Autos von jährlich 20 Millionen Touristen ankommen – und dem Hauptbahnhof am gegenüberliegenden Ufer des Canal Grande. Venedig wollte aber auch ein Eingangstor zur Moderne: Die Stadt, auch für ihre Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltbekannt, hatte nichts Bleibendes dieser Art. Ihr Bauzustand entspricht weitgehend dem Stand von 1796, dem Jahr, in dem die „Serenissima“ ihre Selbstständigkeit erst an Napoleon, gleich danach an Österreich verlor.

Und Calatrava entwarf: Einen 94 Meter langen grazilen Bogen aus Stahl, Istria-Marmor und Glas, der die einen an die Wirbelsäule eines Urzeitmonsters erinnert, andere an den leichten Wurf eines Seils, mit dem anlegende Boote ihren ersten Kontakt zum Kai aufnehmen. Die Brücke soll von innen-unten so beleuchtet werden, dass sie sich – so Calatravas Vorstellung – wie ein Lichtteppich über den Canal Grande schwingt.

Sagt sich so leicht. Die erste Stahlfirma aber, überfordert von Calatravas Ideen, ging in die Knie. Die Seitenteile erwiesen sich statisch als zu schwach gerechnet. Technische Umplanungen, Streitigkeiten vor Gericht, politischer Wetterwechsel in der Kommune verzögerten das Projekt. Die Kosten von 3,8 Millionen Euro verdreifachten sich, und aus den exakt 456 Tagen, die für die Verwirklichung angesetzt waren, wurden Jahre.

Die Stadt schoss aus vollen Rohren gegen Calatrava, und Calatrava schoss zurück: Hätte man nur eine Konstruktionsfirma seines Vertrauens gewählt, dann wäre alles reibungslos gelaufen; Venedig aber habe alles extra billig haben wollen. Dann entdeckten Kritiker, dass Calatravas Werk nicht behindertengerecht war: „Rassismus eines Architekten-Snobs!“ riefen sie. Denkmalschützer sahen die „Skyline“ der Lagunenstadt „irreparabel beschädigt“. Und Einheimische fragten, was Venedigs 435. Brücke überhaupt solle: Über sie brauche man acht Minuten für einen Weg, der mit dem Linienschiff in drei Minuten zu erledigen sei.

Die jüngste Attacke erfolgte in diesem Frühjahr: Die Konstruktion laste mit je 1500 Tonnen auf den Widerlagern am Ufer, das entspreche jeweils 37 Großlastwagen, auf wenige Quadratmeter zusammengepresst – wie sollten die Pfähle im Fundament das jemals aushalten?

Schon von der Rialto-Brücke glaubte niemand, dass sie zu verwirklichen sein würde. Und dann stand sie doch, 1591, nach nur drei Jahren Bauzeit. Bis ins 19. Jahrhundert blieb sie die einzige Verbindung über den Canal Grande. Die Österreicher bauten dann zwei weitere, aus Stahl – die Scalzi-Brücke und den Ponte dell'Accademia. Zwischen 1931 und 1933 wurden sie, vom Rost zerfressen, durch neue ersetzt, aus Istria-Marmor die erste, aus Holz die zweite. Ein Provisorium bis heute.

Calatravas Brücke hat ihre Generalprobe bestanden: „Susanna“ schaffte die Strecke vier Stunden schneller als geplant; die Passage unter der Rialto-Brücke war in 25 Minuten erledigt. Die Krönung aber fehlt noch: das Mittelstück, 64 Meter lang, 250 Tonnen schwer. Vermessungsingenieure versichern, es passe gerade noch so durch den Canal Grande. Am 7. August wird man ja sehen.

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